American Football RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Deutscher urplötzlich im Super Bowl 60 steht – aber wohl nur zuschauen wird

Lorenz Metz muss nun auch Autogramme schreiben.
Lorenz Metz muss nun auch Autogramme schreiben.

Erst ohne Vertrag, nun Teil des Super-Bowl-Teams: Der Deutsche Lorenz Metz erlebt mit den New England Patriots eine NFL-Geschichte, die selbst Profis staunen lässt.

Allein die Ausmaße sind schier beeindruckend. 152 Kilogramm bringt Lorenz Metz auf die Waage, verteilt auf 2,06 Meter Körpergröße. Trotzdem freut sich der Hüne an diesem Abend wie ein kleines Kind. Der 28-Jährige steht etwas abseits im Convention Center von San José, seine Augen leuchten. Er kommt aus dem Grinsen kaum mehr heraus. Dass er nun hier stehen, in dieser kargen Messehalle, und ein solches Glück empfinden würde, damit war wahrlich nicht zu rechnen. Vor einiger Zeit war der American-Football-Profi noch arbeitslos – und eine Woche später steht er im Super Bowl. In der 60. Auflage des Finals der National Football League (NFL) tritt er mit den New England Patriots in der Nacht zu Montag deutscher Zeit gegen die Seattle Seahawks an. „Das ist wirklich unglaublich“, sagt er im RHEINPFALZ-Gespräch, „manchmal muss ich mich echt kneifen.“

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Im bayerischen Neuötting aufgewachsen fing Metz erst 2017 an, aktiv Football zu spielen. 2018 ging er ans College in Cincinnati, sein Ziel war die NFL. 2023 wurde er bei der Talentbörse der Nachwuchsspieler aber von keinem der 32 Teams ausgewählt. Die Chicago Bears nahmen ihn kurz darauf dennoch unter Vertrag, um ihn wenig später wieder zu entlassen. In den vergangenen beiden Jahren spielte Metz bei den Tampa Bay Buccaneers. Nach deren letztem Saisonspiel beendete das Team allerdings die Zusammenarbeit – auch für Metz selbst kam diese Entscheidung überraschend. Sein Weg steht exemplarisch dafür, wie schwierig es ist, in der NFL Fuß zu fassen. Stimmt die Leistung nicht, muss man gehen.

Ein Brot als Gesche

Am 16. Januar jedoch klingelte das Telefon bei Metz, sein Berater hatte kurzerhand einen neuen Verein für ihn gefunden, und zwar keinen Geringeren als den Rekordsieger mit sechs Super-Bowl-Triumphen. „Dass es die Patriots sind, ist natürlich eine Ehre“, sagt der 28-Jährige. Kurz darauf zog die Franchise aus Boston erneut in das Finale ein.

Nun schreibt Metz während der sogenannten Opening Night, bei der sich die beiden Endspiel-Teams in der Woche vor dem Super Bowl der Öffentlichkeit präsentieren, Autogramme. Deutsche Fernsehsender bringen ihm als Geschenk ein Brot mit, weil es das in den USA in dieser Form kaum zu kaufen gäbe. Dabei vermisst Metz eher die deftigen Leckereien aus der Heimat. „Leberkäse“, sagt er, in seine Stimme mischt sich sowohl bayerischer Dialekt als auch ein US-Akzent. Er ist es nicht mehr gewohnt, Deutsch zu sprechen.

Die Familie der Frau ist im Stadion

Die Tage bis zum Super Bowl vergehen wie im Rausch. Im teameigenen Flugzeug angereist, wurde die Mannschaft am Vortag eingekleidet. Metz gefällt das offizielle Outfit prächtig, er klopft mit der Hand auf das Patriots-Logo. In wenigen Tagen habe er die Mentalität des früheren Seriensiegers kennengelernt, erzählt er, nämlich enormes Selbstbewusstsein und den unbedingten Willen zum Sieg.

„Quarterback Drake Maye hat das Team in seiner zweiten Saison in den Super Bowl geführt, das ist krass“, sagt Metz. Als Offensive Tackle ist es seine Aufgabe, den Quarterback zu beschützen. Dass er das im Super Bowl tatsächlich tun wird, ist allerdings relativ unwahrscheinlich. Die Patriots haben Metz mit einem Vertrag für den Trainingskader ausgestattet. Dennoch: Der Deutsche ist Teil des Teams. Für seine Frau und deren Eltern hat er noch Finaltickets bekommen, seine eigene Familie fiebert in Bayern mit.

Quarterback Drake Maye und Coach Mike Vrabel haben die New England Patriots zurück in die Erfogsspur geführt.
Quarterback Drake Maye und Coach Mike Vrabel haben die New England Patriots zurück in die Erfogsspur geführt.

Dass die Patriots einen ausgemusterten Profi vom Mittelmaßteam aus Tampa verpflichten, sagt viel darüber aus, wo der einstige Dominator der Liga derzeit steht. In diesem Jahrhundert hat kein Team mehr Spiele gewonnen als die Patriots – egal ob in der Hauptrunde oder in den K.o.-Partien –, und keine Mannschaft hat mehr Titel gewonnen als New England. In den vergangenen Jahren aber durchlebte die Franchise eine Krise, konnte die Abgänge von Quarterback-Superstar Tom Brady und Trainer Bill Belichick nicht wirklich kompensieren. In den vergangenen beiden Jahren standen jeweils vier Siege und 13 Niederlagen zu Buche. „Das Team steckt im Umbruch“, sagt auch Metz, „aber der Neuaufbau ging schneller als erwartet.“

Prognosen pro Seahawks

Eine Niederlage in der ersten Play-off-Runde gegen die Tennessee Titans läutete 2019 das Ende der sogenannten Dynastie der Patriots ein. Der damalige Chefcoach des Gegners steht heute an der eigenen Seitenlinie: Mike Vrabel. Der 50-Jährige trug früher selbst sieben Jahre lang das Trikot der Patriots und gewann dreimal den Super Bowl. In seiner ersten Saison als Trainer steht er direkt wieder im Finale.

Dennoch sind die Patriots am Sonntag gegen die Seahawks zumindest auf dem Papier der Außenseiter. Oder? Bei der Opening Night wird Vrabel gefragt, ob das große Spiel am Sonntag ein „Muss-Sieg“ ist. Er verzieht keine Miene und sagt: „Jedes Spiel, das wir bestreiten, ist ein Spiel, das wir unbedingt gewinnen müssen. Das ist die Einstellung, die ich in der National Football League schon immer hatte.“

Mike Vrabel: Müssen jedes Spiel gewinnen.
Mike Vrabel: Müssen jedes Spiel gewinnen.

Als Lorenz Metz das erste Mal die Umkleidekabine der Patriots betrat, empfing ihn der Trainer mit offenen Armen – und bemerkte sofort, dass der Name des Deutschen über dessen Platz falsch geschrieben war. „Er kennt seine Spieler“, sagt der 28-Jährige, „er weiß viel über sie. Er ist ein toller Coach.“ Sein Engagement bei den Patriots ist auch deshalb etwas Besonderes, weil seine Begeisterung für American Football aus der erfolgreichen Zeit des Teams rührt.

„2015 habe ich angefangen, Football zu schauen, so viel wie möglich“, sagt Metz – er sah Spieler wie Tom Brady und seinen Beschützer Sebastian Vollmer. Der Deutsche, mit zwei Siegen im Super Bowl dekoriert, spielte dieselbe Position wie er selbst. Die Hoffnung auf seinen Einsatz im Endspiel hat Metz noch nicht aufgegeben. Die Entscheidung, ob er womöglich doch in den Spieltagskader rückt, fällt im Laufe der Woche. „Die Option gibt es natürlich“, sagt Metz, zumal die Stammspieler seiner Einheit immer mal wieder schwächeln in dieser Runde. Der 28-Jährige muss im Training überzeugen, denn er spielt auch um seine Zukunft: Der Vertrag des Hünen bei den Patriots läuft zunächst nur einmal bis Sonntag.

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