Rheinpfalz „Erwachsene verbrauchen mehr Windeln als Babys “

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SPEYER. Die Klinik für Gynäkologie im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer ist eine zertifizierte Beratungsstelle der Deutschen Kontinenzgesellschaft. Am Mittwoch findet hier eine Informationsveranstaltung statt. Oberärztin Dr. Cordula Müller (47) ist Expertin in Sachen Inkontinenz. Wir haben mit der Zentrumsleiterin über das Tabuthema gesprochen, das rund neun Millionen Deutsche betrifft.

Frau Dr. Müller, die einen sprechen von Blasenschwäche, die anderen von einer überaktiven Blase. Wo liegt der Unterschied? Wer beim Lachen, Husten, Hüpfen oder Niesen den Urin nicht halten kann, leidet an einer sogenannten Belastungs-Inkontinenz. Die häufigere Form bei Frauen ist die Drang-Inkontinenz. Allerdings treten auch Mischformen auf. Wann kommen Patienten zu Ihnen? Wenn die Beschwerden nicht mehr ignoriert werden können, suchen Frauen den Arzt auf, meistens ihren Gynäkologen. Er oder der Hausarzt überweist die Patienten dann zur Beratung in unser Zentrum. Wir stellen die Ursache fest und beraten über Behandlungsmethoden. Wie hoch ist der Leidensdruck der Frauen? Der ist in den meisten Fällen extrem hoch. Einiges hat sich in diesem Bereich zwar schon verändert, aber es fällt Betroffenen immer noch schwer, über das Thema Inkontinenz zu reden. Oft war es die beste Freundin, die zum Arztbesuch geraten hat. Ihr kommt auch auf diesem Gebiet eine wirklich hohe Bedeutung zu. Denn der Freundin vertrauen Frauen Kontinenz-Probleme eher an als ihrem Partner. Gibt es Möglichkeiten, Inkontinenz vorzubeugen? Jein. Aber: den Beckenboden nicht vergessen. Regelmäßiges Training tut ihm immer gut. Kaffee und Schwarztee sind für die Reizblase nicht optimal. Mehr als zwei bis drei Tassen täglich sind deshalb nicht ratsam. Eineinhalb bis zwei Liter Flüssigkeit soll jeder Mensch am Tag zu sich nehmen. Überwiegend Wasser. Auch der mit Kontinenz-Problemen. Dreiviertel der Gesamt-Trinkmenge sollten Betroffene aber fünf Stunden vor dem Schlafengehen getrunken haben. Was geht noch, wenn es zu spät für Prophylaxe ist? Auch dann ist viel möglich. Operativ greifen wir erst ein, wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Das können Hilfsmittel, Medikamente oder uro-therapeutische Maßnahmen sein. Operiert wird nach der „Bändchenmethode“, die sich international durchgesetzt hat. Weltweit haben Chirurgen Frauen bestimmt schon vier Millionen Harnbänder in Voll- oder Teilnarkose eingesetzt. Warum trifft Blasen-Inkontinenz so viele Frauen? Das hat anatomische und hormonelle Gründe. Bei den meisten Frauen treten die Beschwerden nach den Wechseljahren auf. Bindegewebsschwäche, Östrogenmangel, Senkungen sowie häufiges und falsches Heben sind Ursachen. Aber auch junge Frauen nach Geburten oder mit schlechtem Bindegewebe kommen zu uns. Mit zunehmendem Alter mehrmals nachts ’rausmüssen, damit muss sich allerdings jeder abfinden. Was passiert, wenn man nichts unternimmt? Es wird schlimmer und beeinträchtigt die Lebensqualität immer stärker. Das geht bis zur sozialen Isolation. Es gibt Frauen, die wegen ihrer Blasenschwäche das Haus nicht mehr verlassen. Der Windelverbrauch Erwachsener ist mittlerweile deutlich höher als der für Babys und Kleinkinder. Das ist erwiesen. Was meinen Sie: Wird es eines Tages eine endgültige Lösung für das Problem geben? Das eine und einzige Patentrezept gegen Inkontinenz wird es wohl nicht geben. Glücklicherweise können wir allerdings schon heute viel tun, um den Betroffenen mehr Lebensqualität zu verschaffen. Termin Einen Informationsabend rund um Kontinenz und Inkontinenz veranstaltet das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus am Mittwoch, 29. Juni, um 17.30 Uhr im Diakonissen-Mutterhaus in Speyer, Hilgardstraße 26. In Vorträgen widmen sich Dr. Cordula Müller und Dr. Sandra Holz der Blaseninkontinenz. Chefarzt Dr. Dirk Jentschura beleuchtet chirurgische Therapiemöglichkeiten bei Stuhlinkontinenz. Besucher können sich über die neuesten Hilfsmittel sowie über progressive Muskelentspannung informieren. Der Eintritt ist frei.