Rheinpfalz „Immer noch Militär und Bagage“

HINTERWEIDENTHAL. Das Kriegstagebuch des ehemaligen Hauptlehrers und Gemeindesekretärs Karl Kramer war in der Ausstellung des Landesarchivs „Erster Weltkrieg“ eingebunden. Teilweise aufgearbeitet hat dieses Kriegstagebuch der niederländische Staatsbürger Peter Vermeulen, der mit seiner Familie seit langem in Hinterweidenthal wohnt. Wegen Bauarbeiten im Landesarchiv ist dieses Tagebuch derzeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Deswegen kann die RHEINPFALZ lediglich die Aufzeichnungen Kramers über die ersten Kriegstage und die Ereignisse in Hinterweidenthal veröffentlichen.

Vormittag 9 Uhr mußten die Pferdebesitzer die 16 ausgemusterten Pferde nach Pirmasens verbringen (Dienstag) das Pferd von Kunz kam als zu jung wieder zurück. Vormittag 9 Uhr. Das Dahner Tal rückt aus mit Musik. Abends um 9.30 Uhr wird hier (königliche Forstamt Ost) ein Auto angehalten auf telephonische Mitteilung aus Pirmasens hin, dass aus einem mit sechs Soldaten besetzten Auto bei Rischweiler auf die Bahnwache geschossen werden sei. Einer der Insassen erhob unvorsichtigerweise den Browning. Sie hatten einen Fahrausweis von Saargemünd nach Rastatt, der vom königlicher Bezirksamte St. Ingbert den Vermerk trug: Weiterfahrt gestattet. Nach dem vorgefundenen Papieren waren die zwei eskortierten Insassen ein Deserteur und Soldat, welch letzterer als Posten vor Gewehr die Desertion begünstigt hatte. Ersterer wird zu 15, letztere zu 9 Monate verurteilt worden. Die Jagd ist gesperrt, die Ausübung untersagt. Auch das Waffen tragen ist Unbefugten verboten. Die Bevölkerung erspäht allerlei Flugapparate, die natürlich nicht da sind. England hat am 4. August, Nachmittag 7 Uhr, den Krieg erklärt, der Gesandte in Berlin seine Pässe eingefordert. Neben den Militärzügen (Ulm und Würzburg) von Ost nach West gingen heute in umgekehrter Richtung zwei Züge mit zurück gelieferten italienischen Arbeiterfamilien durch. Für den zweiten Zug wurden Lebensmittel (insbesondere Brot) erbeten, welche reichlich geliefert wurden. Das Bürgermeisteramt richtete an das Königliche Bezirkskommando das Angebot zur Errichtung eines Lazarett dahier. Das Dahner Tal beteiligt sich sehr stark bei Tag und Nacht an der Lieferung von Lebensmitteln. Es ist stiller geworden. Militärzüge verkehren, Das „Rote Kreuz“ arbeitet. Heute Nacht um 11 Uhr 30 ist noch Einquartierung eingetroffen. Heute Morgen war Buß- und Betgottesdienst, die Kirche überfüllt. Herr Pfarrer verkündigte, daß an jedem Dienstag und Freitag, abends um 6 Uhr 30 , Betstunden für die Krieger abgehalten werde. Landwehr kommt am Vormittage von Landau aus und lagert am sogenannten Magazin, Kaffee. und Brot werden erbeten und in Überfluß herbeigeschafft, obwohl das letztere 10 Pfennig aufgeschlagen hat.Von Rinnthal bis hierher sind bei der großen Hitze 60 Mann marode geworden. Drei Wagen werden hier requisiert, um nur die Ärmsten zu sammeln und nach Rodalben zu verbringen. Auch das Schenck′sche Auto hilft. Von den hiesigen Einwohnern waren bei den Soldaten: Koch Albert, Reisdorf Jakob. Der Bahnoffizier XII, stationiert in Biebermühle, kam hierher und begehrte eine Liste über die gedienten Landsturmpflichtigen Bahnschutzwächter. Es waren bloß vier solcher vorhanden, die Anderen gehörten teils den älteren Jahrgängen an, teils waren sie militäruntauglich. Nichts neues, immer noch Militärtransporte; 60 Züge, Schlesier kommen durch. Man bekommt allmählich einen Begriff, was es heißt: Deutschland ist eine Militärmacht. Immer noch Militär und Bagage. Oberschlesier. Auf die Gesamtsitzung der drei Distriktsorte vom 12. August erschien heute Zirkular No. 125, worauf nur Unterstützungsbedürftige Familien etwas erhalten und zwar die Frau monatlich neun Mark, Kinder unter 15 Jahre und unversorgte über 15 Jahre je sechs Mark. In den Unterausschuß für hier wurden berufen: Bürgermeister Brügel, Forstrat Bauer, Pfarrer Roth, Kaufmann Puster und Adjunkt Deckhut. Am nächsten Sonntag, nachmittags 3 Uhr, soll die vorbereitende Sitzung sein. Ein Aufruf zur Sammlung für das Rote Kreuz ist erschienen; Sammelstelle: Königliche Forstamt Ost. Vom Kommandeur Meijer der stellvertretene 6. Infanterie Brigade wurde unterm 11. August der Höchstpreis für den Doppelzentner Weizenmehl 00 im Großhandel auf 45 Mark festgesetzt. Truppentransporte. Im Süden des Dorfes streicht in großer Höhe ein Flieger vorbei. Aus Kramers Eintragungen gehen auch die Schicksale von zwei Hinterweidenthaler hervor, die in Frankreich gefallen sind. Die Informationen kamen damals entweder von Kameraden der Gefallenen oder vom jeweiligen Regiment: katholisch, geboren am 13. Mai 1888 in Hinterweidenthal, Hilfspostbote, ledig. Sohn des verlebten Tagners Jakob Deckhut und dessen verlebten Ehefrau Rosa Deckhut, geborene Nauer, beide zuletzt wohnhaft in Hinterweidenthal, eingerückt am 1. Oktober 1914 (Lfd. No. 441) zur 23. Infanterie Regiment, 8. Komp.Am 09.08.1915 bei Hollebeke verwundet - g.g. Kopf - (g.g.=Gewehrgeschoss).Genesungsheim Tourcoing - Kriegslazarett 4 Tourcoing.Am 12.02.1916 vom Lazarett zur Kompagnie entlassen.Am 15.09.1916 bei Martinpuich gefallen (g.g. in der Nierengegend). Aus Peter Vermeulens Recherchen geht hervor, dass Martinpuich am 15. September 1916 von der 45. und 46. Brigade des 15. Schottischen Divisions angegriffen wurde. Die Peripherie des Dorfes wurde schnell eingenommen am Vormittag des 15. September, obwohl die Einnahme der Rest des Dorfes schwieriger war als es aussah, weil das Dorf voll war mit Bunker/Erdlöcher, bemannt mit Truppen der Bayerische Division. Am frühen Nachmittag hatte die 15. Division das Dorf in Besitz genommen und um 15 Uhr hatten die Truppen die restliche Ruinen vom Dorf übernommen, die so gut wie planiert waren bevor der Kampf anfing. Bei dem zweiten Gefallenen aus Hinterweidenthal handelte es sich um Jakob Philipp Meyer. Wir lesen: Protestant, geboren am 13. Februar 1893 in Hinterweidenthal, Sohn des Fischers Philipp Meyer und dessen gewerblosen Ehefrau Karoline Meyer, geborene Bossert, heute wohnhaft in Hinterweidenthal, ledig.Truppenteil: 01.10.1914 bei 2/22 R.d.I.30.12.1914 bei 9/2214.08.1914 - 12.10.1915 bei 2/2218.10.1915 zu 9/22 30.12.1914 - 19.04.1915 Gefechte des 22. Inft. Rgt. auf französischem Kriegsschauplatz19.04.1915 - 04.07.1915 Gefechte des 22. Inft. Rgt. auf russischem Kriegsschauplatz18.10.1915 - 16.11.1915 Gefechte des 22. Inft. Rgt. auf serbischem Kriegsschauplatz03.03.1916 - 22.03.1916 Gefechte des 22. Inft. Rgt. auf französischem Kriegsschauplatzverwundet am 04.11.1915 durch Schrapnellschuss an der rechter Schulter09.07.1915 - 07.08.1915 im Reserve Lazarett Schweidnitz (Schlesien)07.08.1915 - 13.08.1915 im Reserve Lazarett Gießen.18.10.1915 dienstfähig zu 9/22 i.V.! Am 22.03.1916 bei Malancourt durch Granatsplitterverletzung gefallen; beerdigt im Wald von Malancourt.

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