Eisenberg Das Wasser kam in der Nacht

Jamill Sabbagh aus Albisheim, Vorsitzender der Donnersberger Initiative für Menschen in Not, ist nach Serbien gefahren, um zu sehen, wie ärmeren Familien, die Ende Mai Opfer des Hochwassers wurden, geholfen werden kann. Fazit: am besten mit Geldspenden für Baumaterial. Für die RHEINPFALZ schildert er seine Besuche bei Betroffenen.

Eine Woche lang war Smederevska Palanka nur mit Booten oder aus der Luft zu erreichen. Nun, wenige Wochen später, sieht auf den ersten Blick alles normal aus – vom aufgetürmten Sperrmüll am Straßenrand einmal abgesehen. Erst in Nadas Haus – Nada hat mich vom Flughafen in Belgrad abgeholt und ins 80 Kilometer entfernte Smederevska Palanka gebracht – wird das Ausmaß der Flutkatastrophe von Ende Mai sichtbar. Die Außenmauern sind durchnässt, innen, wo einst schöne Möbel standen, ist das Haus leer. Nur feuchte Wände, herabgefallener Putz, herausgerissene Holzböden. Dennoch nennt Nada seine Lage noch erträglich, glaubt, dass er sein Haus aus eigener Kraft wieder herrichten kann, weil er einer der wenigen Männer im Stadtteil ist, die noch ein geregeltes Einkommen haben. Die Ärmeren leiden noch mehr. Viele Familien sind obdachlos geworden oder kehren in die feuchten Häuser zurück, weil sie nirgendwo sonst eine Bleibe haben. Frau Djewkovic ist eine junge Witwe mit zwei Kindern, acht und fünf Jahre alt. Sie hat Kaffee gekocht, erzählt, dass das Wasser sie nachts überraschte, als die Kinder schliefen. Die trug sie dann blitzschnell, wie ein paar wichtige Gegenstände auch, auf den Dachboden ihres kleinen Hauses. Minuten später stand das Wasser bereits 1,50 Meter hoch in den Räumen. Nun liegt die gesamte Hauseinrichtung unbrauchbar am Straßenrand. Dabei hatten die Behörden vorher noch Entwarnung gegeben, plötzlich, erzählt sie, habe es dann aber geheißen, verlasst das Gebiet schnellstens. „Wir konnten so wenig retten, weil wir so wenig Zeit hatten“, sagt die Frau. Die Familie braucht dringend Geld, um das Haus wieder bewohnbar zu machen. Sie schlafen auf halbwegs getrockneten Matratzen. Die Familie und die Großeltern nebenan leben von der kleinen Pension der Großeltern, 230 Euro im Monat. Davon müssen alle Ausgaben bestritten werden. Zum Glück haben sie noch den Garten für die Selbstversorgung. Die Familie braucht nach Schätzungen dringend etwa 2500 Euro, damit sie so schnell wie möglich wieder ein halbwegs normales Leben führen kann. Das Haus von Sacha Slawkowic ist wie viele Häuser hier relativ neu. Die Familie mit drei Kindern lebte in vier ehemals gut eingerichteten Zimmern. Nun sind alle leer, Fenster und Türen vom Wasser zerstört. Die Betten stehen im Garten zum Trocknen, die alten Matratzen werden täglich in der Sonne gewendet in der Hoffnung, sie wieder verwenden zu können. Küchengeschirr, sofern noch brauchbar, wird mit dem Wasserschlauch vom Schlamm befreit. Alle erzählen die gleiche Geschichte: wie das Wasser um 23 Uhr kam und alles überflutete. Sacha sagt: Schau dich um, das war unser Paradies, und jetzt ist es die Hölle! Sacha arbeitet in der Metallfabrik in der Nachbarstadt, seine Frau bei der Eisenbahngesellschaft. Beide verdienen rund 400 Euro. Um das Haus einzurichten, haben sie einen Kredit über 4000 Euro aufgenommen, der Zinssatz beträgt 22,5 Prozent. Ein Gehalt geht für die Rückzahlung und für Fixkosten drauf. Das ältere Ehepaar Jankovic lebt zusammen mit zwei Enkelkindern. Der 61-jährige Opa ist arbeitslos und trägt durch Gelegenheitsarbeiten zum Lebensunterhalt für sie alle bei. Mit den Enkeln ist er gerade dabei, feuchten Putz von der Wand zu klopfen. Wieder ein Bild der Verwüstung. Der gesamte Hausrat steht auf der Straße, wartet auf die Sonderschicht der Müllabfuhr. Auch bei Familie Jaworad Marinkovic hat das Wasser alles vernichtet. Im Kinderzimmer hängen die Kinderbilder hoch unter der Decke, alles andere ist im Schlamm begraben. Die Familie konnte sich aufs Dach retten, den kleinen Ford Fiesta musste sie dem Wasser überlassen. Das ist abgeflossen, aber der Schlamm steckt fest im Auto. Die Frau lacht bitter: „Gott sei Dank wurde mein Gehalt der letzten acht Monate nicht bezahlt, sonst hätten wir es ins Haus gesteckt.“ Da wird einem bewusst, dass es neben der Naturkatastrophe noch eine andere, eine soziale Katastrophe gibt.

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