Rheinpfalz Nur was für disziplinierte Abgeordnete

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In der Geschichte des rheinland-pfälzischen Landtags wird es dereinst nur eine kleine Episode sein: das Ausweichquartier der 101 Landtagsabgeordneten im Mainzer Rathaus. Aber für die Volksvertreter, die Landtagsmitarbeiter und die Journalisten ist es mitunter ein großes Abenteuer. Gestern ging es zu Ende. Ungewöhnlich häufig läutet die Klingel des Landtagspräsidenten an diesen vier Sitzungstagen. Die Akustik des Ratssaales, in dem normalerweise 65 Mitglieder des Mainzer Stadtrats darüber debattieren, welche Schulturnhallen saniert werden oder wo noch ein neues Baugebiet ausgewiesen werden kann, ist eindeutig nichts für die 101 Abgeordneten. Sie sind dafür zu undiszipliniert. Es gibt zu viele und zu laute Zwischenrufe. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Parlamentarier zu nahe auf die Pelle rücken. Die Grünen haben keinen eigenen Block für sich. Manche sitzen mit der SPD, manche aber auch mit der oppositionellen CDU am Tisch. Wo die Hinterbänkler zu vermuten wären, stehen kleine Tische mit je zwei Stühlen. Manche haben nicht einmal einen Platz am Tisch. Das fördert offenbar das kommunikative Verhalten, das aus Sicht des Landtagspräsidiums stört. Das altehrwürdige Deutschhaus, der angestammte Sitz des Parlaments, schluckt den Schall besser. Aber das Gebäude wird saniert. Deshalb sind die Parlamentarier für die beiden letzten Sitzungswochen dieser 16. Legislaturperiode bei einem alten Bekannten untergekommen, bei Michael Ebling (SPD), dem Oberbürgermeister von Mainz. Von 2006 bis 2012 saß er als Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium bei Landtagssitzungen auf der Regierungsbank. Ebling ist seit fast vier Jahren Hausherr des Mainzer Rathauses und so lange beschäftigt ihn immer wieder die Frage, was die chronisch klamme Stadt mit diesem Gebäude machen soll. Es ist in der Substanz marode, obwohl es kaum länger als 40 Jahre am Rheinufer steht. Das Wasser dringt ein, die Klimaanlage setzt immer wieder aus, und die Telefondrähte sind zu alt für moderne Geräte. Dennoch sagt Ebling: „Es ist eine würdige Tagungsstätte, weil es nach wie vor ein architektonisch herausragendes, wenn auch Widerspruch provozierendes Gebäudes ist. Es drückt die Formensprache des 20. Jahrhunderts aus und hatte den berühmtesten Architekten dieser Zeit: Arne Jacobsen. Insbesondere der Ratssaal ist ein großes Stück gebauter Demokratie.“ Nicht so sehr der Zwischenruf, aber der gepflegte Austausch gehört zum Wesen der Demokratie. Die Lobby, in der es Nischen mit Hockern gibt und nette Tische zum Zusammensitzen, kommt gut an bei Parlamentariern und bei Beobachtern. Ebling räumt aber auch ein: „Die Abgeordneten, wo immer sie herkommen, erkennen an dem Gebäude, dass es mindestens so renovierungsbedürftig ist wie das Deutschhaus. Spätestens, wenn sie auf die Toilette gehen

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