Landau
Sinnliche Verführung: Schau von Israel Schmid und Tamara Goehringer in der Villa Streccius
Entrelazamos (übersetzt: wir verweben) ist ein spanischer Begriff, und ein bisschen spanisch, im positiven Sinn seltsam, mag manchem konventionell orientierten Besucher die von den beiden Künstlern selbst konzipierte Schau anmuten. „Wir wollen neue Aspekte einbringen und haben das Bedürfnis gespürt, Dinge anders zu machen – den zeitgenössischen Kunstbegriff mit sanftem Wind neu zu beleben“, erläutert Israel Schmid das Konzept, das er mit Tamara Goehringer über anderthalb Jahre entwickelt und nun zur Reife gebracht hat.
„Jeder Raum soll eine eigene Stimmung wecken“ und wurde gemeinsam als kunstvolle Einheit geschaffen, die sich spielerisch mit anderen Räumen verbindet, die Besucher „hineinzieht“, sinnlich verführt und wortwörtlich berührt. Ganz explizit wollen die beiden auch junge Leute ansprechen, was sich auch dadurch erklärt, dass Israel Schmid (gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Katharina Loersch) die Leitung der Kinder- und Kunst (KuK)-Malwerkstatt des Kunstvereins übernimmt.
Sein Kunstschaffen ist vom Praktischen, Pädagogischen und intuitiv Zupackenden durchdrungen. Goehringers geheimnisvolle, vieldeutige Objekte durchlaufen dagegen lange Gedankenprozesse. Beiden gemein sind die Inhalte, die hier verhandelt werden: Es geht um Körperlichkeit und Gender, um Selbst- und Fremdwahrnehmung, um die Verzahnung von Natur und Technik und um den Spagat zwischen Wunsch und Anspruchserfüllung.
All das sind Themen, über die sich die gleichaltrigen, 1993 geborenen, ehemaligen Kommilitonen an der Staatlichen Kunstakademie in Karlsruhe trotz sehr unterschiedlicher Lebensläufe und -erfahrungen intensiv austauschen. Der am Feldberg im Schwarzwald geborene Israel Schmid, der die Schweizer Staatsbürgerschaft hat und über ein Engagement an der Landauer Uni in der Südpfalz Fuß fasste, schafft in Mischtechnik mit Acryl, Öl, Pastell und Holzstiften großformatige Gemälde, die aus dem Augenblick heraus entstehen. „Malerei ist Zustand“, erklärt er den Schaffensprozess, der selten länger als eine Stunde dauert.
Die bunten Leinwände stehen als Unikate mitten im Raum, sind also von der Wand befreit, können umrundet und gar verschoben werden. Den exklusivsten Platz hat die Arbeit „Butterflies for Breakfast“ (Schmetterlinge zum Frühstück), die ein Solo unter dem glitzernden Kronleuchter im Spiegelsaal zugewiesen bekam und einem kleinen Bild Goehringers die Schau stiehlt.
Dafür hat die in Frankfurt verortete Künstlerin den ganzen Raum nebenan mit nur vier gesichtsgroßen Totenmasken atmosphärisch ausgefüllt. Sie hat viele Jahre in Thailand, Mexiko und Frankreich verbracht und die mystisch anmutenden Wandobjekte als Artist in Residence in Südkorea geschaffen. Die mit Fingernägeln bestückten Übungsmasken für angehende Kosmetikerinnen verweisen auf einen hochästhetischen Totenkult und hinterfragen zugleich die Schönheitshysterie im Hier und Jetzt.
Interaktion ist erwünscht
Goehringer arbeitet gerne in losen Serien, die – wie die Zeichnung „Daily Dream of Body“ – durch motivische Wiederholungen „einen Rhythmus oder eine Art Choreografie“ auslösen. Ihre Skulpturen entstehen meist aus „vorhandenem Material“, oft aus dem „Schönheits- und Gesundheitswesen wie beim Wandobjekt „DON JOY or how to learn to walk to love“, in dem sich eine Kniemanschette in eine Corsage verwandelt und dabei die Frage aufwirft: „Wie kann man aus dem stets eingezwängten weiblichen Körper ausbrechen?“ Auch die Silikonobjekte haben körperliche Formen, die aus feministischer Sicht den schmalen Grat zwischen Verletzlichkeit und Widerstand austarieren und ein Kräftemessen mit den Statements Schmids nicht scheuen. So stehen dessen fulminante „poor boys and rich girls“ der knallpinken Aufforderung „Shake that ass (sit down)“ frontal gegenüber.
Im Raum nebenan ist Interaktion erwünscht. Über 200 kleine Tongefäße verteilen sich wie ein Teppich auf dem Holzboden. Besucher dürfen eine Schale mit nach Hause nehmen, wenn sie das Objekt durch ein eigenes, selbst geformtes Gefäß ersetzen. Der benötigte Tonklumpen liegt bereit. Nach Ausstellungsende werden alle neuen Gefäße gebrannt und glasiert und als erneuerter Teil des Ganzen bei erhofften künftigen Ausstellung präsentiert. So kann man sich, wie beim zweiten interaktiven Kunstwerk im Erdgeschoss, das durch viele Hände zu einer menschlicher Figur erwachsen soll, selbst einbringen und seine Neugierde darauf wecken, wie, wann und wo es mit den Kunstwerken weiter gehen wird.
Die Ausstellung
„entrelazamos“ von Israel Schmid und Tamara Goehringer auf Einladung des Kulturbüros Landau bis 15. März in der Villa Streccius: Di, Mi 17-20 Uhr, Do-So 14-17 Uhr. Faschingsdienstag geschlossen. Vernissage mit Künstlerperformance und Einführung durch die Kunstwissenschaftlerin Paula Maß am Freitag, 30. Januar, 19 Uhr. Am Samstag, 31. Januar, 14.09 Uhr, Führung durch die Ausstellung mit Kunstwissenschaftlerin Paula Maß und den Künstlern. Sonntag, 14. März, 14 bis 16 Uhr, Workshop „Körper-Berührung-Sprache“ für alle Altersgruppen in der Villa Streccius und der KuK; Anmeldung bis 1. März mit E-Mail an kulturbuero@landau.de.