Formel 1 RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Tote im Rennwagen: Der schwarze deutsche Sommer 1985

Stefan Bellof (links) und Manfred Winkelhock 1984 in Zolder. 1985 teilten sie dasselbe Schicksal: früher Tod nach Rennunfällen.
Stefan Bellof (links) und Manfred Winkelhock 1984 in Zolder. 1985 teilten sie dasselbe Schicksal: früher Tod nach Rennunfällen. Sie waren sich in vielem ähnlich.

Die Ferien in der Formel 1 sind vorbei, groß ist die Vorfreude auf Zandvoort . Der Motorsportsommer vor 40 Jahren war längst nicht fröhlich – es war einer der finstersten.

Sommer 1985. Innerhalb von zweieinhalb Wochen kamen der Waiblinger Manfred Winkelhock und der Gießener Stefan Bellof bei Rennunfällen ums Leben, beide in Sportwagenteams von Porsche. Damals war es noch gang und gäbe, dass Rennfahrer in beiden Top-Klassen unterwegs sein konnten.

Bellof, der nur 27 Jahre alte wurde, galt als größte Formel-1-Hoffnung, er ähnelte in vielem Michael Schumacher und hatte bereits einen Vorvertrag mit Ferrari. Prophezeit wurde, dass sich der Motorsport in Deutschland vom Schock der beiden Unglücksfälle so schnell nicht erholen würde. Doch bei Mercedes begannen schon trotzig Comebackpläne zu reifen, durchaus im Wissen darum, wie eng Chance und Tragik in dieser Disziplin beieinander liegen.

Ausgerechnet die Autobahnnation galt eher nur als bescheidener Nebendarsteller im Top-Motorsport, ehe Stefan Bellof 1984 mit seinem Triumph in der damals ruhmreichen Sportwagen-WM zum ersten deutschen Automobilweltmeister wurde. Der große Blonde, der längst auf dem Sprung zu höheren Formel-1-Weihen war, pflegte nicht nur gekonntes fahrerisches Draufgängertum, sondern auch ein fröhliches Temperament mit einem entwaffnenden und mitreißenden Lachen. Sein ehemaliger Teamkollege Martin Brundle gesteht, dass er dieses bis heute noch im Kopf habe.

Stefan Bellof 1985 im Tyrrell Renault auf dem Nürburgring.
Stefan Bellof 1985 im Tyrrell Renault auf dem Nürburgring.

Doch da ist noch weit mehr geblieben: Stefan Bellof war der Maßstab für ungeheuren Mut. Ihm reichten zur Begründung und zur Beruhigung bei seinem Tun ein einziger Satz: „Wenn ich ängstlich wäre, könnte ich nicht Gas geben.“ Da vertraute einer ganz einfach in seine besonderen Fähigkeiten, weshalb sie ihn schon den „deutschen Lauda“ nannten.

Auch im Grand-Prix-Sport hat Bellof in seiner Debütsaison 1984 mit Tyrrell gleich ein Ausrufezeichen setzen können – beim Regenrennen in Monte Carlo, da fuhr er auf dem Niveau von Alain Prost und Ayrton Senna und wurde im abgebrochenen Regenrennen vom letzten Startplatz aus Dritter. Auch in seinem allerersten Formel-1-Rennen in Brasilien hatte von Startplatz 23 aus in den ersten drei Runden gleich sieben Fahrer überholt, darunter auch Senna, ehe an seinem Auto der Gaszug riss. Sein Talent wurde so auf Anhieb bestätigt, nur wurde er – anders als später Michael Schumacher – nach seinem Debüt nicht gleich in einen konkurrenzfähigen Rennstall weiterbefördert.

Elan, Mut Können

In Zuffenhausen mochten sie den Hessen sehr, seinen Elan, seinen Mut, sein Können. So wurde Porsche zu Bellofs eigentlicher Heimat im Motorsport, im Werksteam hielten sie das Talent für „ein Wildpferd“. Stefan Bellof war fixiert darauf, sich alle seine Träume zu erfüllen. Mit den Sportwagen, in der Formel 1. Mit einem Tempo, als hätte er gespürt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben wird. Getrieben von einer Rasanz wie alle Ausnahmefahrer. Als es am 1. September nach Spa-Francorchamps geht, sieht der Hesse schon seine Zukunft als Ferrari-Werksfahrer in der Formel 1 am Horizont, einmal noch will er es seinem großen Rivalen Jacky Ickx zeigen. Das Duell Jung gegen Alt und zweier Alphatiere hinter dem Lenkrad eskaliert.

Ausgerechnet in Eau Rouge, der wohl tückischsten Kurve aller europäischen Rennstrecken, reitet Bellof einen Verzweiflungsattacke. Es innen links an einer solch gefährlichen Stelle zu probieren, das hatte sich noch keiner getraut. Die Überraschung gelingt, aber dann geht ihm der Platz aus und Ickx gibt nicht nach, er hatte den Gegner dort gar nicht erwartet. Mit einer fatalen Folge: die beiden Porsche kollidieren, Bellofs Prototyp schlägt danach frontal in den Sockel der Tribünen ein und geht in Flammen auf. So bleibt die Karriere unvollendet.

Frau wacht am Krankenbett

Manfred Winkelhock war 33, als er im kanadischen Mosport, einer enorm gefährlichen Strecke in Kanada, ums Leben kam. Ein nie genau zu definierender technischer Defekt am Rennwagen des Kremer-Teams gilt als Auslöser dafür, dass Winkelhock mit dem Tempo 230 in die Betonbanden kracht. Es dauert über eine halbe Stunde, ehe ihn die Helfer aus dem Wrack befreien können, da ist er schon nicht mehr bei Bewusstsein. Eine weitere Stunde vergeht mit dem Transport ins Krankenhaus in Toronto. Die Notoperation kommt zu spät, nur einen Tag länger können ihn die Ärzte am Leben erhalten, am Krankenbett wacht seine Frau Martina.

Manfred Winkelhocks Frau Martina vor zehn Jahren.
Manfred Winkelhocks Frau Martina vor zehn Jahren.

Manfred Winkelhock ähnelte Bellof in vielem, vom Gemüt bis zum Risikobewusstsein, er hatte bereits in der Formel 1 Fuß gefasst. Gleich in seinem zweiten Grand Prix 1982 wurde er in Rio de Janeiro Fünfter im deutschen ATS-Team. Das sollten aber seine einzigen WM-Punkte bleiben, denn er kam nie in einen adäquaten Rennwagen, blieb aber immer ein großer Kämpfer. Einen „überzeugten Vollgas-Extremisten“ nennt ihn der Motorsporthistoriker Rainer Braun.

Sein Sohn Markus, dessen Rennfahrerkarriere die Mutter mit großer Sorge begleitet, bringt 2007 den Namen Winkelhock in die Schlagzeilen der Formel 1, als er bei seinem Debüt im eher chancenlosen Spyker-Rennwagen auf dem Nürburgring dank der richtigen Reifenwahl vom letzten Platz aus plötzlich kurzzeitig in Führung ging. Seine großen Erfolge aber feierte auch er im Sport- und Tourenwagen. Immer dabei war der Ehering seines Vaters, als Erinnerung, als Talisman – und als Mahnung. „Überleben“, wusste schon Stefan Bellofs Gegenspieler Jacky Ickx, „ist immer auch eine Frage des Glücks.“

x