Karlsruhe
Stürmischer Applaus beim Tourstart der Akkordeonale im Tollhaus
Haanen ist selbst ein leidenschaftlicher und virtuoser Akkordeon-Spieler und Komponist. Als der Niederländer, der in der Pfalz lebt, sein Festival 2009 gründete, war es sein Ziel, das Image dieses äußerst vielseitigen und in vielen Ländern der Erde beheimateten Instruments aufzupolieren und es aus seinem Nischendasein holen. Das ist ihm absolut gelungen, wie im vollbesetzten Tollhaus. Nach der Premiere geht in ein einem eng getakteten Tourenplan weiter, auch in die Südpfalz nach Bad Bergzabern.
„Ich habe zu meiner Abschiedstournee fast nur Musiker eingeladen, die schon in den Vorjahren mit dabei waren“, erzählte Haanen auf der Bühne. Mit köstlich trockenem Humor, viel Herz für das Akkordeon und seine unendlich große musikalische Variabilität moderierte er das Konzert. Das half, die Stücke und ihren Ursprung zu verstehen und genießen zu können.
Der Spannungsbogen während des Abends wurde nicht nur durch ganz unterschiedliche Stilrichtungen hochgehalten, sondern auch durch die ständig wechselnde Zusammensetzung der Musiker. Sie reichte von Solo-Auftritten über Duos bis hin zu Stücken, die das ganze Ensemble gemeinsam zelebrierte. Mit der ruhigen Eigenkomposition von Haanen „Ein volles Herz“ stellten sich die Akteure eingangs zusammen vor, danach entführte die unglaublich temperamentvolle Südbrasilianerin Adriana de los Santos in die Welt der Gauchos. Die traditionelle Musik nennt sich Chamamé, ähnelt einer Polka und ist meist im 6/8-Takt notiert.
Virtuos flogen die Finger der Gaucha über die Knöpfe ihres kleinen Instruments, das mit der Musikerin zu verschmelzen schien. Starke Auftritte hatte die Südamerikanerin auch mit der Kölner Cellistin Johanna Stein. Sie trat auch noch mit anderen Akkordeonisten auf und konnte sich auf jeden ihrer musikalischen Bühnenpartner leicht und beschwingt einstellen, wobei sie vollkommen nahtlos von einer Stilrichtung in die nächste wechselte. Jetzt gerade noch Gaucho-Musik mit leicht rockigem Touch, dann Rhythmus-Geberin bei einem griechischen Tanz oder Teil einer verrückten musikalischen Geschichte über „Crunchy Nuts“.
Rembetiko, auch Griechenlands Musik des Schmerzes genannt, und Melodien vom Balkan gehören zum Repertoire des etwas in sich gekehrt wirkenden Griechen Dimos Vougioukas. Mit ganz zarten, melancholischen Melodien ließ er mit seinem Bandoneon Kopfbilder von Dörfern im Mittelmeerraum entstehen, von tanzenden, lebensfrohen Menschen.
Den portugiesischen Fado brachte der Saxofonist und Sänger Diogo Picão in die Halle. Seinen großen Auftritt hatte er in dem Stück „Ter Pressa“, bei dem er von Dimos Vougioukas und Maurizio Minardi begleitet wurde. Minardi stammt aus Italien, fühlt sich aber auch in den Metropolen anderer europäischen Länder zuhause – aktuell ist es Paris. Wie viele seiner Bühnen-Kollegen spielt er nicht nur, sondern komponiert auch für Akkorden eigene Stücke wie „La Brume“, mit dem er musikalisch den Nebel in Paris einfängt.
Extrem beeindruckend war die Französin Zabou Guérin. Sie komponiert, singt auch zu ihren Stücken und möchte sich dabei auf keinen Stil festlegen lassen. Ihr Solo-Auftritt mit „Boite à Rythme“ gehörte zu den Höhepunkten des Konzertes, genauso wie „Bulldozer“ mit Johanna Stein.
Die volle Klangvielfalt der unterschiedlichen Ziehharmonikas ergoss sich schließlich in den Saal, als alle Musiker als Ensemble antraten und ihre Stilrichtungen miteinander verschmolzen. „Tirili“, ein nicht so ernstzunehmender Titel, wie Haanen erklärte, war solch ein Werk zum Überwinden von musikalischen und kulturellen Grenzen. Noch viel mehr die Komposition „Resilience“ von Zabou Guérin. Das vielschichtige Stück mit erzählendem Charakter, ruhigen und lebhafteren Passagen setzte den Höhe- und Schlusspunkt. Nicht nur eingefleischte Akkordeonspieler im Publikum, auch Freunde außergewöhnlicher Weltmusik genossen den Abend aus vollen Zügen.
Termine
Die Akkordeonale kommt am Samstag, 18. April, 20 Uhr, in den Herrenhof nach Neustadt-Mußbach und am Freitag, 24. April, 20 Uhr, ins Haus des Gastes in Bad Bergzabern. Karten beim RHEINPFALZ Ticket Service und unter www.akkordeonale.de.