Rheinpfalz Angeklickt statt abgehängt
Die Liebe – thematischer Drehpunkt zahlreicher Künstler. Andere Maler spielen mit Farben, wieder andere versprühen Optimismus: Wer sich im Internet durch die Digitale Sammlung des Städel Museum klickt, findet kein klassisches Bild-Archiv, sondern kann sich nach Stimmungen, Motiven oder Epochen von Exponat zu Exponat bewegen. Die RHEINPFALZ sprach mit Chantal Eschenfelder darüber, warum trotz des Internets Museen wichtig bleiben. Eschenfelder ist Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung im Städel Museum sowie Projektmitarbeiterin der Plattform.
Ich sitze in der Straßenbahn und wische auf meinem Tablet von Paul Klee zu einem Stillleben des 17. Jahrhunderts – mal so eben nebenbei. Ich behaupte: Kunst wird dadurch beliebig. Da haben wir einen anderen Ansatz. Die Kunstwerke haben Geschichten zu erzählen, die viel mit heutigen Themen zu tun haben – da gibt es Querverbindungen und -verweise über die Jahrhunderte hinweg. Das können wir digital hervorragend zeigen. Im Museum ist dies schwieriger wegen der Hängung nach Sammlungsbereichen. Es ist natürlich auch so, dass mit mehr Hintergrundwissen die Kunstwerke im Original anders betrachtet werden. Gleichzeitig ist es Ziel der Digitalen Sammlung, dass auch Menschen, die in Hamburg oder in Berlin leben, jetzt digital durch unsere gesamte Sammlung schlendern können. Wozu brauchen wir nach dann noch den Ort „Museum“? Das Museum als Ort ist unersetzlich, weil es der Ort des Originals ist und bleibt. Dort wird die Aura des Kunstwerks erlebbar, kann ich das Werk in seiner Materialität und Wirkung bestaunen, die Wucht der Größe und des Farbauftrags sowie den räumlichen Zusammenhang in der Sammlung persönlich erfahren. Ich glaube, dass das Interesse am Original zunimmt. Wir merken jedoch, dass es zunächst wichtig ist, dass die Menschen überhaupt erst einmal ein Interesse für Kunst entwickeln. Hier können wir mit Angeboten wie der Digitalen Sammlung gezielt ansetzen. Warum interessiert sich jemand für die digitale Sammlung, der ansonsten mit Kunst nichts anfangen kann? In unserer Arbeit, die wir hier vor Ort machen, haben wir die Erfahrung gesammelt: Es kann über Themen gelingen, die in der Kunst vorhanden sind und Erfahrungen ähneln, die die Besucher selbst gemacht haben. Viele Rückmeldungen von Nutzern der Digitalen Sammlung zeigen, dass besonders die Möglichkeiten der unterschiedlichen Verknüpfungen der Werke untereinander beeindrucken. Wir haben in der Digitalen Sammlung kunstwissenschaftliche Verknüpfungen angelegt, bieten aber auch Verschlagwortungen der Werke beispielsweise zur Stimmung der Bilder oder zu ihrer Wirkung an. Geht es Ihnen bei der Digitalen Sammlung vor allem um Vermittlung von Wissen oder Vermittlung von Begeisterung? Das haben wir zweigeteilt, es gibt beides. Was wir nicht wollen: zwei vollkommen getrennte Angebote einmal für Experten und einmal für Laien. Denn selbst als Kunstwissenschaftler ist man immer nur für ein bestimmtes Gebiet Experte. Das Angebot sollte aber auch nicht nur Spaß- und Spielwiese sein. Als Nutzer können Sie entweder die Informationen zu einzelnen Werken immer weiter vertiefen oder schlendern und sich inspirieren lassen, sich über Motive und Themen assoziativ weiterbewegen. Seit 2011 gibt es im Internet das Google Art Project, bei dem einzelne Museen aus der ganzen Welt Teile ihrer Sammlung zeigen. War das Ihr Vorbild für die Digitale Sammlung? Obwohl wir auch am Google Art Project teilnehmen, war es nicht unser Vorbild. Während dort Megapixelwerke () und echte Raumansichten gezeigt werden, sind wir an einem ganz anderen digitalen Erleben interessiert. Es geht uns darum, räumliche Grenzen und die Anordnung einer Sammlung bewusst außer Kraft zu setzen und vergleichendes Sehen auch über Epochen hinweg möglich zu machen. Wie lief der Aufbau der Digitalen Sammlung ab? Unsere Mitarbeiter waren mit einigen Herausforderungen konfrontiert, da wir unsere Museumsdatenbank hauptsächlich für unseren Ausleihverkehr genutzt haben und dabei nicht die thematische Tiefe an Informationen bieten konnten, die für das neue Angebot erforderlich war. Die Werke waren beispielsweise nicht verknüpft mit den zugehörigen Texten. So mussten wir pro Werk über 100 Datenfelder auffüllen. Wie lange hat die Arbeit denn insgesamt gedauert? Das Projekt hat 2012 begonnen. Am 15. März 2015, pünktlich zum 200. Jubiläum des Städel Museums konnten wir starten. Derzeit sind 800 Werke in der Sammlung digital vorhanden, bis Jahresende werden es bereits 1500 Werke sein. Parallel dazu entwickeln wir stetig neue Funktionen, wobei wir als ganz wesentlichen Aspekt auch Rückmeldungen und Ideen von Usern einfließen lassen. Und was sagen die Nutzer bislang? Die Resonanz ist äußerst positiv, gerade auch in der Blogger-Szene, die stark verfolgt, was es im Kulturbereich an digitalen Anwendungen gibt. Sie sagen, dass man mehr findet, als man gesucht hat. Uns selber hat sehr erstaunt, dass man an verschiedenen Stellen in der Welt die Anwendung aufgerufen hat. Unter anderem in den USA und Südamerika, obwohl die englische Version noch in Vorbereitung ist. Interview: Rebekka Sambale