Rheinpfalz Die Besten aus dem Knast

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Wittlich. Diesmal hat es einer von den Metallern geschafft – der 22-jährige L. ist bundesweit der beste Azubi in der Fachrichtung Konstruktionstechnik und wurde unlängst bei der deutschlandweiten Feier in Berlin ausgezeichnet. Ansonsten arbeitet er bei einem Betrieb im Westerwald. Und bis vor kurzem war er Insasse der Jugendstrafanstalt Wittlich (JSA).

Dort hat man sich an solche Erfolge schon gewöhnt. Seit sechs Jahren bringt das Jugendgefängnis die besten Lehrlinge der Region hervor. Deswegen gerät Ausbildungsleiter Hans Jürgen Müller auch nicht aus der Fassung, wenn von seinem neuesten Spitzenschüler die Rede ist: „Der Junge ist schon gut, aber keineswegs die große Ausnahme.“ Hinter dicken Mauern, Gitterstäben und Stacheldraht arbeiten und büffeln zur Zeit rund zwanzig Jugendliche in den Bereichen Metall, Technik oder Holzverarbeitung. Alle mit einem Ziel: eine gute Lehre hinzulegen und später auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu bekommen. Andere unter den derzeit 116 Jugendlichen in der JSA Wittlich müssen erst einmal die Schule hinter sich bringen. „60 Prozent kommen ohne Hauptschulabschluss zu uns“, sagt JSA-Leiter Otto Schmid: „Aber auch da geht es vorwärts. Viele schaffen gute oder sogar sehr gute Abschlüsse.“ Für das gute Abschneiden der eingesperrten Azubis gibt es eine Reihe von Gründen. Sie lernen in kleinen Klassen von acht bis zehn Leuten. „Draußen sind Klassenstärken von bis zu dreißig Lehrlingen normal“, sagt Christian Reuter von der Trierer Industrie- und Handelskammer, die im Gefängnis die Prüfungen abnimmt: „Weniger wäre besser.“ Insgesamt kümmern sich acht Lehrer, vier Psychologen und 15 Sozialarbeiter um die Jugendlichen, die ihre Ausbildung ohne Zeitdruck absolvieren können. „Wir unterliegen hier keinen wirtschaftlichen Zwängen“, sagt Hans-Jürgen Müller: „Wir müssen nicht in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Stückzahl produzieren.“ Hinzu kommt, dass der Strafvollzug wesentlich flexibler geworden ist. Früher war an der Gefängnispforte Schluss. Heute kann der Lehrling mit seinem Meister auch mal den Knast verlassen und die Werkbank in einem Wittlicher Handwerksbetrieb kennenlernen. All das trägt dazu bei, dass die Jugendlichen sich gut auf ihre Ausbildung konzentrieren können, manchmal sogar besser als ihre Altersgenossen draußen vor den Gefängnistoren. „Unsere Leute können nicht weglaufen“, sagt JSA-Leiter Otto Schmid: „Es gibt keine Frauen und keine durchzechten Nächte.“ Stattdessen sitzen die ambitionierten Lehrlinge über ihren Büchern – „schon allein aus Langeweile“, wie Schmid sagt. Und wie stehen die Chancen nach dem Gefängnis, nach der Ausbildung? „Zur Zeit ziemlich gut“, meint Christian Reuter von der IHK. Überall würden junge Arbeitskräfte gesucht, vor allem in der Gastronomie. Sozialarbeiterin Susanne Scheid, die für die JSA Wittlich Kontakt zu den Unternehmen hält, kann das nur bestätigen: „Auch die Chefs in der Metallbranche und in der Holzverarbeitung sind sehr aufgeschlossen; wenn die sehen, was unsere Jungs drauf haben, geben sie ihnen eine Chance.“ Diese Erfahrung hat auch der preisgekrönte Konstruktionstechniker L. gemacht. „Meine Vergangenheit war für meinen Arbeitgeber überhaupt kein Problem“, sagt er. Ein Gefängnisaufenthalt sei nicht mehr der lebenslange Makel wie in früheren Zeiten. Viele Jugendliche nutzen die Chance, die ihnen das Lernen im Gefängnis bietet. Und plötzlich sind sie mit Schulabschluss, Ausbildung und festem Arbeitsplatz mitten in der Gesellschaft angekommen. Manche von ihnen zum ersten Mal.

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