Wörth
Wahrhaftig zum Hinschmelzen: „Dido und Aeneas“ in der Festhalle
Eine Bühnengemeinschaft aus Orchester, Chor und Gitarrenensemble der Musikfreunde Wörth e. V. in Kooperation mit Chor und Ballett sowie durchweg fabelhaften Gesangssolisten der Musikschule Bühl brachte am Freitagabend die Barockoper „Dido und Aeneas“ auf die Bühne der Wörther Festhalle. Am Pult agierte Boris Yoffe, der auch das Regiekonzept entworfen und gemeinsam mit dem Bühler Kollegen Christoph Stengel die Einstudierung betreut hatte.
Henry Purcells dreiaktiges Melodram „Dido und Aeneas“ rauscht in einer Stunde seinem dramatischen Ende, dem Selbstmord der Königin durch Schlangenbiss, entgegen; in dieser knappen Zeitspanne formen sich Liebesglück und Liebesleid, Hexen-Intrige und Staatsraison, Schicksal, Bestimmung zum Leben und auch zum Tod in einer einzigartigen Melange zu einem ebenso kompakten wie grandiosen Kunstwerk. Uraufgeführt 1688 in einem Mädchenpensionat (!) in Chelsea. Erhalten ist allein der Autograf des Librettisten Nahum Tate; Purcells Musik hat sich die wissenschaftliche Nachwelt sozusagen nur über spätere Abschriften zusammengesucht.
So konzentriert der Plot die Liebesepisode des Troja-Helden und Stammvaters des Römischen Reiches mit der stolzen Herrscherin Karthagos zusammenfasst, so opulent startet Purcell seine Partitur aus. Eine tragende Rolle kommt dabei dem Chor zu, der – in Anlehnung an die antike Tragödie – als omnipräsenter Motor das Geschehen erzählend und kommentierend am Laufen hält. Das bedeutete mächtig viel „Stoff“ für die Ausführenden, Vokalisten ebenso wie das vorzügliche Kammerorchester, besetzt mit Streichern, zwei Flöten und Cembalo.
Die Notenbücher als Rosen
Yoffes Regiekonzept balancierte geschickt zwischen konzertanter und szenischer Wiedergabe, arbeitete ohne Bühnenaufbau vor schwarzem Hintergrund mit wenigen signifikanten Requisiten (Gabi Körner) – Thron, Insignien, Pappatrappen für Meer, Schiff, Sonnige Wonnestrahlen etc. –, kostümierte die Hauptdarsteller dezent, beließ die Chorgemeinschaft in unheilvollem Schwarz und exponierte die drei Hexen durch feuerrote Handschuhe. Gestik und Mimik der Protagonisten wirkten durchaus bühnentauglich, aber stets unaufdringlich, der Chor brachte durch seine permanenten Positionsänderungen Bewegung in die Szenerie. Da alles war geschmackvoll, behutsam, ohne Attitüde, einfach pointiert erdacht. Und war garniert mit fantasievollen Details, wenn etwa nach Didos Liebestod, den Purcell mit einer epischen orchestralen Trauerode kommentiert, alle Chormitglieder, in die Rolle der Liebesgötter schlüpfend, feierlich nacheinander ihre Notenbücher als „Rosen“ ihr zu Füßen „opfern“.
Auch musikalisch war man bestens aufgehoben. Boris Yoffe leitete vom Pult mit großer Geste energisch und sehr dezidiert ein allzeit präzise und klangschön, zuweilen auftrumpfend, stets aber auch perlend leicht agierendes Chorensemble, das sich zudem trittsicher über die Szene zu bewegen vermochte. Das rein aus hochbegabten Laien rekrutierte Orchester begleitet dazu differenziert, ganz im Sinne eloquent barocker Manier – nebst nuancenreicher dynamischer Palette. Ein Sonderlob für das perfekte Continuo, das vor allem die Solisten nachdrücklich unterstützte.
Dass fast ausnahmslos Protagonisten mit solider Gesangsausbildung auf der Bühne standen, war unüberhörbar. Da war einmal der angenehm klar gestaltende Bariton und Gesangslehrer Christoph Stengel von der Musikschule im badischen Bühl als Aeneas; ihm zu Seite Caroline Jacobi, die mit ausdrucksstarkem Sopran die Partie der Dido wirklich hinreißend zelebrierte, das anrührenden Sterbe-Lamento „When I am laid in earth“ – zum Hinschmelzen schön!
Mit sattem Mezzo, furios und wunderbar satanisch wirbelte Sabine Polgar als Zauberin mit ihren sich nicht minder trittsicher in Purcells polyphonen Sturmgewittern behauptenden Mithexen Mari-Carmen Habrecht und Gabi Körner (Soprane) durch die Szenerie. Anna Groll und Anna Stemmle als Gespielinnen wussten mit lieblichem Sopran-Timbre ebenso zu prunken wie mit anmutiger Darstellung. Einen kurzen, aber vielversprechenden Auftritt hatte der sehr junge Lukas Hofmann als Matrose.
Musikalische Würze lieferte zusätzlich das Gitarrenensemble aus Brühl, das sich als „Hofkapelle“, sprich: vorzügliche „Lautencompaney“ im zweiten Akt empfahl. Und last but not least lieferten die sechs Elevinnen der Ballettsparte in der Musikschule Bühl mit makellos eleganten klassischen Tanzeinlagen optische Sahnehäubchen.
Ein brillantes, hoch emotionales Bühnenspektakel – weit über den Erwartungen an Laienensembles angesiedelt; musikalisch im reinen Wortsinne wahrhaftig und zu Recht hoch bejubelt.