Kaiserslautern
Nie wieder Yuma-Salbe: Die Kaiserslauterer Adler-Apotheke schließt
Die Adler-Apotheke ist nicht nur die älteste Apotheke in Kaiserslautern, sie ist auch die prominenteste. Im Schatten der Stiftskirche, in einem wunderschönen Ensemble, das unter Denkmalschutz steht, war Apotheker Matthias Longard über 30 Jahre für seine Kunden da. Die können es nicht fassen, dass sie ab der kommenden Woche auf seine fachkundige Beratung verzichten müssen. Einige sind regelrecht verzweifelt: Die Yuma-Salbe, der fette Alleskönner, der gefühlt in keinem Lauterer Haushalt fehlt, wird mit dem Apotheken-Aus vom Markt verschwinden. „Wir sind seit Ende Mai ausverkauft, ich kriege täglich Anrufe aus der ganzen Republik“, sagt Longard. Er möchte nicht, dass künftig ein anonymer Lohnabfüller die beliebte Fettcreme mit der besonderen Rezeptur herstellt.
Apotheke in der vierten Generation geführt
Der 65-Jährige, der die Apotheke aus dem Jahr 1811 in der vierten Generation führte, hört mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf. Einen Nachfolger hat er wie erwartet nicht gefunden. „Die Situation der Apotheken ist prekär, das ist nicht mehr rentabel. Es fehlt Nachwuchs, wir hatten seit 20 Jahren keine Honorarerhöhung mehr, die Bürokratie nimmt immer mehr zu als ab“, stöhnt er. Zuletzt hat das E-Rezept seinen Blutdruck steigen lassen. „Ich muss zig Kreuzchen machen. Und ist eines falsch, laufe ich schnell Gefahr, in Regress genommen zu werden.“ All das in Summe habe ihn, „den Dinosaurier“, angetrieben, früher als ursprünglich geplant aufzuhören. „Die Nachtdienste habe ich zuletzt auch nicht mehr so leicht weggesteckt“, sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern, der seiner Frau Astrid, ebenfalls Pharmazeutin, beim Studium in Freiburg begegnet ist. „Wir arbeiteten zunächst in Lüdenscheid im Sauerland, 1991 hatte ich sie endlich so weit, mit mir in die Pfalz zu kommen.“
Sein Beruf – das war Leidenschaft. „Ich bin mit Leib und Seele Naturwissenschaftler, die Entwicklung der Medizin, immer neue Arzneistoffe, das hat mich fasziniert.“ Wissen weiterzugeben, Ärzte zu unterstützen, auf Patienten einzugehen und auf Wechselwirkungen hinzuweisen, das war sein Ding. Wäre da nicht der Standort der Adler-Apotheke. „Der ist halt immer unattraktiver geworden.“ Schuld daran sei vor allen die restriktive Parkplatzpolitik der Stadt, „mittlerweile sind kaum noch Ärzte hier in der Ecke“, klagt Longard. Der Niedergang habe vor vielen Jahren begonnen. Schleichend. „Im Jahr 2000, als der Stiftsplatz umgebaut wurde und der Wochenmarkt umziehen musste, ging es los.“ Und ganz schlimm wurde es aus seiner Sicht mit dem Einkaufszentrum „K in Lautern“. „Dadurch haben sich die Laufwege vollkommen verändert, heute kommt bei uns kaum noch jemand vorbei.“
Lärm und Müll vor der Haustür sind ein Problem
Klar hängt Longard an dem besonderen Ort. „Dass ich die Apotheke übernehmen will, wusste ich schon mit 14, obwohl es mir meine Eltern nicht zugetraut haben, weil ich stinkfaul war. Ich fand auch das italienische Konzept, alles unter einem Dach zu haben, klasse.“ Also studierte Longard mit einem Einser-Abitur in der Tasche Pharmazie, war mit 22 Jahren fertig. 1992 zog die junge Familie – Longard war zunächst Pächter und dann ab 1994 Inhaber der Adler-Apotheke – in die 170 Quadratmeter große Wohnung über den Verkaufsräumen. „Neben der Stiftskirche zu leben ist fantastisch, der Glockenschlag hat etwas beruhigendes“, schwärmt Astrid Longard. Was das Ehepaar zunehmend stört, ist der Lärm, der Müll vor der Haustür. „Wir wollen hier wohnen bleiben, mal gespannt, ob wir das mit 75 noch aushalten“. Stadtfeste seien etwas sehr Schönes, aber wenn die Party immer länger gehe und die Bässe immer lauter wummerten, sei das schon belastend. Zu allem Überfluss werde der Eingang zur Apotheke mehrfach im Jahr durch Veranstaltungen versperrt. Ärgerlich dabei: „Dann kommen nur noch Stammkunden. Wir hatten regelmäßig Umsatzeinbußen, aber die Reinigungskosten müssen wir übernehmen.“
Wie es jetzt mit der Apotheke weitergeht? „Wir suchen einen Mieter, die Inneneinrichtung, die alten Jugendstil-Apothekerschränke, die sollen erhalten bleiben, auch wenn eine Boutique einzieht.“ Das Umfeld sei schwierig. „Eine Shisha-Bar wird es in unseren Räumen nicht geben“, sagen Matthias und Astrid Longard unisono. „Das machen wir nicht, wir haben keinen Druck.“ Wobei sie die Zukunft realistisch sehen. „Auf Dauer wird es wohl, auch angesichts der unsinnigen Grundsteuerentscheidung der Stadt, auf Wohnungen hinauslaufen.“
An der Apotheke hängen so viele Erinnerungen. Das alte Gebäude hat schon viel mitgemacht. 1891 kam es in den Besitz der Familie Longard. Errichtet worden war die Adler-Apotheke 1811 von dem damaligen Bürgermeister Goswin Müllinghof, dem auch die Löwenapotheke in der Marktstraße gehörte. Er soll 1806 die Ruinen der verfallenen Richardiskapelle erworben haben, die neben der Stiftskirche stand. Der Apotheker baute ab 1809 an der Stelle ein Gebäude im Stil der französischen Klassik. 1902 wurden die großen Schaufenster eingebaut. Seitdem hat sich das Erscheinungsbild kaum verändert. 1994 allerdings ließen die Longards das Dach, das im Krieg zerstört worden war und nur notdürftig repariert wurde, komplett erneuern. 2018 erfolgte wieder ein Umbau, allerdings nicht freiwillig. Ein schlimmer Brand hatte vor allem die Wohnungen zerstört.
Eine Tonne Yuma-Salbe im Jahr produziert
Die Yuma-Salbe hat übrigens Franz Josef Longard erfunden, der Urgroßvater des heutigen Inhabers. Er ließ sich die Wundersalbenmischung, die laut einem Werbetext „unentbehrlich in der Säuglingspflege und bei aufgesprungenen Lippen und Händen ist“, 1905 patentieren. Hergestellt wurde sie bis zuletzt in der Adler-Apotheke. „In den letzten Jahren haben wir im Schnitt eine Tonne Salbe im Jahr produziert, mit einer halbautomatischen Abfüllanlage“, verrät Longard, den es manchmal selbst überrascht, was für einen Ruf die Yuma genießt. „Sie glauben gar nicht, für was alles sie zum Einsatz kommt. Bei Hämorriden soll sie auch helfen. Es ist halt eine sehr fette Salbe, ich glaube, die Fettkomponente hat sie immer ausgemacht“, so Longard. Ende des Jahres 2024 hatte er die Belieferung des Großhandels eingestellt.
Doch jetzt denkt der Mann, Jahrgang 1959, tatsächlich an Urlaub statt an ein Salbengemisch. „Langsam fällt der Stress ab. Das letzte Mal habe ich 2009 zwei Wochen am Stück frei gemacht.“ Gebucht ist die Auszeit schon. In den Sommerferien soll es mit der Großfamilie nach Lenggries auf einen Bauernhof gehen. Einfach mal ausspannen.