Karlsruhe
Staatstheater: George Orwells „1984“ geht noch krasser
„Big Brother is watching you!“ Dieser inzwischen geläufige Satz kennzeichnet die Situation im fiktiven Staat Ozeanien, der seine Bewohner durch komplette Überwachung und massive Unterdrückung gängelt. George Orwell entwarf dieses finstere Bild 1948 unter dem Eindruck eigener Erfahrung sowie der Entwicklung von Stalinismus und Nazi-Herrschaft. Der Zahlendreher im Titel verweist die mahnende Botschaft seines Werkes in die Zukunft: 1984.
Aber auch die ist längst vorbei, ja eigentlich selbst schon wieder Vergangenheit. Am Badischen Staatstheater haben Regisseur Kevin Barz, Leiter der hauseigenen Untersparte „Digitaltheater“, und die Dramaturgin Anna-Theresa Schmidt das folgenreiche Buch bearbeitet und auf seine Gültigkeit für unsere Gegenwart befragt. Und wiederum will der Zahlendreher „2052“ das unmittelbare Heute von 2025 spiegeln und eine Perspektive von bedrängender Aktualität entwerfen.
Menschen in Käfigen und Videos
Auf der von Barz entworfenen Bühne aus vergitterten Käfigkisten und illustriert von seinen ergänzenden Videos erzählt die 90-minütige Aufführung im Wesentlichen die Geschichte von „1984“ nach: die Sehnsucht des Helden Winston nach Freiheit und seinen Widerstand gegen den erstickenden Terror der allgegenwärtigen Diktatur durch die totalitäre „Partei“, seine verbotene Liebe zu Julia, die seine Auflehnung teilt und mit ihm in eine befreiende Gegenwelt fliehen möchte, sowie die verhängnisvolle Bedrohung durch den aalglatten Funktionär O’Brien, an dessen eiskaltem Kalkül alle Rebellion zerschellt und der den subversiven Winston am Ende auf Linie zu bringen versucht.
Die Karlsruher Fassung beschreibt die Manipulation durch die „Partei“, die die Geschichte fälscht und tendenziös umschreibt nach dem Grundsatz „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“. Dabei konzentriert sich der herrschende „Big Brother“ in der Verordnung einer angepassten „Neusprech“ insbesondere auf die „Reinigung“ der Sprache von „schädlichen“ Wörtern und also widerständigen Ideen, die getilgt werden, weil sie den Gültigkeitsanspruch des Systems gefährden könnten. In diesem Konzept haben Begriffe und Gedanken wie „Liebe“, „Freiheit“, „Recht“ oder „Moral“ naturgemäß keinen Platz. Und also sind diese Wörter ausgemerzt.
Gehirnwäsche als Strafe für Auflehnung
Dadurch sind aber auch die beiden Liebenden, nachdem sie ein scheinbares Glück im Privaten und trügerische Zuflucht in einer erträumten „Natur“ gefunden haben, als „Schädlinge“ der uniformen Gemeinschaft von Strafe und Ausmusterung bedroht. Winston wird gefasst und inhaftiert. Als seine gewaltsame „Besserung“ in der Umerziehung misslingt, greift der erbarmungslose „Partei“-Agent O’Brien zum Äußersten. Seine Gehirnwäsche zerstört den unverbesserlichen Häftling so nachhaltig, dass er am Ende sogar seine Liebe zu Julia verrät. Seine Tötung ist im „1984“-System bei Orwell nur folgerichtig.
Hier nun bringt die Karlsruher Bearbeitung den ergänzenden Aspekt der Fassung zum Vorschein: die Auseinandersetzung mit dem umstrittenen US-amerikanischen Tech-System Palantir, das auf einer KI-Entwicklung beruht und durch schier grenzenlose Erfassung und Verarbeitung von Daten eine totale Überwachung und Sicherung verheißt. Längst hat diese brisante Software den Weg vom Silicon Valley auch den Weg in europäische Staaten wie Frankreich, Großbritannien und einige deutsche Bundesländer gefunden. Die leistungsfähige und deshalb heikle Technologie dient über polizeiliche Zwecke hinaus durchaus auch politischen Zielsetzungen und ist tendenziell nutzbar für fragwürdige Maßnahmen gegen Freiheit, Inklusion und Demokratie. Nicht ohne Grund haben Palantir-Kenner 2025 in einem (im Programmzettel abgedruckten) offenen Brief vor den Gefahren dieses Systems und seiner Derivate gewarnt.
Überwachungssoftware „Palantir“
Damit ist das „2052“ im Titel der Fassung vom „Digitaltheater“ gesetzt. Etwa zur Halbzeit des Abends tritt eine Moderatorin (Ute Baggeröhr) vor den Vorhang und entwirft in gewinnender Plauderei die vermeintlichen „Vorzüge“ von Palantir. Wie die aussehen könnten, macht das Finale der Aufführung deutlich. Dort nämlich implantiert der „behandelnde“ Therapeut O’Brien dem uneinsichtigen Winston einen Chip im Kopf, der dessen Hirn mit dem Programm der „Partei“ synchronisieren soll. Keine Heilung, kein Happy End – radikaler lässt sich Orwells Botschaft nicht ausbuchstabieren.
Die Karlsruher Inszenierung und ihre unmenschliche „Lösung“ geben zu denken. Darin liegt über die szenische Umsetzung hinaus ihr Gewinn. Das Trio der durchweg in Weiß und genderneutral gekleideten Mitwirkenden (Kostüme Gloria Müller) bringt die unterschwellige Stimmung von Bedrückung, Kälte und Angst wie das Aufflackern von Hoffnung und Zärtlichkeit in Spannung zum Ausdruck. Dem Ensemble ist eine dichte, sorgfältig modulierte Vorstellung der komplexen Vorlage gelungen.
Fabian Kulp als Winston überzeugt als leidende Kreatur und mutiges Opfer eines unmenschlichen Systems, Jeanne-Marie Bertram hält die Julia zwischen emotionaler Aufwallung, skeptischen Tönen und verzagter Unsicherheit in spannungsreicher Schwebe, und Ute Baggeröhr steuert als zwielichtiger O’Brien eine abgründige Studie von Bosheit, Lüge und Infamie bei. Als Julias Mutter verliest Anne Müller im Video eine eindringliche Botschaft gegen Palantir – eine frühe Brücke zu den Abseiten der Orwell-Fortsetzung. Die zeitweilig betont spröde, akustisch schwierige Aufführung weiß ihr (vor allem junges) Publikum nachhaltig zu fesseln.
Info
Weitere Vorstellungen am 10. und 23. Juni sowie am 9., 16. und 24. Juli.