Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Landesmuseum bietet Kultur am Telefon für Sehbehinderte

„Und ewig ticken die Wälder“, heißt es beim nächsten Mal.
»Und ewig ticken die Wälder«, heißt es beim nächsten Mal.
Mit Plakaten wie diesen fing der Tourismus am Feldberg an.
Mit Plakaten wie diesen fing der Tourismus am Feldberg an.
Statt des berühmten Bollenhuts tragen junge Frauen andernorts im Schwarzwald ein solches Schäppel.
Statt des berühmten Bollenhuts tragen junge Frauen andernorts im Schwarzwald ein solches Schäppel.

Dieser Tage wird gestreamt, was das Zeug hält. Theater und Orchester allerorten rüsten auf für digitale Aufmerksamkeit. Da wirkt ein neues Format des Badischen Landesmuseum Karlsruhe fast antiquiert. Entwickelt wurde „Kultur am Telefon“ für sehbehinderte Menschen. Doch es ist eine spannende Erfahrung auch für Sehende.

Eva Unterburg steht mitten im Ausstellungsraum, umgeben von einer Uhrmacherwerkstatt, einem originalen Kolonialwarenladen und Vitrinen voller Urlaubssouvenirs. Was macht die Kulturvermittlerin allein im Karlsruher Schloss? Des Rätsels Lösung ist das Telefon: 17 Menschen an den anderen Enden der Leitung nimmt Eva Unterburg mit auf ihren Rundgang.

So kommt das Museum zu den Menschen, auch zu Blinden und Sehbehinderten. Das Referat Kulturvermittlung des Badischen Landesmuseums hat überlegt, wie man die Führungen mit Objekten zum Anfassen ersetzen kann und die neue Reihe der Hörführungen entwickelt. Ulrike Radke arbeitet im Referat Kulturvermittlung und hat sich mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein in Verbindung gesetzt, den Datenschutz abgeklärt und in einer ersten internen Hörführung die Technik überprüft.

„Es kommt ein schöner Austausch zustande“

Schon diese erste Probeführung im Winter stieß auf große Zustimmung. „Das Interaktive ist wichtig“, sagt Radke. „Es kommt ein schöner Austausch zustande, und das ist besser als ein reines Streaming.“ Eva Unterburg hat bereits vor Corona Führungen für Blinde und Sehbehinderte gemacht. Die Kulturvermittlerin weiß, worauf es ankommt. Detailliert beschreibt sie, was sie vor Ort, in diesem Fall in der Abteilung „Baden und Europa“, sieht. Dann hebt sie einzelne Objekte hervor und schildert sie so genau, dass man sich vor dem inneren Auge ein Bild davon machen kann.

„Von Bollenhutmädchen und mondänen Kurgästen: Fremdenverkehr vor 150 Jahren im Schwarzwald“ heißt das Thema heute. Richtig lebendig wird die Führung durch die Geschichten, die Unterburg erzählt. Von Fanny Müller zum Beispiel, einer jungen Frau mit langem dunklem Zopf, die vor 130 Jahren mitten im Winter auf abenteuerlichen Wegen zu ihrem Bruder hoch auf dem Feldberg reist. Sie muss sich um ihren kleinen Neffen kümmern, die Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Diese zarte Person macht aus der rustikalen Herberge ihres Bruders ein schickes Hotel, das bald von illustren Gästen besucht wird, darunter auch das badische Großherzogspaar.

Wie der Bollenhut zum Markenzeichen wurde

Man sieht sie vor sich, die Pioniere des Wintersports um 1900, auf hölzernen Skiern, die Damen im Kostüm mit langem Rock, Spitzenbluse und Brosche. In dieser Zeit entstand auch das Klischee vom Schwarzwälder Bollenhutmädchen. Schuld daran ist ein „Reingschmeckter“: der norddeutsche Maler Wilhelm Hasemann. Er kam 1880 nach Gutach. Im Auftrag eines reichen Kehler Kaufmanns malte Hasemann sein erfolgreichstes Bild. „Nach dem Kirchgang“ zeigt junge Mädchen in der Gutacher Tracht mit dem Bollenhut.

Hasemann vermarktete sein Bild als Postkartenmotiv. So kam der Bollenhut weit herum, bis in die USA, und wurde zum Symbol für den Schwarzwald. Pech für das Schäppel. Diesen über und über mit Perlen, Glaskugeln und Spiegeln verzierten Kopfschmuck trugen katholische Mädchen im Mittel- und Südschwarzwald von ihrer Erstkommunion bis zu ihrer Hochzeit.

Zuhörer schwelgen in Erinnerungen

Nach den schwungvoll geschilderten historischen Hintergründen dürfen sich die Zuhörer einklinken. Eine ältere Dame erinnert sich an die Winter früher in Freudenstadt, eine andere hatte genau solche Schlittschuhe zum Anschrauben an das normale Schuhwerk wie sie im Museum zu sehen sind. Diese Möglichkeit, nach jedem Themenbereich fragen und über ihn reden zu können, macht die Hörführung ausgesprochen munter. Unterburg hat schon Stammgäste, die sich am Ende gleich nach den nächsten Terminen erkundigen. Willkommen sind alle, ob mehr, weniger oder gar nicht sehend, denn am Telefon sind alle gleich.

Jeden Monat gibt es ein neues Thema mit zwei Terminen. Das nächste Thema befasst sich wieder mit dem Schwarzwald: Unter der Überschrift „Und ewig ticken die Wälder“ geht es um die Handwerkskunst der Region, von der Glasbläserei bis zur Uhrmacherei.

Termin

Kultur am Telefon: „Und ewig ticken die Wälder – Handwerk im Hochschwarzwald“ am 15. Mai um 16 Uhr und am 19. Mai um 15 Uhr. Drei Tage zuvor muss man sich angemeldet haben per Mail an service@landesmuseum.de, den Einwahllink fürs Telefon erhält man einen Tag vor dem Termin, Kostenpunkt: 4 Euro.
x