Rheinpfalz „Ich will für jeden da sein“

Speyer. In Riza Akdemir setzt die türkisch-islamische Gemeinde viel Hoffnung. In den nächsten fünf Jahren ist der 44-Jährige Imam in Speyer. Knapp drei Wochen nach seiner Ankunft spricht er über Krieg und Frieden, Religion, Dialog und Ziele.
Ich bin mit „Hallo“ in Speyer begrüßt worden. Das war das erste deutsche Wort, das ich gelernt habe. Was wussten Sie vor Ihrer Abreise von Speyer? Ich wusste, dass die Stadt wie Köln am Rhein liegt und – wie Köln – einen Dom hat. Darüber habe ich in meinem Studium der Religionswissenschaften gelesen. Haben Sie die Speyerer türkisch-islamische Gemeinde so vorgefunden, wie Sie sich sie vorgestellt haben? Sie hat meine Vorstellungen weit übertroffen. So viel Hilfsbereitschaft habe ich nicht erwartet, sei es bei Behördengängen, der Suche nach Schule und Kindergarten oder beim Einkaufen. Auch die Erzieher und Lehrer haben meine Kinder herzlich aufgenommen. Für das alles möchte ich mich mit meiner Arbeit bedanken. Sind Sie froh, in diesen Tagen nicht im Kurdengebiet zu sein? Froh kann ich nicht sein. Ich bin betroffen über die aktuelle Lage in meiner Heimat. Das lässt mich nicht ruhig schlafen. Gerne würde ich mich zu Hause für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Truppen der IS-Terrorormiliz stehen vor der türkischen Grenze. Machen Sie sich Sorgen um Ihre Angehörigen in der Türkei? Nein. Ich weiß, dass die Türken stark sind und ihr Volk beschützen. Sie wissen, wie man mit Terroristen umzugehen hat. Darauf verlasse ich mich. „Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit“, sagt der Koran. Wer sich nicht danach richtet, ist kein richtiger Moslem. Wir sollten nicht auf das hören, was sie sagen, sondern auf das, was sie tun. Was haben Sie sich für die fünf Speyerer Jahre vorgenommen? Mein Ziel ist, den Gemeindemitgliedern den Koran näher zu bringen. „Lies“: So beginnt der erste Vers. Das ist die Aufforderung für jeden Moslem und mein Auftrag. Zudem will ich für jeden Speyerer da sein, der zu mir kommt – egal welcher Schicht, Nation oder Religion er angehört. Viele Gemeindemitglieder tragen kein Kopftuch. Ist das für Sie ein Problem? Nein, überhaupt nicht. Ich habe Respekt vor jedem Menschen und toleriere die persönliche Entscheidung, auch über den Ausdruck des Glaubens. Was halten Sie von der Zusammenarbeit mit dem Interreligiösen Forum? Das Forum kann für eine gute Gemeinschaft nur förderlich sein. Bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen bestehender Probleme ist ein solcher Dialog sehr wichtig. Ist für Sie der Austausch mit der jüdischen Kultusgemeinde angesichts des aktuellen Gaza-Konflikts besonders wichtig? Ja. Für uns ist das ein kleiner Schritt, der aber doch ein Zeichen für Gaza und überall sein kann. Ich glaube nicht an Rassen- oder Seelen-Unterschiede. Kein Araber ist einem Nicht-Araber überlegen – und umgekehrt. Mitglieder Ihrer Gemeinde bewerben sich am 23. November um einen Platz im Beirat für Migration und Integration. Wie stehen Sie dazu? Dieses Engagement kann ich nur begrüßen. Es fördert das Zusammenwachsen einer Gesellschaft. Gibt es schon Kontakte zu Flüchtlingen aus den Krisengebieten? Wollen Sie diese intensivieren? In der kurzen Zeit hatte ich noch keine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich sie unterstützen könnte.