Rheinpfalz Der Reifen-Zoff im Rennzirkus

MONTE CARLO (sid). Nico Rosbergs Sieg beim Großen Preis von Monaco war hochverdient, doch die Diskussionen drehen sich vor allem um einen Reifentest, der für Mercedes Folgen haben dürfte. Sebastian Vettel kann entspannter in die kommenden Wochen gehen.
Man konnte Mitleid haben mit Nico Rosberg. Da saß er nun im Mercedes-Motorhome am Hafenbecken, sein hochverdienter erster Heimsieg war erst wenige Stunden alt - doch niemand wollte darüber reden. Die Fragen prasselten stattdessen auf Motorsportchef Toto Wolff ein, und sie kannten nur ein Thema: Mit Reifenhersteller Pirelli hatte das Team kürzlich Tests auf dem aktuellen Auto durchgeführt und damit, so der Vorwurf, gegen die Regeln verstoßen.
Mercedes droht nun Ärger. Und Wolff platzte nach wenigen Minuten der Kragen. ”Wir haben wirklich schwierige Zeiten hinter uns, nichts und niemand kann uns diesen Sieg wegnehmen”, wetterte der 41-Jährige nach dem ersten Saisonsieg für Mercedes und griff Red Bull an, das Team von Weltmeister Sebastian Vettel, der den zweiten Platz belegt hatte. ”Wenn die Beschwerden von einem Team kommen, das dreimal Weltmeister war, dann finde ich das nicht richtig. Wir graben uns gerade selbst aus der Scheiße und werden gleich mit solchen Beschwerden bedacht”, schimpfte Wolff.
Tatsächlich war es neben Ferrari auch Red Bull, das Protest beim Automobil-Weltverband FIA eingelegt hatte. Die Rennkommissare vor Ort hörten alle Beteiligten und beschlossen nach einer mehrstündigen Sitzung, dass der Fall nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liege. Nun müssen die Regelhüter des Weltverbandes in Paris entscheiden, ob Pirelli und Mercedes sich vor dem FIA-Gericht verantworten sollen. Rosbergs Sieg bleibt unangetastet, auch die Konkurrenz hatte mehrheitlich eingesehen, dass dieser nicht die Folge der Testfahrten war.
Grundsätzlich ist die Sachlage klar: Während der laufenden Saison verbietet das FIA-Reglement den Teams Testfahrten mit aktuellen Boliden. Pirelli stützt sich allerdings auf den eigenen Vertrag mit dem Weltverband. ”Es gibt keinen Zweifel, dass wir bis zu 1000 Testkilometer mit einem der Teams durchführen dürfen, wenn die Umstände es nötig machen”, sagte Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery. Die gefährlichen Reifenablösungen, die in den ersten Saisonrennen auftraten, seien solche Umstände, und um effektiv arbeiten zu können, brauche man eben aktuelle Autos. Mercedes habe zudem keine Erkenntnisse aus den Tests ziehen können, ”sie hatten gar keine Ahnung, was sie da überhaupt testeten”, sagte der Brite. Die Konkurrenz sieht dennoch einen klaren Vorteil in den Kilometern, die Mercedes in Barcelona abgespult hat und über die offenbar keiner der anderen Rennställe informiert war. Denn damit wäre eine wichtige Bedingung nicht erfüllt: Die FIA teilte am Sonntag mit, dass man derartige Tests in der Tat genehmigt habe, allerdings unter der Auflage, dass alle Rennställe diese Möglichkeit erhalten müssten. Das Team dürfe dabei lediglich Autos und Fahrer stellen, der Test müsse von Pirelli durchgeführt werden. Wolff winkte dennoch ab, man habe ja nicht profitiert. Und überhaupt: Nichts an diesem Test, so Wolff, sei geheim gewesen: ”Wir sind nach Barcelona mit dem gesamten Equipment an der Strecke geblieben, es war offensichtlich. Hätten wir es noch twittern sollen?”
Bei aller Aufregung ging nicht nur Rosbergs Triumph ein wenig unter, auch, dass Vettel sich im Kampf um die WM-Krone Luft verschaffte, wurde zur Randnotiz. ”Für die WM ist es schön, aber es kommen noch sehr viele Rennen. Wir haben ja im letzten Jahr gesehen, wie schnell sich das Blatt wenden kann, über mehr müssen wir deshalb noch nicht sprechen” sagte Vettel, der mit 107 Punkten wieder deutlicher vor Kimi Räikkönen (86) und Fernando Alonso (78) führt.