Landau
Heimat ist auch eine Doppelhaushälfte: PEN-Gesprächsabend im Alten Kaufhaus
An 41 Abenden reden Menschen in diesen Wochen in Rheinland-Pfalz über Heimat: was das Wort für sie bedeutet, ob sie die Heimat bedroht sehen. Ob dies noch oder schon ihr Land ist. Am Freitag traf man sich, eingeladen von der Schriftstellervereinigung PEN Berlin, in Landau.
Ein Geschmack: die salzig-knusprige Dampfnudel der Oma. Ein Geruch: die Maische im Keller des Winzers. Eine Erinnerung: der erste zarte Kuss im Zwielicht der Laterne vor der Schule. Eine Sprachfärbung: Ich hab mir was Schäänes gekääft. Ein Spaziergang: mit dem Hund die Wiesen entlang und Stöckchen werfen. Das alles ist Heimat. Sie bedeutet Vertrautheit, „ein Ort, den man kennt und an dem man erkannt wird“. So sagt es Ralf Fücks in Landau. Er lebt in Berlin, war Senator in Bremen, aber an diesem Freitag ist er in Edenkoben vom Friedhof durch die Weinberge zur Villa Ludwigshöhe gestapft. In Edenkoben ist er geboren, dort kennt er sich aus.
Warum wird dann aber etwas so Anheimelndes mit schlechten Gefühlen belastet? Rechte plakatieren „Deutschland. Aber normal“ und möchten eine Norm, die es so nie gab. Linke brüllen „Deutschland verrecke“ und glauben an eine Internationale, die allenfalls als Konstrukt existiert. Ist Heimat wirklich so schlimm?
Nur weg!
Die beiden Männer, die in Landau auf der Bühne des Alten Kaufhauses über ihren Heimatbegriff reden, sind auf unterschiedlichen Wegen zur Heimat unterwegs gewesen. Für den jungen Fücks, Jahrgang 1951, war die Pfalz, Edenkoben, Landau, wo er am Max-Slevogt-Gymnasium zur Schule ging, „dumpf und grob“. „Ich wollte das loswerden, bin abgehauen.“ In Heidelberg schloss sich Fücks einer maoistischen Splittergruppe an und verweigerte den Wehrdienst. Ging zu den Grünen, schrieb deren Grundsatzprogramm mit, gründete die Heinrich-Böll-Stiftung, war in seiner Wahlheimat Bremen Umweltsenator und Bürgermeister. Seit 30 Jahren lebt er nun in Berlin, wo er 2017 mit seiner Ehefrau Marieluise Beck das Zentrum Liberale Moderne gründete, eine Nichtregierungsorganisation, die unter anderem dafür eintritt, die Ukraine zur Abwehr der russischen Aggression mit Waffen zu beliefern.
In Landau genesen
Ähnlich kurvig, doch ganz anders verlief der Lebensweg von Tijan Sila. Sarajevo, wo er 1981 zur Welt kam, „ist mir vollkommen fremd“, sagt er. Die Heimat hat er nicht aus eigenem Entschluss verlassen; seine Eltern packten die Koffer, nachdem Unbekannte der Familie im jugoslawischen Bürgerkrieg einen abgeschnittenen Katzenkopf vor die Haustür gelegt hatten. Als dreizehnjähriger Flüchtling landete Tvrtko Zuljevic, wie Tijan Sila damals hieß, in Landau. An dem Ort, „an dem ich vom Krieg genesen konnte“. Klar hat er Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit erlebt, aber vor allem eben „Hilfe, Freundschaft und Beistand“. Sein neuer Name Sila bedeutet auf Bosnisch Kraft. „Auf dem Balkan ist Heimat ein harter, finsterer Kampfbegriff“, erklärt er. Hier dagegen ist Heimat ein „Wärmestrom“, der ihn auftaut und ihm Kraft verleiht.
Tijan Sila redet, denkt und träumt auf Deutsch. Und er schreibt in dieser Sprache, erfolgreich. 2024 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis, eine der renommiertesten Auszeichnungen der deutschsprachigen Literatur. Sila lebt mit seiner Familie in Kaiserslautern, lehrt an einer Berufsschule. „Ich habe eine Doppelhaushälfte, das gehört zu Heimat dazu“, sagt er schmunzelnd. „Kaiserslautern ist echt eine coole, ruppige, kleine Stadt. Kaiserslautern gehört auch mir, ich lasse es mir nicht wegnehmen.“
Als Musiker in seiner Punkband namens Korrekte Drinks kennt Tijan Sila die linke Szene ziemlich gut. Er hat nie verstanden, warum das Wort Heimat dort so oft „eine Eruption des Ekels“ hervorruft. Auch wenn in politischen Debatten die Nazis und der Holocaust stets mitbedacht werden sollten, „muss man nicht über Deutschland sprechen als wäre da ein Poltergeist im Haus“. Fücks teilt diese Ansicht. Deutsche hätten „einen Generalverdacht gegen sich selbst“, konstatiert er und fügt an: „Es ist nicht verkehrt, eine kritische Vorsicht zu haben. Aber wir sollten uns mehr zutrauen.“
Kritik am „Denkfest“
Fücks und Sila antworten damit auf eine Frage von Ruth Fuentes, die in Berlin lebt und Kolumnen für die „taz“ schreibt, aber ebenfalls in der Pfalz, in Kaiserslautern, aufwuchs. Ob Demokratie Heimat brauche, wollte die Moderatorin wissen. Unbedingt, da sind sich die Männer auf der Bühne und die etwa 70 Zuhörer im Saal einig. Sie erzählen davon, dass Heimat eine sehr private Erfahrung sei, einige berichten, wie sie sich als Zugezogene die neue Heimat angeeignet haben. „Heimat ist etwas, das wir aktiv mitgestalten“, meint Fücks dazu. „Wir dürfen den Ultranationalisten nicht den Heimatbegriff überlassen, sondern müssen dem einen republikanischen Heimatbegriff gegenüberstellen. Demokratie kann nicht leben ohne eine gemeinsame Grundlage von Werten und Erzählungen.“
Dass dazu auch das gegenseitige Zuhören und freie Reden zählt, daran erinnert in Landau Deniz Yücel. Der Journalist, Sprecher des PEN Berlin, der die Gesprächsreihe organisiert, plädiert energisch dafür, dass Meinungsfreiheit für alle gelten müsse und kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die Veranstalter des „Denkfests“ in Landau im vergangenen Herbst die Buchhändlerin und kulturpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion im Dresdner Stadtrat, Susanne Dagen, kurzfristig ausgeladen hatten. Yücel weiß, wovon er spricht: Ein Jahr lang saß er in der Türkei in Haft, weil dem türkischen Präsidenten seine Meinung nicht passte.