Eisenberg Hilferufe von Flüchtlingen

Zwischen 30 und 40 Telefonate gehen täglich bei ihr ein, meist Hilferufe und Anfragen auf Arabisch. Denn die gebürtige Syrerin Kenous Shammas, die nun in Eisenberg lebt, ist Anlaufadresse für Flüchtlinge aus Syrien und Ägypten – letztere mit 90 Prozent in der überwältigenden Mehrheit.

Shammas, Mutter von drei Töchtern zwischen acht und 13 Jahren, spricht perfekt deutsch und arbeitet ehrenamtlich in diesem sozialen Vollzeitjob. Sie stellt für zunächst „sprachlose“ Migranten Kontakte her, begleitet sie nötigenfalls zum Arzt oder zur Schulanmeldung ihrer Kinder und übersetzt amtliche Schriftstücke.

1989, da war sie zwölf Jahre alt, suchte ihre als Christen politisch verfolgte Familie Asyl in Deutschland, erste Station war Stuttgart. „Eine schwierige Zeit für uns“, erzählt sie, „für die Ausreise hatten wir sehr viel Geld aufzubringen, und es war danach ein mühsamer langer Weg, bis wir das Bleiberecht erhielten.“ Nach der Ausbildung zur Friseurin jobbte sie etwa im Imbisstand ihres Schwagers, der sich in Heppenheim selbstständig gemacht hatte. Das geregelte Arbeitsverhältnis mit sozialer Absicherung war Voraussetzung für dauerhafte Duldung.

Bei einem weltweiten Treffen der OM, einer internationalen christlichen Mission, 1992 in Freiburg lernte Kenous Shammas ihren späteren Mann kennen, den Ägypter Danial Danial. 1996 heirateten beide, vier Jahre später erhielten der examinierte protestantische Theologe aus Kairo und seine syrische Frau die deutsche Staatsbürgerschaft. Danial arbeitete zunächst im Versand einer Pharma-Firma, um seine Familie zu ernähren. 2012 wurde er in Frankfurt zum evangelisch-koptischen Pfarrer ordiniert. Mittlerweile betreut er zwei Gemeinden in Ludwigshafen und Frankfurt, insgesamt 30 bis 40 Familien. 2013 gab er den Brotberuf auf, um nur noch als Seelsorger tätig zu sein. Ehrenamtlich, wie seine Frau, widmet er sich Hilferufen aus dem ständig wachsenden Flüchtlingsstrom. „Wir leben von Gottes Gnade“, sagt der von Amts wegen Arbeitslose. An vier Wochentagen vervollkommnet er in Kursen seine Deutschkenntnisse, an zwei Samstagen im Monat hält er Gottesdienste in der Frankfurter Philippskirche und in Ludwigshafen, und er weiß, dass das viel zu wenig ist. Er hält Bibelstunden und sucht Gespräche, ist froh über gute Begegnungen. Der Bedarf an geistlicher Unterstützung sei jedoch größer.

Sein Thema ist „Hoffnung“ – er will sie weitergeben. Hoffnung auch auf eine bessere Verfassung in Ägypten, auf Frieden zwischen politisch missbrauchten Religionen. Nein, er kenne keinen Hass, stellt er klar: „Wir sind alle Geschwister.“ Aber er wird bitter, wenn er auf die Gräuel islamistischer Terroristen zu sprechen kommt. Die öffentliche Hinrichtung eines Pfarrers durch Al Qaida „im Namen Gottes“. Die Eroberung der uralten aramäischen Stadt Maalula, christliche Hochburg nördlich von Damaskus, und die Verschleppung der Nonnen vor Ort durch fanatisierte Rebellen. Die zahllosen Entführungen und Lösegelderpressungen, fast immer mit tödlichem Ausgang für die Geiseln. Viele der hier gelandeten Flüchtlinge seien traumatisiert. Derzeit dürften Kopten in Ägypten weder Kirchen bauen noch zerfallende sakrale Gebäude sanieren. Er selber sei als Schüler diskriminiert und vom angestrebten Mathematikstudium ausgeschlossen worden. „Wir sind Fremde hier“, beurteilt er seine Situation in Deutschland. Manchmal, meint er, passten einfach die unterschiedlichen Charaktere nicht zueinander. „Wir sind arm – aber geistlich reich.“

Die Kirchheimbolander Amnesty-Ortsgruppe eröffnete jetzt im Eisenberger Eine-Welt-Laden eine Anlaufstelle für Flüchtlinge vor allem aus dem arabischen Raum. Ob sie ein „Café Asyl“ wird, hängt von der Nutzung ab. (fun)

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