Leinsweiler
Ausstellung „Surviving by hanging … together“ von Volker März im Slevogthof
Sie sehen gechillt aus, dabei hängen all die aus Ton geformten Survivors in einem prekären Gleichgewicht, verrät der in Berlin lebende Künstler. Verschiebt man ein Figürchen nur um einen halben Millimeter, gerät das Gefüge der Figuren auseinander, denn es hängen immer mindestens zwei von ihnen zusammen, wie in einem Mobile. Die Grundidee dazu kam Volker März für die Aufführung einer modernen Oper mit japanischer Musik in der leeren Berliner Kirche St. Elisabeth. Den leeren Kirchenraum hat März mit über 400 solcher Mobiles ausgestattet. „Die Menschen waren so glücklich unter den Mobiles“, erinnert sich der 1957 in Mannheim geborene Künstler.
Volker März bevölkert im Slevogthof aber nicht nur die Dachbalken mit hängenden Überlebenden, an den Wänden und im Raum stehen Tische, auf denen sich ebenfalls allerlei tönerne Gestalten tummeln. Aus seiner Ausstellung in Amsterdam mit dem schönen Titel „Kussmuss“ stammen die zauberhaften, sich küssenden Paare. Eine(r) von beiden steht, der oder die andere Küssende schwebt. Nimmt man eine Figur weg, hat die andere keine Balance mehr und fällt.
Überhaupt betreibt der Künstler gern hintersinnige Wortspiele. Die Figuren mit den kleinen Wasserbecken tragen den Titel „Ichsee – Wirsee“. Und die gern geäußerte und gut gemeinte Aufforderung „Kopf hoch“ hat März wörtlich umgesetzt: die Figuren halten ihre Köpfe in die Höhe, getrennt vom Körper. Was all die unterschiedlichen, farbenfroh bemalten Tonfigürchen eint, sind ihre roten Ohren. „Die Ohren sind das wichtigste Sinnesorgan“, sagt der Künstler. Wenn man nichts und niemanden mehr hört, sei das schlimmer, als nichts zu sehen.
Auf das Wachstum, von dem so viel geredet und geschrieben wird, seit es ausbleibt, reagiert Volker März auf seine ganz eigene Weise. Da stehen, sitzen, liegen oder schweben Figuren mit goldenen Accessoires. Aber das Gold ist nur Schein oder wie März es ausdrückt, „nutzloses Metall“. Ironie steckt auch hinter den beiden Giraffenskulpturen, auf deren Sockel „Grundgesetz“ steht. Der Künstler spielt damit auf die Geschichte der „Bundesgiraffen“ an, die er auch gerne erzählt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Väter und Mütter des Grundgesetzes im zerbombten Bonn keinen anderen Raum, um besagtes Grundgesetz zu verfassen, als das Café König. Das Café war voller ausgestopfter Tiere. Die mussten raus, schließlich ging es um ernste Arbeit. Nur die ausgestopften Giraffen waren zu für den Transport und wurden stumme Zeugen der Diskussionen.
Volker März ist ein politisch und literarisch interessierter Künstler, weshalb man auch die aus Ton modellierten Köpfe von Ernst Bloch und Heinrich Böll im Raum schwebend entdecken kann. Unter den Gemälden an der Wand sticht das Porträt von Franz Kafka ins Auge. März hat sich intensiv mit dem Werk und den Ideen von Kafka auseinandergesetzt und das nicht nur in Bild und Ton umgesetzt. Der Künstler hat selbst zwei Bücher geschrieben, in denen Kafka nicht 1924 jung gestorben ist, sondern zusammen mit dem sprechenden Affen Herr Rotpeter nach Israel auswandert. In „Kafka in Israel“ und in „Kafka auf der Suche nach Pina Bausch“ fließen Fantasie, politische Kritik und Installation im öffentlichen Raum ineinander. 2009/2010 hatte März Ausstellungen in Israel und besuchte auch das Westjordanland und den Gazastreifen.
Die Pfalz ist für Volker März vertrautes Terrain, denn er wohnte eine Zeitlang in Albersweiler. Auch den Slevogthof kennt er bereits, von seiner Schau „Fremde Früchte“ 2023. Schon am Montag wird der vielfältige Mikrokosmos aus dem Slevogthof verschwunden sein.
Die Ausstellung
Volker März: „Surviving by hanging … together“, am Samstag und Sonntag, 25. und 26. April, von 12 bis 18 Uhr im Slevogthof bei Leinsweiler. Zur Vernissage am Freitag, 24. April, 18 Uhr, und am Sonntag nach der Matinée des französischen Duos Absinthe mit Isabelle Boyer und Salvatore Ursini in Slevogts Garten gibt Volker März einen Einblick in sein Werk und sein literarisches Schaffen. Der Eintritt ist frei. www.slevogthof.de.