Rheinpfalz Wenn das Entsetzliche Wirklichkeit wird
„Leider müssen wir heute überall in Europa mit der Bedrohung durch den Terror leben“, sagte gestern Tim Pohlemann, Direktor der Unfallklinik an der Homburger Uni. Zusammen mit kriegserfahrenen Ärzten der Bundeswehr leitet Pohlemann seit Dienstag eine fünftägige Schulung für Chirurgen: Dort lernen die Ärzte, was in den entscheidenden Momenten nach einem Terroranschlag zu tun ist. Dabei müssen sie völlig anders vorgehen, als sie dies etwa von Verkehrsunfällen kennen.
„Bei Unfällen werden die Patienten ja zunächst an Ort und Stelle erstversorgt – erst dann kommen sie ins Krankenhaus“, erläuterte Pohlemann, der auch als Funktionär des Trauma-Netzwerks Saar-Lor-Lux-Westpfalz oft mit schwersten Verletzungen von Patienten konfrontiert wird. „Nach Anschlägen sieht das ganz anders aus“, so der Professor: „Medizinische Laien, die zufällig am Ort des Geschehens sind, packen Verletzte ins Auto und fahren sie in die nächste Klinik. Dort, in den Krankenhäusern, kommen dann auf einen Schlag zahlreiche Schwerstverletzte an, die noch keine Erstversorgung haben.“ Oft müssten die Ärzte binnen Sekunden entscheiden, wie sie das Leben der Terror-Opfer retten: Zum Beispiel würden schwere Bauchverletzungen sofort behandelt. „Da bleibt oft keine Zeit, auch Beine oder Hände frühzeitig so zu operieren, wie das nach Unfällen üblich ist“, sagte Pohlemann: „Das sind Situationen, die man aus Kriegen kennt. Da muss man leider manchmal darauf verzichten, ein Bein zu retten, wenn gleichzeitig viele andere Verletzte im Flur liegen und akut vom Tod bedroht sind.“ An Pohlemanns Klinik lernen 24 Chirurgen aus ganz Deutschland noch bis Samstag, wie sie in kürzester Zeit eine große Zahl schwer verletzter Terror-Opfer auf diverse regionale Krankenhäuser verteilen und welche speziellen Handgriffe wann und von wem ausgeübt werden müssen. Ein paralleler Kurs unterweist 30 Ärzte in außergewöhnlichen Chirurgie-Techniken, die das Leben von Anschlagsopfern mit zerfetzten Körpern retten können. Bei beiden Kursen sind 14 Chirurgen aus den vier großen saarländischen Kliniken Homburg, Saarlouis, St. Wendel und Saarbrücken-Winterberg dabei, die das Erlernte in den regionalen Krankenhäusern an die Kollegen weitergeben sollen. Oberstabsarzt Benedikt Friemert, Unfallchirurgie-Chefarzt am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, ist mit seiner Erfahrung aus militärischen Einsätzen in Krisengebieten ein wichtiger Mitbegründer des Schulungsprogramms. Dieses wurde vom Saarland finanziert und als Pilotprojekt auch für andere Bundesländer konzipiert. „In den Momenten nach einem Anschlag fragen die Leute nur, wo das nächste Krankenhaus ist. Dort bringen sie die Opfer hin. In dieser Situation ist es ihnen völlig egal, ob das vielleicht eine Spezialklinik für Krebskrankheiten ist“, sagte Friemert gestern: „Auch solche Kliniken müssen lernen, im Austausch mit anderen Häusern in kürzester Zeit Krisensituationen zu bewältigen.“ Für die enge Zusammenarbeit mit Krankenhäusern in der weiteren Umgebung sorge nicht zuletzt das Trauma-Netzwerk, sagte Pohlemann: An diesem seien auch die Häuser in Kaiserslautern und Pirmasens beteiligt. „In Homburg gibt es schon seit zehn Jahren Kurse zum medizinischen Umgang mit derartigen Ausnahmesituationen“, erläuterte der Chefarzt. „Inzwischen beschäftigen sich auch Kollegen in Berlin intensiver mit der Materie. Wir betreiben jetzt das Pilotprojekt, weil die Sache bundesweit immer noch sehr unterschiedlich gehandhabt wird. So werden in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg andere Konzepte verfolgt – und in Nordrhein-Westfalen sagen sie, dass sie so etwas nicht brauchen, weil es dort genügend Krankenhäuser gebe.“ Einen engen Austausch betreibe die Uniklinik mit den US-Streitkräften – schon seit den Zeiten vor der Flugtags-Katastrophe von Ramstein. „Nur mit Frankreich ist die Zusammenarbeit immer noch schwierig“, kündigte Pohlemann neue Anstrengungen an, eine bessere grenzüberschreitende Notfall-Kooperation zu organisieren.