Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Meisterkonzert im Alten Kaufhaus: Drei Leuchtfeuer der Quartett-Literatur

Frisch und zupackend: das Ensemble Quatour Elmire im Alten Kaufhaus.
Frisch und zupackend: das Ensemble Quatour Elmire im Alten Kaufhaus.

Das junge französische Ensemble Quatour Elmire begeisterte beim II. Landauer Meisterkonzert im nahezu ausverkauften Alten Kaufhaus.

Das exzellente Programm bestand aus drei Solitär-Werken aus Impressionismus und Moderne. Die jeweils einzigen Streichquartette von Claude Debussy und Maurice Ravel in einem Konzert-Programm, so wie es das junge französische Quatour Elmire in Landau praktizierte, ist nicht eben originell, weil gerne aufgeführt und sinnfällig. Beide Werke markieren Grenzlinien im Schaffen ihrer Schöpfer, sind, wenn man so will, späte Jugendwerke mit vehementem Aufbruchscharakter.

Debussys 1883 in Paris uraufgeführtes Streichquartett in g-Moll, vom Publikum zurückhaltend aufgenommen, von der Kritik teils stark attackiert, brachte dem 32jährigen Debussy immerhin ein Jahr später den renommierten Prix de Rome ein. Maurice Ravel hatte diesbezüglich weniger Glück. Ihm verwehrte eine Intrige und vor allem das Unverständnis einflussreicher Zeitgenossen die Chance auf die begehrte Trophäe. Zwar flogen dem 28jährigen Tondichter und seinem F-Dur-Quartett die Herzen des Publikums gleich bei der Uraufführung 1904 unverhohlen zu. Die konservative Fachkritik indes mäkelte an der angeblich fehlenden kompositorischen Solidität herum.

Die Spur des Mentors

Maurice Ravel folgt der Spur seines verehrten Mentors Debussy in mancher Hinsicht getreulich, aber keineswegs epigonal, sortiert beispielsweise wie er die Satzfolge etwas um. Aber beider Tonsprache emanzipiert sich an diesem Scheitelpunkt ihres Schaffens sehr deutlich zu unverwechselbarer Individualität. Und beider Quartette zählen längst zu den Gipfelwerken des Genres.

Zwischen diese beiden „Stars“ hatten die Protagonisten einen dritten Solitär verfügt. „Ainsi la nuit“ – gerne übersetzt als „Nächtliche Meditation“ – des 2013 hochbetragt verstorbenen Henry Dutilleux, erlebte seine Uraufführung 1977. Es ist eine fest ineinander verzahnte siebenteilige Satzfolge von filigran gewebten und mit allerlei spieltechnischem Zierrat wie Springbogen, Flageolettgriffen, viel Pizzicato, hinreißenden harmonischen Eskapaden und vor allem tief emotionalen Momenten satt ausgestatten „Nachtsstücken“, um mal den romantischen Begriff zu verwenden.

Die Ahnenreihe Beethoven, Schumann und Debussy

Dutilleux führt fort, erweitert, stößt die zunächst noch verschlossenen Türen auf, ohne sich gänzlich und radikal der Schätze seiner Vorgänger zu entledigen. Somit wurde Stringenz einleuchtend hörbar. Und so steht auch dieses, in seiner Architektonik nicht minder formvollendete Werk in der Ahnenreihe Beethoven, Schumann und Debussy im Rang eines Opus Magnum der Gattung Streichquartett.

„Zwischen Licht und Schatten“ hatte das junge französische, mit zahlreichen internationalen Preisen bedachte Quartett sein ambitioniertes Programm überschrieben; ambitioniert nicht nur wegen der Spieltechnik, sondern vor allem auch der hoch differenzierten Ausdruckspalette. Und David Petrlik und Yoan Brakha, Violine, Hortense Fourrier, Viola, und Remi Carlon, Vello, verwandelten das Podium fast zwei Stunden in einen quasi magischen Ort. Ihre fast weltenthobende, tieflotende Übereinkunft, ihr frisches, zupackendes, entwaffnend unkonventionelles Spiel schuf eine Aura von Unmittelbarkeit, holte einen aus der Distanz des Auditoriums direkt ins musikalische Geschehen.

Auf ohrwurmartige Gipfel

In Anbetracht des üppig ausgebreiteten Fächers an Ausdruck, all der schmeichelnden Aperçus, des bis in äußerte Nuancen ausgekosteten dynamischen Spektrums und der faszinierenden emotionalen Bandbreite nahm sich die brillante Virtuosität des Spiels, auch bei teils aberwitzigen Vorgaben der jeweiligen Partituren, fast marginal aus. Wenn im Kopfsatz des Debussy-Quartetts nicht zuletzt der auftrumpfende, kantige Zugriff gefielen, im tänzerischen aufgeputzten Scherzo-Satz die herrlichen Schlagabtausche innerlich in Schwingungen versetzten, so ließ einen das einfach anbetungswürdig zelebrierte Andantino mit seinem sanften Bratschen-Intro schlicht dahinschmelzen.

Und Duttileux, der Avantgarde, fand in der Lesart des Quatour Elmire, das auf so herrlich entwaffnende Weise das lyrischen Füllhorn seiner Nachtserenaden öffnete, womöglich an diesem Morgen eine neue Fangemeinde.

Am Ende, nachdem auch Maurice Ravel mit seiner Fülle an rhapsodischem Melos, seinen baskischen Reminiszenzen und seinem lustvollen harmonischen Tändeleien in der exemplarischen Wiedergabe durch die fantastischen Viererseilschaft auf ohrwurmige Gipfel gelangt war, durfte man, nach stürmischem Beifall, noch einmal in atemloser Stille eintauchen in die sakrale Schönheit des Debussy-Andatinos.

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