Wörth
Eine Reise in den Norden: Konzert der Staatsphilharmonie
Zum dritten dirigierte eine Frau: Die aufstrebende Taiwan-Chinesin Yi-Chen Lin, die derzeit als Kapellmeisterin an der Deutschen Oper Berlin tätig ist. Am Sonntag wurde dieses nordische Programm nochmals in Zweibrücken gespielt.
Bei Komponisten aus Europas Norden fallen einem sofort die Namen Edvard Grieg und Jean Sibelius ein. Beide haben sich von dichterischen Werken zu musikdramatischen Kompositionen anregen lassen. Besonders bekannt wurde Griegs Schauspielmusik zum „norwegischen Faust“, dem „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen. Griegs Nummern schienen in ihrer eingängigen Sanglichkeit für die bizarren Weltreise-Episoden dieses globetrotternden Peer zu ästhetisch. So schrieb Griegs Landsmann Harald Saeverud ein Menschenalter später einige neoklassisch gepfeffertere, schrillere Stücke zu Peers Eskapaden.
Energische Dirigentin
Die mit energischer, bestimmender, weit ausholender Gestik arbeitende Dirigentin Lin kombinierte nun die Wunschkonzert-Stücke Griegs wie die „Morgenstimmung“, „Solveigs Lied“, „Anitras Tanz“ und „Ases Tod“ mit den fetzigen Nummern des an Hindemith und Prokofieff orientierten Saeverud.
Da blieb es natürlich nicht aus, dass in dem nach der Pause gegebenen 50-minütigen „Peer-Gynt“-Verschnitt nach den ersten drei deftigen Saeverud-Teilen bei Griegs flötender „Morgenstimmung“ aus dem Festsaal ein „Ah!“ zum Konzertpodium wanderte.
Insgesamt war dieses Grieg-Saeverud-Gemisch aber ein vielfältiges, abwechslungsreiches Hauptwerk nach der Konzertpause und damit programm-dramaturgisch der üblichen Sinfonie ebenbürtig. Die Staatsphilharmonie ließ sich ihre reichhaltige Klangpalette von der sie freundlich fordernden Gastdirigentin Lin bereitwillig öffnen. Der Ludwigshafener Klangkörper legte sich mit präzisen Einsätzen und wuchtiger Klangentfaltung mächtig ins Zeug (in Griegs „Stürmischem Abend“ etwa). Die Schlagzeuger lieferten präzise Rhythmik ab.
Gefühlige Passagen
Parodistische Elemente wurden charakteristisch eingebracht, kecke Marschbewegungen konturiert abgeschritten. Und in gefühligen Passagen wie „Ases Tod“ folgte die Staatsphilharmonie der ausladend animierenden Dirigentin mit expressiven Klangbögen. Dem Affen etwas viel Zucker wurde vielleicht in „Solveigs Lied“ mit süffigen Glissand-Effekten und energischen Schmerzens-Aufwallungen gegeben. Das traurige Lied der zu lang von ihrem Peer getrennten Solveig war indes das Schluss-Stück dieses stark beklatschten Abends, und da durfte schon mal etwas dicker aufgetragen werden. Vier Hervorrufe der Dirigentin bekundeten eine begeisterte Zufriedenheit der Hörerschaft.
Als Eingangswerk hatte Lin die kurze, witzige Klangstudie „Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“ des estischen Zeitgenossen Arvo Pärt gewählt. Nach der am Ende wiederkehrenden barocken Adagio-Tonfolge vernimmt man tremolierendes Streicher-Gesumme und geschäftige, stark vom Klavier grundierte Motionen. Der Fleiß der Bienen sollte wohl mit Bachs unablässiger Schaffenskraft in eins gesetzt werden. Eine witzige Reverenz an den Thomaskantor, die von der Staatsphilharmonie und der Dirigentin mit präziser Energie umgesetzt wurde.
In der Konzertmitte konnte man sich an den satten und sonoren Unisono-Melodien und an der unterschwelligen Dramatik der neunsätzigen Schauspielmusik-Suite zu Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ von Jean Sibelius ergötzen. Die Gastdirigentin sorgte mit der glänzend aufgelegten Staatsphilharmonie für flüssige Scherzo-Momente, elastisch tänzelnde, kleinteilige Folgen voller Feinschliff, aber auch für vitale Aufwölbungen und verträumt-pastorale Stimmungen.