Rheinpfalz Urkomischer Allerwelterklärer

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KOTTWEILER-SCHWANDEN. Dass große Spaßmacher zugleich große Philosophen sind, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass das RHEINPFALZ-Gespräch mit einem Komiker und Humoristen unversehens zur Lehrstunde in Sachen Naturwissenschaft gerät, verblüfft jedoch sogar den Interviewer. Eine Begegnung mit dem ebenso komischen wie klugen Gerd Kannegieser, der gestern 60 Jahre alt wurde.

Die Figur, die Kannegieser ersonnen und auf die Bühne gebracht hat, ist ein namenloser Schwadroneur, wie er an der Theke jeder Dorfkneipe und am Stammtisch aller Sportheime anzutreffen ist. Er hat über alles und jeden eine Meinung, mit der er keinesfalls hinterm Berg hält, um während seiner wort- und bildreichen Monologe über Gott und die Welt vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, zuweilen eine gänzlich andere Richtung einzuschlagen und am Ende die Welt doch wieder dem eigenen Maßstab anzugleichen. Wie alle Welterklärer hadert dieser großspurige, nicht unsympathische Zeitgenosse mit dem Zeitgeist und den Zeitläufen, die ihm aus den Fugen geraten scheinen – und eben deshalb einen Gedankenapparat in Gang setzen, der während der verbalen Verstiegenheiten gänzlich neue Stufen erklimmt. Das Denken setzt während des Redens ein bei diesem Redner und Denker vor dem Herrn. Die Bühnenfigur des Gerd Kannegieser ist – und dies macht sie trotz intellektueller und rhetorischer Eigen- und Verstiegenheiten doch noch liebenswert – ein Mann wie du und ich oder zumindest einer, den man kennt. Sein überschaubarer, gleichwohl facettenreicher Kosmos besteht aus Alltagssorgen und Allerweltsproblemen, Freuden und Kümmernissen des sprichwörtlichen Manns von der Straße und dessen Frau. Das Erfolgsgeheimnis aller Komiker, die dem Volk aufs Maul schauen, kommt auch bei Kannegieser zum Tragen: Der kleingeistige Kleinbürger ist jener kleine Mann, der gegen die vermeintlichen Großtaten „der da oben“ aufbegehrt, indem er deren Winzlings-Kaliber und zugleich den eigenen engen Horizont aufzeigt. Dies jedoch unterscheidet die Kunstfigur von ihrem Urheber. Der wahre Kannegieser ist ein blitzgescheiter und umfassend gebildeter Humanist, ohne je dozierend aufzutrumpfen oder gar schulmeisternd mit Universalwissen zu protzen. Die Vermutung liegt nahe, dass er ein guter, weil begeisterungsfähiger Lehrer sein muss. Die Pädagogik ist der Brotberuf des Autors und Komikers. In Kottweiler-Schwanden als Sohn eines Maurers geboren, wechselte er vom Lauterer Mathematik- zum Lehrerstudium nach Landau. Die ungewöhnliche Fächerkombination von Germanistik, Mathematik und Philosophie bediente er jahrelang an der Waldorfschule Otterberg. Heute ist er als freiberuflicher Lehrer bundesweit tätig – und bis Sommer 2018 von verschiedenen Rudolf-Steiner-Schulen gebucht. Nach Lyrikveröffentlichungen in der Reihe „Kaiserslautern schreibt“ wurde er 1983 mit dem Mundartband „Scheiermanns Lina hat immer gesat…“ bekannt, zwei weitere Bücher folgten. „Mit der ,Lina’ habe ich Lesungen gemacht und zwischen den Gedichten so ein bisschen erzählt“, sagt er. „Irgendwann stand das Erzählen im Vordergrund.“ Er sei „kein politischer, sondern ein Gesellschaftskabarettist“, wolle „das Publikum einladen, über eigene Unzulänglichkeiten zu lachen, die eigentlich alle kennen“. Nach diesem Muster hat er sich inzwischen 18 Bühnenprogramme auf den Gemütlichkeit suggerierenden Leib geschrieben. Während er noch mit „Gerd Kannegieser packt aus“ auftritt, hat die neue Show „Komm, geh fort“ bereits ihre Premiere erlebt. Deren Untertitel lautet „Wo ware mer stehe geblibb?“, weil sie nahtlos an die zuvor geschilderte, urlaubsstressbedingte Trennung anschließt. Im Unterschied zu den sogenannten Comedians des fantasie- und farblosen Frotzel-Fernsehen reiht Kannegieser nicht einen Witz an den anderen, sondern bettet seine Hinnerpalz-Humoresken in eine integrale Handlung ein. Es sind Ein-Personen-Stücke. Viele Jahre hat Gerd Kannegieser in Hinzweiler im Kreis Kusel gelebt, inzwischen hat der Vater dreier erwachsener Kinder seine Zelte in Kaiserslautern aufgeschlagen. Wenn er nicht gerade „Texte für den ,Bühnen-Kannegieser’“ schreibt, widmet er sich philosophischen Studien – und träumt weiter von der Veröffentlichung eines Wirtschaftskrimis. Wenn dann noch Zeit bleibt, nimmt er dem Redakteur das Spiralblöckchen aus der Hand, um mit ein paar Strichen den Unterschied zwischen Euklidischer, Differential- und Algorithmischer Geometrie zu verdeutlichen.

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