Rheinpfalz „Die Stimmung ist gereizt“
Ludwigshafen. Die Reparatur des BASF-Industriehafens nach dem Explosionsunglück vom 17. Oktober wird laut Werkleiter Uwe Liebelt noch einige Monate dauern. Mit langfristigen negativen Folgen auf die Leistungsfähigkeit des Stammwerks und die Zahl der Arbeitsplätze rechnet der Werkleiter nicht. Das hat Liebelt gestern bei der Sondersitzung des Ludwigshafener Stadtrates gesagt. Er kündigte an, dass die BASF verlorenes Vertrauen zurückgewinnen wolle.
Die dreistündige Sondersitzung im Ludwigshafener Rathaus begann mit einer Schweigeminute für die Opfer des Unglücks. Vier Menschen – drei BASF-Werksfeuermänner und ein Matrose – sind dabei ums Leben gekommen. Fünf Schwerverletzte befinden sich weiterhin im Krankenhaus. Einhelliges Lob gab es für den Einsatz der Feuerwehren, die Schlimmeres verhindert hätten. Doch es wurde auch Kritik am BASF-Management laut. „Die hohe Akzeptanz der BASF in der Bevölkerung hat stark gelitten. Die Stimmung in der Stadt ist gereizt“, sagte etwa der ehemalige CDU-Fraktionschef Heinrich Jöckel. Die Bereitschaft zur Toleranz sei nach der jüngsten Pannenserie im Werk und durch anderes Verhalten zurückgegangen. Jöckel erinnerte an die Kritik zum 150. Firmenjubiläum im vergangenen Jahr und an das gebrochene Versprechen, nach dem Abriss des Engelhorn-Hochhauses ein neues Wahrzeichen für die Stadt zu bauen. Andere Politiker sprachen von einem „Vertrauensverlust“ und erinnerten daran, dass es eine „Schicksalsgemeinschaft“ zwischen Stadt und BASF gebe. Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) regte Gesprächskreise mit den Kommunalpolitikern an. „Das Ereignis hat auch uns geschockt“, sagte Werkleiter Liebelt und unterstrich, dass der Konzern den Vertrauensverlust wiedergutmachen wolle. So soll es unter anderem in Ludwigshafen regelmäßige Bürgerforen geben, die für mehr Transparenz sorgen sollen. Der Konzern brauche Zeit zur Unfalluntersuchung – der Unglücksort sei von der Staatsanwaltschaft immer noch gesperrt. Neben drei von den Ermittlern beauftragten Gutachtern will die BASF weitere drei externe Gutachter einschalten. In Sachen Sicherheit habe die BASF bisher deutlich über dem deutschen Industriestandard gelegen, wegen des Unglücks werde ein neues Gesamtpaket vorbereitet, das im Frühjahr vorgestellt werden soll. Liebelt wies Spekulationen zurück, dass die mit Rohrarbeiten im Hafen beauftragte Fremdfirma nicht ausreichend qualifiziert gewesen sei. Die Spezialfirma sei seit 25 Jahren im Rohrleitungsbau für die BASF tätig, sagte Liebelt. Wie berichtet, hat nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft einer der Arbeiter mit einem Winkelschleifer statt ein geleertes ein volles Rohr mit Raffinat angeschnitten und so wohl die Katastrophe ausgelöst. Werkleiter Liebelt informierte, dass bei solchen Arbeiten die Arbeiter ausführlich eingewiesen und die Rohre gekennzeichnet würden. Nach Angaben des Ludwigshafener Umweltdezernenten Klaus Dillinger (CDU) ist es zu einer Belastung des Bodens am Unglücksort gekommen. Bodenproben wurden genommen. Gemeinsam mit Aufsichtsbehörden und Stadt soll nun ein Sanierungskonzept erstellt werden. Agrarflächen in der Nachbarschaft seien nicht belastet worden. Feuerwehrdezernent Dieter Feid (SPD) unterstrich, dass die Bevölkerung nicht gefährdet gewesen sei. Das belegten alle Messdaten. Heute befasst sich in Mainz der Umweltausschuss des Landtags mit den Folgen der Explosion. Unterdessen hat der ehemalige Leiter des Logistikzentrums und der Gefahrstofflager der BASF, Klaus Linska, in einem Brief an Vorstandschef Kurt Bock die aus seiner Sicht „falsche Geschäftspolitik“ des Chemiekonzerns kritisiert. Er wünscht dem Manager „Mut und Kraft, sich der Aktionärs- und Kapitalmacht zu widersetzen und den Kurs der BASF wieder zurückzudrehen auf die erfolgreiche Firmenphilosophie der früheren Jahre, in der nicht über Mitarbeiterbedeutung gesprochen, sondern auch entsprechend gehandelt wurde“. Wegen des Unglücks musste der Konzern seine Produktion herunterfahren. 18 Anlagen sind weiterhin abgeschaltet, 49 laufen im Teillastbetrieb. Sie sollen nach und nach wieder hochgefahren werden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich die Ermittlungen noch bis ins kommende Jahr hinziehen. |mix/ier/gana