Rheinpfalz Blickpunkt: Olympische Spiele in Deutschland

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Dreimal war Deutschland Olympia-Gastgeber: im Winter und im Sommer 1936 sowie im Sommer 1972. Nun ist es an der Zeit, die Spiele mal wieder ins Land zu holen. Das denken Politiker und Sportfunktionäre und bekennen sich zu einer Bewerbung für 2024 oder 2028. Zurzeit werden Bürger in Hamburg und Berlin um ihre Meinung gefragt. Am 21. März wird die Bewerberstadt gekürt. Dann hat das IOC das Wort.

Die Paulskirche in Frankfurt am Main – nationales Denkmal, ein Haus aller Deutschen. Ein Symbol für Freiheit und Demokratie. Und bald auch ein Hort sportlicher Eintracht im Lande? Von der Paulskirche aus soll mit der einstimmigen Bestätigung der deutschen Bewerberstadt für die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 zugleich die Faszination, die Olympia uneingeschränkt auf die enthusiastische Führung des organisierten Sports in Deutschland ausübt, in die Köpfe einer breiten Öffentlichkeit fließen. Vertrauen, Transparenz, Kommunikation, Mobilisierung – mit solcherart Vokabeln gilt es die mühevolle Überzeugungsarbeit an Bürgern fortzusetzen, die längst derart große Projekte wie Olympische Spiele mit Skepsis ansehen. Vor allem dann, wenn diese Projekte noch neun oder gar 13 Jahre, also unvorstellbar weit weg sind. Es ist gerademal eineinhalb Jahre her, dass eine offenbar weit gediehene deutsche Olympiabewerbung – die von München und anderen oberbayrischen Städten für die Winterspiele 2022 – krachend am Einspruch der Bürger scheiterte. Aber die Wunden waren schnell geleckt. Schneller als gehofft oder befürchtet. Jetzt ist Sport-Deutschland erstaunlicherweise schon wieder bereit, vom lähmenden Schockzustand in den kämpferischen Bewerbungsmodus umzuschalten. Als erstes Land weltweit brachte es sich im Bewerberwettrennen ins Gespräch. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will aus der bitteren Lektion gelernt haben. „Rückblickend war es eine der Erkenntnisse, dass bei der schmerzvollen Niederlage in Bayern nicht in der notwendigen Klarheit und Intensität kommuniziert worden ist“, diagnostizierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann umgehend. Der DOSB-Vorstandsvorsitzende, der ehemalige Grünen-Politiker Michael Vesper, wusste noch von seiner politischen Arbeit, „dass es immer leichter ist, gegen etwas mobil zu machen, als dafür“. Will heißen: Die Olympiabefürworter wurden damals nicht fürsorglich genug ins Boot geholt, damit sie ein positives Votum abgeben, und den Olympiagegnern war nahezu kampflos das Feld überlassen worden. Ein Kardinalfehler, zur Nachahmung nicht empfohlen. Der Präsidiumsbeschluss vom Oktober 2014, sich definitiv zu bewerben, wurde von der DOSB-Mitgliederversammlung am 6. Dezember in Dresden einstimmig gestützt. Um Zeit zu gewinnen und jedem Vorwurf von Intransparenz zu entgehen, verschob man die endgültige Entscheidung um die Bewerberstadt in diesen März. Getragen werden soll sie von Volkes Meinung. 80 Prozent der Befragten in Hamburg, 79 Prozent der Befragten in Berlin sprachen sich für Olympische Spiele in Deutschland aus. Das war herbstlicher Rückenwind genug. Nicht ganz so eindeutig fielen die Meinungen bei der Frage aus, ob die Spiele in der eigenen Stadt stattfinden sollen. In Hamburg stimmten 53 Prozent dafür, in Berlin 48 Prozent. Zwar hatte das DOSB-Präsidium im Dezember schriftlich erklärt: „Olympische (und Paralympische) Spiele sind ein Ort der Begegnung und der kulturellen Verständigung, wie es sonst weltweit keinen anderen gibt. Sie faszinieren die Jugend der Welt. Das zeigen etwa die Einschaltquoten im Fernsehen und insbesondere auch die signifikante Wahrnehmung über die neue Medien. Beides steigt von Mal zu Mal weiter. Sportarten, die bei Olympia erfolgreich sind, schaffen Vorbilder und lösen gerade bei jungen Menschen Eintrittswellen in die Sportvereine aus.“ Das ist vermutlich alles richtig, aber Papier ist bekanntlich geduldig. Bürgerinnen und Bürger sorgen sich dann doch eher um eine seriöse Finanzierung und um Nachhaltigkeit von Großprojekten. Gigantismus, Korruption oder Bewerbungsskandale, von den globalen Weltverbänden regelmäßig serviert, dazu autokratische Gastgeber und Dopingschlagzeilen haben Olympische Spiele zuletzt in ein getrübtes Licht gerückt. Wer interessiert sich da schon für eine tolle städtebauliche Entwicklung, von der 1972 München oder 2012 London profitierten? Bis Dienstag, wenn sich das DOSB-Präsidium in Neu-Isenburg mit den Mitgliedern der Sportfamilie und Vertretern aus Politik und Gesellschaft trifft, sollen neue Ergebnisse aus einer zurzeit unter jeweils 1500 Hamburgern und Berlinern laufenden Umfrage einfließen. „Die Umfrage wird ganz entscheidend sein. Spiele gegen die Bevölkerung funktionieren nicht“, betonte Alfons Hörmann immer wieder. Hat eine Stadt einen erheblichen Vorsprung, könnte dies eine Vorentscheidung bedeuten. Am 15. und 16. März tagt das Präsidium erneut. Beide Städte werden dann ihre Konzepte den Spitzensportverbänden präsentieren. Diese sollen bewerten, was Hamburg und Berlin vorhaben. Hier Olympia aus einer Hand auf einer Elbinsel, alles neu erbaut, dort das eher dezentrale Konzept in einer Stadt, in der das Olympiastadion von 1936 im Mittelpunkt steht. Beide Städte haben seit Herbst, bildlich gesprochen, die Ärmel richtig hochgekrempelt und in vielen Workshops Möglichkeiten und Anforderungen zu konkretisieren versucht, und doch wird die Entscheidung des DOSB-Präsidiums für die eine und gegen die andere Stadt eine emotionale sein, möglicherweise von der taktischen Überlegung geleitet, mit wem man vor dem IOC die größeren Chancen haben wird. Der vom Präsidium erarbeitete Vorschlag jedenfalls, der am 16. März offiziell vorgestellt wird, ist bindend und wird der DOSB-Mitgliederversammlung in der Paulskirche nur noch zur Bestätigung vorgelegt. 52 beziehungsweise 56 Jahre nach den letzten Spielen in Deutschland wäre die begeisterte Sportnation wieder einmal an der Reihe. Mit Verlaub: Es gibt nicht sehr viele Länder auf der Welt, die Olympische Spiele besser ausrichten können. Deutschland gilt als Organisationsweltmeister. Wie groß die Chancen sind, dass Deutschland im Sommer 2017 auf der IOC-Session in Lima zum Gastgeber von 2024 gewählt wird, ist offen. Das hängt am wenigsten davon ab, mit welcher Stadt Deutschland antreten wird, sondern vielmehr davon, wer die Konkurrenten sein werden. Im Rennen sind Italien mit Rom, Frankreich mit Paris, Katar mit Doha und die wohl übermächtigen USA mit Boston. Nicht wenige glauben allein schon deshalb, dass 2024 ein Testfall sein und erst 2028 der Ernstfall eintreten wird. Doch wer weiß schon, nach welchen Kriterien die „Herren der Ringe“ entscheiden? Was sagt (und denkt) der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach über eine deutsche Bewerbung? Und wie wird sich das deutsche Interesse, im gleichen Sommer die Fußball-Europameisterschaft auszurichten, auf die Olympiakandidatur wirklich auswirken? Fragen über Fragen. Die erste aber heißt: Hamburg oder Berlin? Chronik Deutschland und die Olympischen Spiele Die drei deutschen Olympiaaustragungen standen unter keinem guten Stern: Die Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und die Sommerspiele 1936 in Berlin gingen als Hitlers Propagandaspiele in die Geschichte ein, die Sommerspiele 1972 in München durch das Attentat palästinensischer Terroristen gegen israelische Sportler.Nach Deutschland vergebene Spiele fielen wegen der beiden Weltkriege aus: die 1912 an Berlin vergebenen Spiele von 1916 und die 1939 an Garmisch-Partenkirchen vergebenen Spiele von 1940 (zuvor von Sapporo und St. Moritz zurückgegeben).1920, 1924 und 1948 war Deutschland infolge der Weltkriege nicht zu Olympischen Spielen eingeladen worden. 1980 hatte die Bundesrepublik die Spiele in Moskau boykottiert, 1984 die DDR die Spiele in Los Angeles.Fünfmal fielen deutsche Olympiabewerbungen beim IOC durch: 1954 die Bewerbung von Garmisch für Winterspiele 1960, 1986 die Bewerbung von Berchtesgaden für Winterspiele 1992, 1993 die Bewerbung Berlins für Sommerspiele 2000, 2005 die Bewerbung Leipzigs für Sommerspiele 2012 und 2011 die Bewerbung Münchens für Winterspiele 2018.2013 wurde das Interesse Münchens für 2022 von Bürgern in Bayern gestoppt. (ku)

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