Kultur Südpfalz „Freundschaft auf den ersten Blick“

Am 13. Juni ist der in Annweiler lebende Jean Firges gestorben. Der 1934 in Belgien geborene Literaturwissenschaftler studierte in Löwen (Belgien), Heidelberg, Freiburg, Köln und Genua Germanistik und Romanistik. Er promovierte 1959 über Paul Celan, mit dem er im persönlichen Austausch stand. Es war die erste Dissertation, die über diesen wohl bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts erschien. Celan faszinierte Jean Firges sein Leben lang. Er schrieb eine Reihe wichtiger Bücher über den Dichter und beschäftigte sich bis in seine letzten Lebenstage intensiv mit dessen Werk. Jean Firges hat uns viele der rätselhaften Gedichte Celans erst zugänglich gemacht, indem er ihre Bildsprache erschloss. Jean Firges lehrte erst an Gymnasien und dann von 1970 bis 1999 als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. 1991 zog die Familie in die Südpfalz, eine Landschaft, die er über alles liebte. In seinem Haus in Annweiler erfüllte er sich, wie er mir einmal gestand, seinen Wunschtraum: Die Gründung eines kleinen, exklusiven Kulturverlags, den er nach seinem Lieblingsblick auf den Trifels den „Sonnenbergverlag“ nannte. Er setzte sich das Ziel, Lesern mit knapp bemessener Freizeit Autoren von Rang und kulturgeschichtliche Themen nahe zu bringen. Das Verlagsprogramm umfasst mittlerweile über 90 Titel, darunter auch eigene Publikationen, zum Beispiel über das Nibelungenlied, über Hölderlin und über Sartre. Das literaturwissenschaftliche Lebenswerk von Jean Firges zu würdigen – es umfasst mehr als sechzig Werke – ist in diesem Rahmen nicht angebracht. Ich will stattdessen von einer langen Freundschaft sprechen. Sie begann vor etwa zwanzig Jahren, als ich bei einer Tischgesellschaft neben Jean Firges saß. Sofort vertieften wir uns in literarische Gespräche. Es war eine Freundschaft auf den ersten Blick. Später schrieben wir fast um die Wette und in ständigem Austausch der gerade entstehenden Texte. Jean Firges hat viele Jahre lang das Programm des Vereins „Kunst und Kultur Annweiler“ geprägt und als Referent mitgewirkt. Liebenswürdiger Eigensinn zeichnete ihn aus, er konnte einfühlsam, aber auch stur reagieren, wenn es ihm um die Sache ging. Er war ein geistreicher Plauderer, aber auch ein Redner, der mit didaktischem Geschick komplexe Gedankengänge auch denen nahebrachte, die darauf nicht vorbereitet waren. In der Erinnerung sehe ich oft seinen Kopf vor mir, der mächtig wirkte, weil er auf einem überaus zarten, fast gebrechlich wirkenden Körper saß. In unserem letzten Telefongespräch vor etwa zehn Tagen – er arbeitete an einem Buch über „Celan und die Wahrheit“ – sprachen wir lange über Platons Begriff der Wahrheit und über die Wahrheit in der jüdischen Mystik. Plötzlich versagte ihm die Stimme. Ich möcht ihm, dem großen Lyrik-Interpreten, ein Gedicht des italienischen Dichters Salvatore Quasimodo nachrufen:„Jeder steht alleinauf dem Herzen der Erde,getroffen von einem Sonnenstrahl.Und gleich ist es Abend“ Liebe ist so ein „Sonnenstrahl“. Oder Freundschaft.