Rheinpfalz Omas Tuschekasten bringt den Erfolg
«Frankenthal.» Mit künstlerischen Arbeiten über aussterbende Berufe und historische Schriften haben Elisa Weber und Giulia Losch, Schülerinnen der neunten Klassenstufe am Frankenthaler Karolinen-Gymnasium, erste Preise beim 65. bundesweiten Schülerwettbewerb „Denk mal – worauf baut Europa?“ der Europa-Union Deutschland gewonnen.
„Der Leineweber“ steht in goldenen Buchstaben auf dem schwarzen Tonkarton. Darunter fügen sich Teile historischer Postkarten, bunte Kreidezeichnungen und erklärende Schriften zu einer Collage im Stil eines nostalgischen Schaubilds. Elisa Weber aus der 9d hat das Plakat gestaltet, das auf einen Blick Auskunft gibt über das mittlerweile ausgestorbene Handwerk der textilen Verarbeitung von Flachs (Lein). Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Import von Baumwolle war die Hanfpflanze in Europa ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Kleidung. Den Weg ihrer Verarbeitung vom Feld bis zum Webstuhl hat Elisa Weber recherchiert und – betreut von Kunstlehrerin Birgit Richter – in Bildern auf ihrem Plakat dargestellt. „Das Auswählen der Bildmotive und das Gestalten waren drei Tage Arbeit“, berichtet die Schülerin, die in ihrer Freizeit gerne strickt und bereits bei mehreren Malwettbewerben mitgemacht hat. Fachwissen über das Leinweber-Handwerk im Mittelalter holte sie sich aus dem Internet und bei Ausflügen in die Umgebung. Ihre Darstellung des Berufsstands in Art eines Bilderbogens hat die Jury überzeugt. Aus ihrem Thema „Die Schriften der Zeit“ hat Giulia Losch gleich ein ganzes Buch gemacht. „Es waren vier Monate Arbeit, zwei für die Theorie und zwei für die Praxis“, berichtet die Schülerin aus der 9f, „Kalligraphie ist ein spannendes Thema“. Um zu ergründen, welche Schriften es auf europäischem Boden bereits gab, arbeitete sich die Schülerin – betreut von Geschichtslehrerin Karin Reißer-Mahla – in zehn Kapiteln durch sämtliche Epochen von der römischen Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert und quer durch Europa. Nordische Runen, arabische, kyrillische und griechische Buchstaben, Sütterlin und moderne Textur brachte sich Giulia Losch selbst bei: „Erstmal musste ich den technischen Umgang mit der Feder lernen.“ Ihre Oma habe sich gefreut, als sie für kalligraphische Übungen den alten Pelikan-Tuschkasten von 1960 wieder in Gebrauch nahm. Zwar habe sich durch die Schönschreibübungen ihre Alltagsschrift in der Schule nicht besonders verbessert, doch beim Auswählen zeitgenössischer Textpassagen aus jedem Kulturraum ist Giulia auf Autoren gestoßen wie Oscar Wilde und Albert Camus. Mit denen will sie sich nun näher befassen. Für ihr kalligraphisches Künstlerbuch hat Giulia Losch eine Woche Aufenthalt im europäischen Jugendtreff im September im Westerwald gewonnen. Die 1946 in Worms gegründete Europa-Union veranstaltet den Schülerwettbewerb seit 65 Jahren. Ziel: Schüler aller Schularten sollen sich mit der geschichtlichen und kulturellen Vielfalt Europas beschäftigen.