Rheinpfalz „Traumatisierte Menschen ziehen sich zurück“

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Speyer. Tausende Flüchtlinge aus Kriegsgebieten suchen Schutz in Deutschland. Erwachsene und Kinder haben Menschen sterben sehen und waren selbst in Lebensgefahr. Traumatisiert von ihren Erlebnissen brauchen viele professionelle Hilfe. Alexander Jatzko, Psychosomatiker am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, spricht über den richtigen Umgang mit Opfern von Gewalt.

Herr Jatzko, ist Traumatisierung ein Tabu?

In den Medien sehen und hören wir andauernd, was diesen Menschen widerfahren ist. Somit ist es kein Tabu mehr. Um das Erlebte nicht wieder hochkommen zu lassen, ziehen sich Traumatisierte jedoch eher zurück. Wie wirkt sich das aus? Je mehr sich ein Betroffener mit dem Trauma befasst, desto weniger kann er Denken und Fühlen kontrollieren. In diesem Zustand kann es zu überschießenden Reaktionen kommen. Wie erkennt man Traumatisierung? Wenn Menschen nicht über Erlebnisse sprechen wollen, dabei unruhig werden, sich zurückziehen, aggressiver werden, sich immer weniger in der Hand haben, liegt eine Traumatisierung nahe. Wenn Betroffene das Gefühl haben, dass es gestern passiert und nicht schon Wochen her ist, sind das Anzeichen dafür, dass das Erlebte nicht verarbeitet ist. Welche Möglichkeiten gibt es für Laien, Betroffenen zu helfen? Je mehr wir Sicherheit, Beruhigung, Interesse und Freundlichkeit geben, desto mehr werden diese Menschen von ihren schrecklichen Erlebnissen abgelenkt. In der Regel fehlen Flüchtlingen die notwendigen Sprachkenntnisse zur Beschreibung ihres Zustands. Ist ein Dolmetscher in diesem sensiblen Bereich das geeignete Mittel? Ohne Dolmetscher ist die Kommunikation zu sehr eingeschränkt. Auch Therapien sind ohne Dolmetscher kaum durchführbar. Das ist auch eine Belastung für die Dolmetscher. Mit welchen Folgen ist bei Nichtbehandlung zu rechnen? Traumatisierte Menschen verändern sich, ziehen sich zurück. Konzentrationsmängel erschweren den Spracherwerb. Sie sind schnell überfordert. Negative Gefühle herrschen vor. Verstärkt langes Warten auf ein Asylverfahren das Trauma? Je länger die Menschen in Angst leben, wieder in die Kriegsgebiete zu müssen, desto länger werden die Angstbahnen im Gehirn gestärkt. Diese Menschen waren massiver Willkür ausgesetzt. Vertrauen, dass sie jetzt in Sicherheit sind, wird nur durch Anerkennung ihres Asylantrags und ihres Leids hergestellt. Wie sind Kinder betroffen? Bei Kindern wirken sich Traumatisierungen oft anders aus. Je jünger ein traumatisiertes Kind ist, desto weniger kann es das Erlebte verarbeiten. Das hat langfristige Konsequenzen. Kann die Diagnose Trauma Abschiebung verhindern? Wenn Krieg und Gewalt in dem Land erlebt wurden, in das abgeschoben werden soll, ist das ein Grund für Aussetzung der Rückführung. Es besteht dort keine realistische Möglichkeit, den Menschen eine sichere Umgebung und Therapie zu gewährleisten. Gibt es ausreichende Behandlungsmöglichkeiten für Flüchtlinge? Wenn wir an reine Traumatherapie denken, dann nicht. Es gibt wenige Möglichkeiten und lange Wartezeiten. Menschlichkeit und Zuwendung sind aber für die meisten Betroffenen zunächst viel wichtiger. Termin Vortrag „Traumatisierte Flüchtlinge“ von Alexander Jatzko im Rahmen der Interkulturellen Woche heute, 19.30 Uhr, im Speyerer Ägidienhaus, Gilgenstraße 17.

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