Landau
Karin Engelbrecht zeigt die Ausstellung „Zwischengefühle“ im Strieffler-Haus
Als Meisterin im Goldschmiedehandwerk hat Karin Engelbrecht, die 1958 in Hamburg zur Welt kam und in Landau lebt, ein ganzes Berufsleben lang ihre Kunden mit Geschmeiden umspielt und dem Wunsch nach Selbstdarstellung Glanz verliehen. Schon immer hat sie parallel dazu gemalt, um ihr eigenes Wesen zu erforschen, ihren Gedanken Gestalt zu verleihen und ihren Gefühlen Raum zu geben.
Dieser Raum öffnete sich immer weiter, als sie sich 2018 zum Studium der Bildenden Kunst an der Europäischen Kunstakademie in Trier entschloss, das sie vor vier Jahren mit einem Diplom abschloss. Ihre handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten gehen nun mit neuen Impulsen und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in Acrylgemälden und Objekten auf. Ihre Wahrnehmung hat sich vom Blickwinkel der Draufsicht hin zur Innenansicht entwickelt. Und obwohl es nach wie vor der Mensch ist, den sie in den Fokus nimmt, ist das Figürliche der Abstraktion gewichen. „Ich tauche ein in Seelen- und Gefühlswelten“, erklärt Engelbrecht mit spürbarer Begeisterung für das neue Abenteuer, bei dem es noch körperlicher und haptischer zugeht als zuvor und in dem das eigene Empfinden – bewusst wie auch unterbewusst – die Hauptrolle spielen darf.
„Kopflos“ heißt bezeichnenderweise das großformatige Gemälde, das die Besucher der Ausstellung mit kraftvollen Farben und kontrastreichen Konturen begrüßt. Die Malerin will damit einerseits andeuten, dass man ihre Arbeiten ohne jedwede Grübeleien betrachten, ganz ohne Vorbehalt auf sich wirken lassen und mit eigenen Assoziationen verbinden kann. Andererseits ist der Titel ein Hinweis auf ihre eigene unbefangene Arbeitsweise. „Ich setze Farben, reagiere und muss dann immer wieder entscheiden, wie es weitergeht.“
Bei ihren Acrylbildern sind es nur vage Gefühle, Ideen und Beobachtungen, die sich durch intuitive Pinselschwünge und großflächige Spachtelaufträge auf der Leinwand schichten. Mit allen fünf Fingern werden diese dann sanft verwirbelt oder mit diversen Utensilien resolut durchkreuzt, an manchen Stellen auch wieder abgetragen und neu überlagert, bis der wohl austarierte Zustand der Harmonie erreicht ist. „Die Hand weiß mehr als der Kopf“, sagt die Künstlerin schmunzelnd. Ihre griffigen und poetischen Titel erhalten die Arbeiten erst ganz zum Schluss. Dabei legt sie eine sachte Gedankenspur, die beim Betrachter Entdeckerinstinkte weckt – ein wesentliches Element ihrer Kunst. Im „kopflosen“ Bild finden sich bei lustvoll-spielerischer Betrachtung durchaus ein Kopf, vielleicht auch eine Hand oder weitere Körperteile.
So unwichtig der Malerin und Plastikerin das Figürliche ist, so wichtig ist ihr die Sinnlichkeit in all ihren Facetten. Kein Wunder also, dass gerade die verletzliche Haut mit ihrer faszinierenden Membranfunktion ein besonders spannendes Themenfeld bietet. Engelbrecht, die zurzeit auch bei der Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler (APK) in der Landauer Villa Streccius vertreten ist, widmet sich der Haut in- und auswändig. Sie zoomt sich mit einem mikroskopischen Röntgenblick unter ihre Schutzschichten, lässt zarteste Härchen an ihrer samtenen Oberfläche zu Berge stehen oder macht die Haut mit gestochen scharfen Tätowierungen zum Symbol für Gleichheit und Geschwisterlichkeit.
Bei aller Innerlichkeit bleibt die politische Weltlage nicht außen vor. Deshalb machen im zweiten Ausstellungsraum auch recycelte Flaschen eine „Bella Figura“, und die überaus körperlich anmutenden Wesen „Lampy fat“, „Maß halten“ und „Boney“ zeigen als Trio, was der menschliche Körper manchmal ertragen muss. Im dritten Raum wird in lichten und leichten Gute-Laune-Farben „vom Glück der blauen Stunde“ erzählt, und sonnenflirrende Gelbtöne verbreiten ein „Summerfeeling“, in dem sich auch der „Deep Lion“ wohlfühlt. Doch auch diese Heiterkeit ist wahrlich kein flüchtiger Anflug auf der Leinwand. Sie ist spürbar einer Tiefe entwachsen, die in vielen Schichten, Brüchen und Rissen vom Dunkel ins Licht führt – und gerade dadurch ihre heilsame Kraft und Stärke entfaltet.
Die Ausstellung
„Zwischengefühl“ – Malerei und Plastik von Karin Engelbrecht, kuratiet von Monika Jager-Schlichter und Andreas Schlichter, bis 31. Mai im Landauer Strieffler-Haus der Künste: Fr-So 14-17 Uhr. Eröffnung am Sonntag, 19. April, 14 Uhr. Führungen mit der Künstlerin an Muttertag, 10. Mai, 15 Uhr, zur Kunst.Nach(t).Landau am Freitag, 29. Mai: 18, 19, 20 21 und 22 Uhr.