Buch RHEINPFALZ Plus Artikel Lesetipps für den Winter

Viele Anregungen zur lohnenden Lektüre geben Buchhändlerinnen und Buchhändler der Region.
Viele Anregungen zur lohnenden Lektüre geben Buchhändlerinnen und Buchhändler der Region.

Wir haben Buchhändlerinnen und Buchhändler in der Südpfalz und in Speyer nach ihren ganz persönlichen Empfehlungen für die lohnende Lektüre gefragt.

Martina Schwörer-Haertel von der Buchhandlung LeseZeit in Bad Bergzabern kann ihr aktuelles Lieblingsbuch ohne Wenn und Aber aus dem FF heraus benennen: Es ist der druckfrische Roman „Trag das Feuer weiter“ der französisch-marokkanischen Schriftstellerin und Journalistin Leila Slimani, die 1981 in Rabat geboren wurde und 1999 zum Studium nach Paris kam und das Thema Immigration auf sehr authentische Weise beschreiben kann. Auch Mia, die Hauptfigur der Geschichte, lebt als erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, bis ihr Dasein aus dem Gleichgewicht gerät und sie zurück auf die Zitrusplantage ihrer marokkanischen Großeltern geht, um sich der Vergangenheit ihrer Familie zu stellen.

Über drei Frauengenerationen hinweg, „die zwischen Anpassung und Selbstbestimmung ihren Weg gehen,“ beleuchtet der Roman „Korruption, religiösen Druck und Unterdrückung. Für Mia, die in der westlichen Welt zuhause ist, bleibt nur die Rückkehr“, fasst Schwörer-Haertel den packenden Plot zusammen und ergänzt: „Obwohl es den ,faszinierenden Abschluss’ der Trilogie um die Familie Belhaj/Darud bildet, ist es auch unabhängig von den ersten beiden Bänden sehr empfehlenswert, weil es „die politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse in Marokko zeigt und spannend mit historischen Ereignissen verflechtet.“

Khiders brandaktuelles Buch

Auch der brandaktuelle Roman von Abbas Khider, der 1973 in Bagdad geboren wurde, wegen politischer Aktivität in Haft saß, 1996 aus dem Irak floh und seit 2000 in Deutschland lebt, gibt einen tiefen Einblick in diktatorische Machtstrukturen. Er heißt „Der letzte Sommer der Tauben“ und wird erst im Februar veröffentlicht. Peter Fuhrmann von der Buchhandlung Hilbert in Germersheim hat es aber schon mit großer Begeisterung gelesen und empfiehlt es politisch interessieren Lesern ab 16 Jahren.

Den Inhalt beschreibt er mit folgenden Worten: „Tauben fliegen am Himmel über der Stadt. Es sind die Vögel von Noah, einem jungen, leidenschaftlichen Taubenzüchter. Plötzlich stören Kampfhubschrauber dieses Idyll. Das neu errichtete Kalifat demonstriert seine Macht. Auch am Boden herrschen neue Regeln: Noah und sein Vater müssen Frauenbilder auf allen Verpackungen in ihrem Laden schwärzen, Frauen dürfen nicht alleine auf die Straße gehen. In kurzen Episoden erzählt Abbas Khider vom Leben unter politischen Repressionen, wie Politik und Willkür ins private Leben eindringen. Mit seinem jugendlichen Helden Noah, hat er einen Chronisten erschaffen, der feinfühlig die Veränderungen im Alltag beschreibt und dem Leser ans Herz wächst.

„Die Fahne der Wünsche“

Auch Tijan Sila – 1981 in Sarajewo geboren und heute als Berufsschullehrer in Kaiserslautern zu Hause - kann aus eigener Erfahrung vom Krieg und seinen Auswirkungen auf Individuen und Familien schreiben. Und auch er hat in seinem Buch „Die Fahne der Wünsche“, das in Crocutanien, einem totalitären Staat am Rande Europas spielt, einen jugendlichen Protagonisten geschaffen. Das Buch ist schon 2018 erschienen, aber für Robert Bartsch von der Buchhandlung Trotzkopp in Landau noch immer eine herausragende, Mut machende Geschichte, „mit einzigartigem Sound und dunklem Witz. Mittendrin: ein junger Rennradfahrer, der lernt, nicht aufzugeben, auch wenn es scheinbar nichts mehr zu gewinnen gibt. „Scharfsichtig, knallhart und mit unverwechselbarem Stil erzählt Tijan Sila von der Macht und Ohnmacht des Einzelnen in einem amoralischen System und von der revolutionären Kraft des Flipperns“, begeistert sich der Buchexperte, der dem Autor das Prädikat „irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt“ verleiht und durchweg alle seine Bücher empfiehlt.

Seine beiden Trotzkopp-Kolleginnen Meike Büchler und Margit Thorwart-Rocker haben ebenfalls Lesetipps zur Hand. Büchler empfiehlt den Roman „Grand Hotel Avalon“ von Maggie Stiefvater, der die Geschichte von June Porter Hudson, genannt Hoss, verhandelt, die während des Zweiten Weltkriegs ein abgelegenes Luxushotel in den Appalachen USA leitet und schon seit ihrer Kindheit eng mit der Hoteliers-Familie verbunden ist. Wie der bereits verstorbene Senior-Chef kann sie sogar das unter dem Hotel fließende Heilwasser/Süßwasser fühlen. Mit dem Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 kommt der Krieg bis zum Hotel, das von der Regierung zur Unterbringung ausländischer Diplomaten beschlagnahmt wird, unter der Aufsicht des FBI aber den Betrieb aufrecht erhalten darf. Durch all diese Umstände wird „die Stimmung wird so aufgeladen, dass das Süßwasser am Kipppunkt ist“, verrät die Buchhändlerin, die den Mix aus „historischen Ereignissen, persönlichen Schicksalen, ein wenig Mystik und den Fragen nach Verantwortung, Loyalität und moralischen Entscheidungen“ als besonders gelungen erachtet.

Der Buchtipp ihrer Kollegin Thorwart-Rocker führt die Leser ebenfalls nach Amerika. Allerdings geht es in T. C. Boyles brandneuem Roman „No Way Home“ – der prompt zum Spiegel-Bestseller wurde – um die obsessive Liebe zu einer Frau, für die der amerikanische Starautor deren Ex – einen raubeinigen Platzhirsch und einen jungen Assistenzarzt aus L. A. – in die Wüste Nevadas schickt. In der toxischen Dreierbeziehung prallen „Macht, Kontrollverlust und die amerikanischen Gegensätze“ so kunstvoll aufeinander, dass Thorwart-Rocker das Buch allen Fans „flott geschriebener Geschichten mit Sozialkritik und Humor“ empfiehlt.

Komplizierte Wahrheit

Die Buchhandlung Pausch in Kandel ist seit vier Generationen ein Familienunternehmen und so kommen auch die Buchtipps im Familienverbund. Sohn Lennart Pausch nennt „Lightseekers“ von Femi Kayode als seinen Lesetipp, weil es „ein sehr spannendes Buch ist, das mich von der ersten Seite an gepackt hat. Begeistert hat mich besonders, dass die Geschichte zeigt, wie kompliziert die Wahrheit sein kann und dass man nicht alles glauben sollte, was man hört.“ Und worum geht es? „In Lightseekers werden in einer nigerianischen Universitätsstadt drei Studenten brutal ermordet. Schnell verbreitet sich das Gerücht, dass es sich um ein rituelles Verbrechen handelt, was große Wut und Gewalt in der Bevölkerung auslöst. Der forensische Psychologe Philip Taiwo wird aus den USA zurück nach Nigeria geholt, um bei den Ermittlungen zu helfen. Gemeinsam mit der Polizistin Chika versucht er, die Wahrheit hinter dem Fall herauszufinden. Dabei stoßen die beiden auf Vorurteile, Korruption und politische Interessen, die die Ermittlungen erschweren.

Marion Pausch empfiehlt „Alchemised“, den düster dystopische US-Bestseller von SenLinYu. „Darin geht es um eine junge Frau, die in einer Welt lebt, in der Alchemie eine mächtige und gefährliche Kunst ist. Sie verliert ihre Erinnerungen und wird gefangen gehalten, weil ihr Wissen für andere von großem Wert ist. Um zu überleben, muss sie für ihre Entführer arbeiten und ihre Fähigkeiten einsetzen, auch wenn sie nicht weiß, wem sie trauen kann.“

Der Leser begegnet ewig lebenden, zombieartigen Wiedererweckten sowie Menschen, die über Feuer herrschen oder Gefühle und Metalle verändern können. Eindrucksvoll findet die Buchexpertin auch die komplexe und toxische Liebesbeziehung zwischen Helena und Kaine. Ihr Fazit: „Ein Wahnsinnsbuch, das mich noch lange beschäftigt hat“.

Ihr Ehemann Guido Pausch hat sich von einem Buch, das auch visuelle Wirkung entfaltet, überraschen lassen. Es heißt „Seltsame Bilder“ und ist ein Werk des Japaners Uketsu, der maskiert auftritt, um seine Identität zu verbergen, Krimis schreibt, und obendrein Horrorvideos und Originalmusik auf YouTube einstellt. In seinem Krimi „Seltsame Bilder“, so verrät der Buchhändler, „geht es um geheimnisvolle Zeichnungen, die auf den ersten Blick harmlos wirken, aber etwas Unheimliches verbergen. Verschiedene Personen stoßen auf diese Bilder und merken nach und nach, dass sie mit schlimmen Ereignissen und Verbrechen zusammenhängen. Stück für Stück werden Zusammenhänge sichtbar, die zuerst niemand erkannt hat.“

„Wo wir uns treffen“

Sandra Zimmermann von der Buchhandlung Lesebär in Edenkoben lockt die Leser mit ihrem Buchtipp auf ein „riesiges malerisch gelegenes Landgut in Südengland“, wo der neue Roman „Wo wir uns treffen“ der britischen Autorin Anna Hope verortet ist. Ausgangspunkt der Handlung ist der Tod des egozentrischen Gutsbesitzers Philipp Brooke und die Vorbereitung der Trauerfeier, zu der sich die drei erwachsenen Kinder Frannie, Milo und Isa für fünf Tage auf dem Anwesen treffen. „Frannie als Haupterbin hat in den Jahren zuvor schon viel Zeit und Engagement in die Renaturierung des Anwesens investiert. Sie sieht sich und ihre Tochter auch in Zukunft dort. Milo, der sich am stärksten von Mutter und Schwestern entfremdet hat, behauptet, ebenfalls einen Anspruch auf das Landgut zu haben, denn der Vater habe ihm kurz vor seinem Tod den Segen für seine Ideen zur Entwicklung des Anwesens gegeben. Isa, die Jüngste, kämpft mit ihren eigenen persönlichen Themen. Rund um die Trauerfeier brechen immer mehr Probleme auf, die nicht nur die Geschwister, sondern auch Brookes Witwe Grace betreffen. Jede Figur des Romans kämpft mit der Prägung und den Erfahrungen mit dem tyrannischen Familienoberhaupt und sucht ihren eigenen Weg damit umzugehen. Ich konnte der Autorin beim Lesen in die südenglische Landschaft folgen und mit den Familienmitgliedern fürchten und ringen, trauern und kämpfen, aufatmen und loslassen. An diesem Roman begeistert mich aber auch, dass manche Themen über die Familiengeschichte hinausgehen und den Blick schärfen auf ererbten Besitz, den Umgang mit der Natur und auf die Geschichte und unsere eigene Verantwortung, die daraus erwächst“, lobt Sandra Zimmermann die Schreibkunst von Anna Hope, die 1974 in Manchester zur Welt kam und heute ein Sussex lebt.

„Schwebende Lasten“

Die Buchempfehlung von Ulla-Britt Egeland vom Spei’rer Buchladen in Speyer lenkt den Blick auf ein deutsches Schicksal. Der Roman „Schwebende Lasten“ von Annett Gröschner handelt „vom langen und ereignisreichen Leben der Magdeburger Kranführerin Hanna Krause, von ihren sechs Kindern – von denen sie zwei nicht begraben konnte –, von ihrer großen Liebe zu den Blumen und den Bombenangriffen auf die Stadt während des Zweiten Weltkriegs. Ganz beiläufig, so lobt Egeland, „fließt nicht nur die Magdeburger, sondern auch die deutsch-deutsche Geschichte ein und macht die Lektüre lebendiger als jeden Dokumentarfilm“. Auch die Tatsache, dass es der Protagonistin „trotz aller erlittenen Rückschläge, Widrigkeiten und Armut nicht am Glauben und der Zuversicht auf ein besseres Leben fehlt“, hat die Buchexpertin beeindruckt. Kein Wunder, dass dieser fast ein ganzes Jahrhundert umspannende Roman“ für den Deutschen Buchpreis 2025 nominiert wurde und auf der Shortlist Evangelischer Buchpreis 2026 steht.

Auch der Tipp aus der Speyerer Buchhandlung Fröhlich widerspiegelt Heimatgeschichte. Der Roman „Im Schnee“ von Tommie Goerz hat Heike Grünewald deshalb so fasziniert, weil er sie „auf eine Reise in ein Dorf im Wandel entführt und mit den lebhaften Bildern, die der Autor geschaffen hat, sofort in seinen Bann gezogen hat“. Protagonist ist „der alte Max“, der alle Zeit der Welt hat und sie in seinen vier Wänden verbringt. Draußen vor dem Fenster legt sich der Schnee wie eine Decke über das Dorf. Da dringt das Läuten des Totenglöckchens durch die Stille. Es schlägt für den Schorsch, der viel mehr war als nur ein Freund, ein Leben lang.

So macht sich Max am Abend auf zur Totenwacht, wo die Alten zusammenkommen, um des Verstorbenen zu gedenken und sich zu erinnern. Eine ganze Nacht erzählen sie von den Freuden bei der Ernte, von Abenden in der Wirtsstube, vom kleinen Glück. Und vom Schorsch. Aber auch von der Enge im Dorf und dem eisigen Schweigen. Erst im Morgengrauen kehrt Max heim. Im Licht des neuen Tages ist ihm klar: Nichts davon wird wiederkommen. Nur die Erinnerungen an dieses Leben bleiben, solange er da ist.“

Ab dem 2. Februar wird die Buchhandlung Fröhlich übrigens mit dem Spei’rer Buchladen fusionieren. Beide werden ihre Kompetenzen als „Buchhandlung Fröhlich - Ihr Spei'rer Buchladen“ in der Korngasse 17 zusammenführen.

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