Herxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Walter Menzlaw verlässt das Kollektiv des Chawwerusch-Theaters

Weniger kritisch, sondern zufrieden blickt Walter Menzlaw zurück auf sein Lebenswerk beim Chawwerusch.
Weniger kritisch, sondern zufrieden blickt Walter Menzlaw zurück auf sein Lebenswerk beim Chawwerusch.

„Aufhören steht gar nicht zur Diskussion“, sagt Walter Menzlaw. Auch mit 75 will er weiter schreiben, Stücke entwickeln und inszenieren – aber als freier Autor und Regisseur.

Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ ist seine letzte Regiearbeit im Kollektiv – „die habe ich zelebriert“, sagt Walter Menzlaw. Mit diesem Abschluss sei er glücklich. Nach der Silvestervorstellung schließt sich für ihn nicht nur ein Kapitel seines Lebens, sondern sein Lebenswerk. „Ich mache die Tür zu, die ich vor 45 Jahren mit aufgestoßen habe“, sagt er. Als die Theaterleute, die zuvor als Wandertruppe durch die Lande zogen, 1984 zum ersten Mal mit Taschenlampen in den Tanzsaal des ehemaligen Herxheimer Wirtshauses leuchteten, lag überall noch Konfetti vom Karneval verstreut, erinnert sich Menzlaw. „Ein Raum, der Geschichte hatte.“ Er hat einen großen Teil beigetragen, ihn zu füllen: 76 von 129 Produktionen tragen seine Handschrift.

Vor 45 Jahren ist Walter Menzlaw in die Pfalz gezogen für sein Chawwerusch-Theater. Und inzwischen fühle er sich auch als Pfälzer, erzählt er, obwohl der hessische Zungenschlag immer noch durchklingt. Aufgewachsen ist Menzlaw die ersten Jahre in einem kleinen Dorf im Odenwald als Sohn eines Dorfschullehrers. Doch eigentlich stammt seine Familie aus Darmstadt, war ausgebombt. Als er zehn war, kehrten sie zurück in die Stadt.

An Silvester wird Walter Menzlaw hier zum letzten Mal abschließen.
An Silvester wird Walter Menzlaw hier zum letzten Mal abschließen.

Mit dem Chawwerusch, einem kleinen Theater auf dem Land, wurde für die Schauspieler eine Utopie Wirklichkeit. „Wie kommt man denn in die Provinz?“, sei er immer wieder gefragt worden. Menzlaw erschütterte das nicht. Dieses Landleben war sein Wunschtraum, den Menzlaw nicht mit einer festen Stelle an einem großen Haus hätte eintauschen wollen, wie er sagt. Er sei zufrieden. „Ich habe nicht das Gefühl, einen Karriere verpasst zu haben. An Silvester schließe ich zu, froh, dass ich viel von meinen Vorstellungen eingelöst habe. Und mich dabei nicht so sehr der Ökonomie zu beugen, stachelig zu bleiben.“ Er habe realisiert, wovon seine Mutter, die gerne Musikerin geworden wäre, nur träumen konnte.

Dabei muss das Chawwerusch als größte freie Bühne mit eigener Spielstätte in Rheinland-Pfalz einen üppigeren Teil seiner Betriebskosten selbst erwirtschaften als ein hoch subventioniertes Stadt- oder Staatstheater. Will heißen: Die Produktionen müssen sich verkaufen lassen – und das bei wachsender Konkurrenz durch verschiedene Medien. Kunst allein der Kunst wegen könne sich das Chawwerusch nicht leisten, sagt Menzlaw. Doch dieser Kompromiss habe ihn nicht so sehr geschmerzt wie ein Brotjob 8 bis 17 Uhr, den viele Künstler machten, um nebenbei experimentell arbeiten zu können.

76 von 129 Produktionen hat Walter Menzlaw in 42 Jahren als Autor oder – wie hier – am Regiepult begleitet.
76 von 129 Produktionen hat Walter Menzlaw in 42 Jahren als Autor oder – wie hier – am Regiepult begleitet.

Der wirtschaftliche Druck allerdings ist über die Jahre gewachsen. „Früher haben wir Stücke wesentlich länger spielen können“, rekapituliert Menzlaw. Heute wollten die Zuschauer und Veranstalter, bei denen die Herxheimer Truppe regelmäßig Gastspiele gibt, eine schnellere Taktung der Produktionen. Und zwei Drittel der Vorstellungen sind Gastspiele, die ein festes Honorar garantieren, also nicht das Risiko leerer Reihen im eigenen Saal bergen. Doch der schnelle Takt der Produktionen, die nicht so aufwändig sind wie an großen Bühnen, habe auch einen Vorteil. „Man kann auch zulassen, mal nicht so zufrieden zu sein. Denn man bekommt immer wieder die Chance, es neu zu probieren.“

Als Kollektiv hat jeder Künstler im Chawwerusch auch die Verantwortung für Finanzen und Mitarbeiter wie in einem mittelständischen Betrieb. Das sei ihm in seinem Alter zu anstrengend geworden. Die wirtschaftliche Verantwortung in der Theaterleitung wolle er mit 75 nicht mehr übernehmen. „Schon seit einiger Zeit mache ich nur noch, was ich wirklich machen will“, sagt der Theatermann. Die Öffentlichkeitsarbeit fürs Chawwerusch hat Menzlaw schon seit Längerem in die jüngeren Hände von Schauspielerin Miriam Grimm gelegt. Danilo Fioriti wird jetzt seine Aufgabe als Autor übernehmen, Susanne Schmelcher in Regie und Dramaturgie seinen Platz füllen. Auf der Bühne stand Menzlaw nur selten. Die Gewissheit des Generationswechsels gebe ihm ein wunderbares Gefühl: „Ich muss den Raum nicht ausräumen.“

Schreiben im Kostümfundus: Walter Menzlaw.
Schreiben im Kostümfundus: Walter Menzlaw.

Er hat auch schon Pläne für sein erstes Jahr als freischaffender Regisseur: ein Projekt mit einem ambitionierten Amateurtheater in Ludwigsburg, das ein Freilichttheater über die letzten vier Wochen des Zweiten Weltkriegs im Ort auf die Beine stellen will. Diese Form des Stationentheaters auf der Basis von selbst recherchierter Dorfgeschichte mit Laien hat Menzlaw mit entwickelt. „Die Zuschauer sollen selbst zu Spielenden werden bei diesen Bühnen des Lebens.“

Etliche Projekte gab es auch in der Pfalz – das erste mit Thomas Kölsch 1984 in Schweigen-Rechtenbach zu „Orpheus und Eurydike“ sollte Alt- und Neubürger in einem gemeinsamen Projekt näher bringen. Die gemeinsamen Stunden gehören zu seinen schönsten Erinnerungen: wenn der Männerchor des Dorfs alles annimmt vom Nazi-Lied bis zur Internationalen und die Sänger noch hinter den Kulissen als gute Seelen der Produktion überall anpacken.

Fühlt sich nach 45 Jahren in der Region als Pfälzer.
Fühlt sich nach 45 Jahren in der Region als Pfälzer.

„Begegnung ist uns wichtig“, sagt Menzlaw. „Theater zum Anfassen“, nennt er das. Einen riesigen Kreis von rund 150 erprobten Spielern habe sich über die Jahre gefunden, die unkompliziert überall einsprangen, wo jemand mit Erfahrung nötig war. Und mancher, der über die Jahre im Chawwerusch anklopfte, hat es auf die Profibühne geschafft – die Schauspielerin Friederike Becht beispielsweise.

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