Karlsruhe
Michael Endes „Satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ in der Karlsruher Insel
Der schurkische Zauberer Professor Doktor Beelzebub Irrwitzer hat Probleme. Er muss für den Teufel laut Vertrag bis Jahresende noch mindestens zehn Tierarten ausrotten, fünf Flüsse vergiften und 10.000 Bäume sterben lassen. Er ist in Verzug: Es ist doch schon Silvester, und der höllische Gerichtsvollzieher Maledictus Made droht bei Nichtlieferung mit Strafe.
In seiner Not wendet der bedrängte Magier sich an seine verhasste, nicht minder schändliche Tante, die garstige Geldhexe Tyrannia Vamperl, mit der ein satanisches Elixier braut, um sich zu retten und die Welt vollends zu zerstören. Nur gut, dass der „Hohe Rat der Tiere“ Wind von dem Teufelswerk bekommen und den naiven Kater Maurizio sowie den gewitzten Raben Jakob Krakel als Spione in die Villa Albtraum entsandt hat, wo die beiden bösen Schwarzmagier ihre Hexenküche betreiben.
Gelingt die Rettung? Natürlich gelingt sie. Aber bis dahin geht es hoch her in der turbulenten Geschichte, mit der der Autor die ruchlose Bedrohung der Natur und deren Erlösung vom notorischen Übel schildert. Dabei erhebt er, wie in all seinen anderen berühmten Büchern – wie „Momo“ und der „Unendlichen Geschichte“ – nicht den Zeigefinger, sondern verpackt das Geschehen in grellen Klamauk, aktuellen Schabernack und vergnügliches Spiel.
So haben auch Erwachsene ihren Spaß und werden gleichzeitig sensibilisiert für das Thema der globalen Gefahr, das hier nicht verbiestert beschworen, sondern durch Verfremdung unterhaltsam verpackt wird. Er schreibe, so erklärte Ende einmal, seine Geschichten „für Kinder von achtzig bis acht Jahren“. Und tatsächlich ist ihm das mit dem „Wunschpunsch“ grandios gelungen. So ist das hintergründig witzige Werk immer wieder neu bearbeitet worden – als Hörbuch, Zeichentrickserie, Familienoper, fürs Fernsehen und Theater.
Regisseurin Birga Ipsen hat nun eine 70-minütige Fassung hergestellt, die aus den geringen szenischen Möglichkeiten sprühende Funken schlägt. Dazu hat Ausstatterin Marie Charlotte Vecchio mit fantasievollen, bunten Kostümen und variablen, findungsreichen Bildern aus Vorhängen, Lichtspielen und technischen Gimmicks einen ergiebig bespielbaren Rahmen geschaffen, der bisweilen zum Vergnügen des Publikums auch den Zuschauerraum einbezieht.
Den Rest erledigen die Darsteller – mit sichtlicher Freude. Dass sie dabei bisweilen das künstlerische Maß komödiantischer Spiellaune bis über den Rand des schrillen Klamauks ausweiten, mag an der kreativen Großzügigkeit der Personenregie ebenso liegen wie an dem Reiz der pointen- wie geistreichen Dialoge, mit denen der Autor sie ausstattet. Allerdings hat die Karlsruher Fassung an der Vorlage bisweilen auch robust geschraubt, Motive und Episoden gestrichen, die dramaturgische Struktur verändert und ursprünglich enthaltene Anspielungen getilgt – etwa die bissige Labor-Figur des „Büchernörgele“, eine Karikatur des legendären Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, dem Michael Ende sich in sorgfältig gepflegter, gegenseitiger Abneigung verbunden fühlte.
Der Punsch aller Pünsche
Im fünfköpfigen (übrigens doppelt besetzten) Ensemble häufen sich denkwürdige Glanzleistungen. Anne Müller lässt als groteske Musterhexe Tyrannja mit himmelhoch getürmter Frisur und atemberaubender Zicken-Allüre alle Mienen springen und liefert mit hoher Kunstfertigkeit ein virtuoses Zerrbild abgrundtiefer und zugleich ergötzlicher Bosheit. Neben ihr brilliert Riccardo Pallotta als irrwitziger Professor Beelzebub, dessen abstruse Zauberkünste ihn immer näher an Teufels Küche führen und lächerlich im Netz der eigenen Niedertracht zappeln lassen. Beide gönnen sich hier eine köstliche, sehenswerte Sause vom „ernsten Fach“.
Dem einfältigen Kater Maurizio gibt Laman Leane Israfilova die drollige Komik einer überforderten Schmusekatze. Matthias Pieper spielt den überdrehten Raben Jacob mit bravouröser Beweglichkeit und erhält für eine Tanzeinlage gar Szenenbeifall. Zusammen bilden sie ein Tiergespann, das sich mit dem Mut der Verzweiflung und genialem Witz gegen die abgefeimten Tricks der zauberischen Bösewichter durchsetzt. André Wagner als pedantischer Höllen-Bote Made und als himmlischer Gesandter Silvester setzen mit pompöser Würde und im Hohen Ton der Heiligkeit seriöse Kontrapunkte zum hochtourigen Wirbel.
„Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab“ – diesem zeitlosen Satz Lessings fühlt sich der spritzig gewürzte „satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ des Jungen Staatstheaters verbunden. Denn dieser „Punsch aller Pünsche“ erfüllt, wie es im Stück heißt, vielleicht nicht alle, aber doch viele Wünsche.
Termine
Die nächsten Vorstellungen ab 8 Jahren sind am 4., 5. , 10. und 11. März.