Formel 1
Zoff eskaliert nun auch neben der Rennstrecke
Vielleicht ist in dem Duell, auf das alle starren, eine Vorentscheidung im Titelkampf gefallen. Das Duell zwischen Max Verstappen und Lando Norris gipfelt fast in einem Crash, vor allem aber in einer großen Kontroverse. Wegen einer Fünf-Sekunden-Strafe muss der britische WM-Jäger seinen dritten Platz an den Titelverteidiger abtreten. Max Verstappen kann damit zusammen mit dem Sieg im samstäglichen Sprintrennen seinen Vorsprung bei noch fünf ausstehenden Rennen um fünf weitere auf 57 Punkte ausbauen. Vor allem ist das Comeback des Niederländers ein moralischer Erfolg. Das Selbstvertrauen und die Kompromisslosigkeit wird im vergifteten Klima zwischen Red Bull Racing und McLaren noch eine wichtige Rolle spielen.
Vier Runden vor Ende des 19. WM-Laufs waren die Vorkommnisse auf der Strecke eskaliert. Norris hatte sich nach seinem missglückten Start und dem Sturz von der Pole-Position auf Rang vier wieder an Max Verstappen herangetastet. In der Haarnadelkurve ganz zu Beginn waren die beiden gemeinsam über die Streckenbegrenzungen geraten. Der Angreifer war also gewarnt, zumal er als bester Freund Verstappens genau weiß, wie hart dieser in Zweikampf-Situationen zur Sache geht. Beflügelt auch davon, dass nach vierwöchiger Rennpause die Ingenieure sein Auto deutlich verbessert hatten.
Norris und ein Problem
Im Hauptrennen aber entsprachen Bremsen und Reifen nicht mehr dem Aufwärtstrend, weshalb der geborene Angreifer zum Verteidiger umschulen musste. Norris hatte den Vorteil der besseren Reifen, aber sah sich insofern gehandicapt, dass er auf keinen Fall das Risiko eines Crashs und eines damit verbundenen Ausfalls eingehen durfte. Im Sommer in Österreich waren die beiden kurz vor Schluss kollidiert, der McLaren war ausgeschieden, der Red Bull schleppte sich noch ins Ziel.
In der 52. Runde aber war Norris so nahe herangekommen, dass er es vor Kurve zwölf wagen musste. Aus dem Mut der Verzweiflung entwickelte sich das umstrittene Manöver. Gleichauf schossen die Rennwagen in den Knick, gerieten über die Strecke hinaus, da Verstappen auf der Innenseite nicht nachgeben wollte. Schließlich zog Norris weit außen vorbei und fädelte sich als Erster wieder ein. Sofort petzte Verstappen über Funk, und die Rennkommissare erhörten ihn. Da der McLaren am Scheitelpunkt nicht auf gleicher Höhe mit dem Red Bull gewesen war, hatte er das „Recht auf die Kurve“ verloren, wie es im Reglement heißt. Norris wurde deshalb für das Verlassen der Fahrbahn und wegen des Erlangens eines unrechtmäßigen Vorteils mit einer Fünf-Sekunden-Strafe belegt. Das waren noch mildernde Umstände, üblich sind zehn Sekunden. Aber auch Verstappen war ja weit draußen. Im korrigierten Endresultat fehlten Norris damit 0,9 Sekunden, um den dritten Platz zu behalten.
Verstappen weicht Schuldfrage aus
Für Verstappen war damit der Gerechtigkeit Genüge getan: „Überholen außerhalb der Strecke geht einfach nicht.“ Gegenspieler Norris gesteht später ein, dass er den Platz besser gleich nach dem Ausritt an Verstappen hätte zurückgeben sollen, um dann nochmal einen neuen Überholversuch zu starten. Der Schuldfrage wich er aus: „Für mich ist das schwierig zu kommentieren. Ich habe gut angegriffen, Max hat sich gut gewehrt. Der dritte Platz wäre verdient gewesen.“ Auch Verstappen geht nicht auf das Vergehen seines Kumpels ein: „Ich habe nur versucht mein eigenes Rennen zu fahren.“
McLarens Teamchef Andrea Stella behielt nur mühsam die Contenance: „Ich finde die Entscheidung unangemessen. Die Stewards hätten diesen aufregenden Zweikampf laufen lassen sollen. Sie haben uns den Erfolg aus den Händen gerissen.“ Süffisant wies der Italiener auf ein bestimmtes Muster bei Verstappen in solchen Situationen hin, was den Weltmeister auf die Palme brachte: „McLaren beschwert sich in letzter Zeit in bisschen oft über alles Mögliche.“
Häufiger Ärger zwischen Red Bull und McLaren
Zwischen den rivalisierenden Rennställen hatte es zuletzt abwechselnd Ärger über vermeintliche technische Tricksereien gegeben. Red Bull-Statthalter Christian Horner bezichtigte McLaren-Boss Zak Brown der Brandstiftung, um damit von Feuern unter dem eigenen Dach abzulenken. Die Eskalationen im WM-Duell beschränken sich längst nicht mehr nur auf die Rennstrecke.