Karlsruhe Der Krise ein Gesicht geben: Kulturbranche kämpft um Beachtung

280 Menschen, die in der Kultur- und Veranstaltungsbranche arbeiten, haben der Aktion schon ein Gesicht gegeben.
280 Menschen, die in der Kultur- und Veranstaltungsbranche arbeiten, haben der Aktion schon ein Gesicht gegeben.
Organisiert die Aktion: Sascha Kart.
Organisiert die Aktion: Sascha Kart.
Organisiert die Aktion: Niklas Braun.
Organisiert die Aktion: Niklas Braun.

Fröhlich, traurig, auch nachdenklich blicken diese Menschen in die Kamera. Sie sind die „Kulturgesichter 0721“. Eine Kampagne, die den Beschäftigten in der von der Corona-Pandemie arg gebeutelten Kultur- und Veranstaltungsbranche ein Gesicht geben möchte. Viele Gesichter. Hunderte allein in unserer Region.

Das sind sie also. Das sind die Menschen, die auf der Bühne, aber vor allem hinter den Kulissen dafür sorgen, dass wir Konzerte und Theatervorstellungen erleben können. Das sind die Menschen aus der Kulturbranche, für die der Corona-Lockdown zum Knockdown wurde. Yoreme etwa, seit 30 Jahren Dramaturgin und Veranstalterin. Michael, seit 15 Jahren Filmvorführer in der Kinemathek. Emilia, seit fünf Jahren Schlagzeugerin. Und Chris, seit 36 Jahren Booker beim Jubez.

Ende Oktober tauchten die ersten Karlsruher Kulturgesichter im Internet auf und verbreiteten sich über die sozialen Netzwerke. „Wir wollen den abstrakten Begriff der Veranstaltungsbranche greifbar machen und emotionalisieren“, sagt Sascha Kart, der die Aktion mit Niklas Braun organisiert. Beide arbeiten als Musiker und auch als Veranstaltermanager oder Techniker.

Aus Hannover schwappt die Aktion übers Land

Dass hinter den „Kulturgesichtern“ die Vorwahl steht, ist vorgegeben. Die Karlsruher Bilderflut ist Teil der Aktion „#Ohneunsistsstill“ der deutschlandweiten Eventbranche. Andere regionale Ableger sind die „Kulturgesichter 0421“ in Bremen, die „Kulturgesichter 0711“ in Stuttgart und die „Kulturgesichter 0621“ in Ludwigshafen und Mannheim. Über Bekannte dort kam die Idee nach Karlsruhe zu Kart und Braun. Vorbild für alle sei aber Hannover gewesen, wo die Aktion gestartet ist. „Per Copy and Paste hat sich das Ganze verbreitet“, erzählt Kart.

Die Porträts sind alle sehr sparsam gestaltet mit Vornamen, Beruf und den Arbeitsjahren. Das sei Absicht. „Wir wollen nicht jammern, sondern einfach nur gesehen werden“, sagt Braun. „Kultur wird als selbstverständlich wahrgenommen. Aber bis eine Band auf der Bühne steht und spielt, muss ganz viel passieren.“ Das sei ein riesiger logistischer Aufwand, und alles wolle organisiert sein: Unterbringung, Catering, Technik, Transfer zum Flughafen, Sicherheitsdienst und Toilettenreinigung.

Künstler wollen nicht aufs Amt rennen und die hand aufhalten

Wenn man jemandem erzähle, dass man Musiker sei oder Bühnentechniker, dann ernte man oft die Frage: „Und was machst du sonst?“ Sascha Kart: „In den Köpfen der Menschen ist noch nicht angekommen, dass wir in echten Jobs arbeiten, dass sich Menschen hauptberuflich mit Kultur beschäftigen – und zwar mit viel Leidenschaft.“ Wenn von der Branche die rede sei, wirke das meist sehr abstrakt. „Wer dahinter steckt, ist nicht so greifbar.“

Die Aktion habe auch schon verblüffte Reaktionen geerntet, dass Menschen die abgelichteten Kollegen wiedererkannt haben als die, die abends am Mischpult sitzen oder vielleicht noch mal über die Bühne huschen und ein Mikro richten.

Auch Plakate und Banner werden gehängt

„Wir sind die sechstgrößte Branche in Deutschland, und wir werden völlig vergessen im Moment“, kritisiert Kart die bisherigen Corona-Hilfspakete. Gerade unter seinen Kollegen spiele Ehre eine große Rolle: „Sie wollen nicht zum Amt rennen und die Hand aufhalten. Da fahren sie lieber eine Zeit lang Laster.“ Braun ergänzt: „Das war ja auch die Triebfeder dafür, selbstständig als Freiberufler zu arbeite: Jeder kümmert sich selbst darum, dass er Geld verdient. Unser Know-how ist es, flexibel zu sein und schnell auf Probleme reagieren zu können, zu improvisieren. So sind die Menschen gestrickt.“ Wenn sie in eine Konzertsaal kommen, in dem sie nicht alles so vorfinden, wie es nötig wäre und wie es im Vertrag vereinbart war, dann versuchen sie eben eine Lösung zu finden.“

Rund 280 Menschen haben sich in Karlsruhe schon für die „Kulturgesichter“ ablichten lassen. Wer noch mitmachen will, kann sich bei einem Shooting-Termin fotografieren lassen. Es soll auf jeden Fall noch weitere Gelegenheiten geben. Die Organisatoren wollen auch noch von der digitalen auf die reale Bühne und Plakate sowie Großflächenbanner mit den Porträts hängen. „Die Kraft der Aktion ,Kulturgesichter’ liege in der dezentralen Organisation“, ist Kart überzeugt. Eine bundesweite Lobby oder eine Kulturgewerkschaft, wie sie Jazztrompeter Till Brönner angeregt hat, sieht er eher in der Aktion „Alarmstufe rot“ aufkeimen. Aber die „Kulturgesichter“ könnten die Menschen vor Ort, vor allem die Politiker für das Thema sensibilisieren. „Wir können den Druck friedlich von unten erhöhen.“