American Football
Wie die Seattle Seahawks Super Bowl 60 gewonnen haben: Gemeinsam gewachsen
Der Junge sollte Recht behalten. „Dad, ich habe ein bisschen Angst vor dem Spiel“, sagt er, als er mit seinem Vater vom Fanfest Richtung Levi’s Stadium von Santa Clara läuft. Beide tragen Sonnenbrille und Trikots der New England Patriots an diesem Sonntag in Nordkalifornien, eine Autostunde entfernt von San Francisco. Wovor sich der Sohn fürchtet, sagt er nicht genau. Davor vielleicht, dass der Quarterback ihrer Mannschaft, Drake Maye, mit 23 Jahren der zweitjüngste, der je im Finale der National Football League (NFL) steht, der großen Aufgabe doch nicht gewachsen sein könnte? Oder davor, dass ihn die Verteidigung der Seattle Seahawks, gegen die sich die Patriots mit dann sieben Triumphen zum alleinigen Rekordhalter der Liga aufschwingen wollen, so sehr unter Druck setzen könnte, dass der Spielgestalter den Überblick verliert? Oder einfach davor, dass der Gegner aus Seattle in diesem 60. Super Bowl übermächtig sein würde – und zwar in allen Belangen?
Ein paar Stunden später jubeln jene Spieler der Seahawks, die in jener Situation auf dem Feld sind, wenn die eigene Angriffsserie nicht erfolgreich war und der sogenannte Punter den Ball so weit wie möglich weg schießt. Ihnen ist es gelungen, die Patriots an deren eigener Vier-Yard-Linie festzusetzen – und dem Jungen vom Fanfest dürfte spätestens da bewusst sein, dass alle seine Sorgen ihre Berechtigung hatten. Knapp elf Minuten sind noch zu spielen in diesem Super Bowl, die Seahawks führen zu diesem Zeitpunkt 19:7. Kurz darauf liegen sich Spieler und Trainer in den Armen, die Helme fliegen in die Luft, der Konfettiregen in Blau und Grün fällt auf den Rasen.
„Ihr seid Legenden“
„Es ist eine magische Saison gewesen, vom ersten Spiel bis heute Abend“, sagt Jody Allen, Geschäftsfrau, Philantropin und Chefin der Seahawks. Sie ruft ihren Spielern zu: „Ihr seid Legenden.“ Vor allem aber sind die Seahawks in dieser Spielzeit das, was in einem Mannschaftssport zu erwarten wäre, was aber nicht immer vorzufinden ist: ein Team. Dass dieses Konstrukt zu wachsen begann, als die Verantwortlichen allen Mut zusammennahmen und entschieden, ihren Superstar fortzuschicken, gehört zu dieser Geschichte.
Russell Wilson, der Seattle 2014 als Quarterback zum ersten Sieg im Super Bowl führte, ist nun ebenfalls im Stadion und beobachtet, wie vier Jahre nach seinem nicht ganz freiwilligen Abschied ein Team triumphiert, das so nur existiert, weil er den Klub verlassen musste. Der nun 37-Jährige winkt ins Publikum, ganz ohne Groll. Als Gegenleistung für seinen Wechsel zu den Denver Broncos erhielt Seattle Zugriffsrechte für die Auswahlbörse der Nachwuchsspieler, mit denen Manager John Schneider einige Glücksgriffe landete – ein Musterbeispiel in Sachen Kadermanagement.
Haarsträubende Fehler
Allen voran investierte Seattle in die Defensive, und die tritt auch im Finale gegen New England derart dominant auf, dass die Offensive der Patriots nicht zur Geltung kommt. Die beiden Touchdowns zum 13:29-Endstand sind reine Ergebniskosmetik. Sechs Mal bringen die Verteidiger Quarterback Drake Maye zu Boden, und zwingen ihn zu haarsträubenden Fehlern. (Den Liveblog aus der Super-Bowl-Woche lesen Sie hier)
„Diese Defensive wird sicherlich mit allen Spielern in die Geschichte eingehen“, sagt Seahawks-Trainer Mike Macdonald, der vor zwei Jahren Trainerlegende Pete Carroll (74) beerbte. Noch so ein mutiger Schachzug des Seahawks-Managements. Macdonald gilt als ausgewiesener Fachmann, wenn es um die Verteidigungsarbeit einer Mannschaft geht.
Keine Patriots-Punkte in Hälfte eins
Dieser Ansatz ist nicht immer spektakulär – und das ist auch in diesem Super Bowl zu spüren. Zwar halten die Seahawks den Gegner in der ersten Halbzeit bei null Punkten, doch selbst kommen sie auch nur zur drei Field Goals. Auf Kicker Jason Myers aber ist Verlass, an diesem Sonntag trifft er alle fünf Versuche und stellt einen neuen Super-Bowl-Rekord auf. Wie gesagt: Bei den Seahawks funktionieren alle Mannschaftsteile. Ein Rädchen greift ins andere.
Dennoch ist das Spiel lange nur wenig ansehnlich, es plätschert vor sich hin und scheint sich in seine Rolle zu fügen, von der politischen Großwetterlage in den USA beiseite geschoben zu werden. Doch die Punkband Green Day scheut den ganz großen politischen Protest gegen Präsident Donald Trump, die Stadionregie stellt die Mikrofone nur einmal bei einem „F-Wort“ stumm. Auch der Puerto-Ricaner Bad Bunny, bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio, der in der Vergangenheit die US-Einreisebehörde ICE kritisierte, umgeht bei seiner mitreißenden Halbzeitshow die direkte Konfrontation. Dennoch schafft er es, seine Kultur innerhalb von 13 Minuten perfekt in Szene zu setzen.
Nach der Pause kommt auch die Offensive der Seahawks besser ins Laufen, allen voran Kenneth Walker III, ebenfalls eine Verpflichtung aus der Talentbörse. Der Runningback schafft 135 Yards Raumgewinn und wird als „Wertvollster Spieler“ des Finals ausgezeichnet. „Wir haben den Lärm einfach ignoriert“, sagt er, „wir haben zusammengehalten und dafür den Super Bowl gewonnen.“
Etwa dann, wenn mal wieder Kritik an Quarterback Sam Darnold laut wurde. Wenn Experten ihn für unfähig erklärten, obwohl er nun in zwei aufeinanderfolgenden Spielzeiten mit unterschiedlichen Teams jeweils 14 Siege einfuhr. Auf der wohl anspruchsvollsten Position im professionellen Mannschaftssport blieb er gelassen – auch wenn er im Super Bowl nun nicht die ganz großen Akzente setzen kann. Das beste Spiel seiner Karriere zeigte er im Halbfinale. An diesem Nachmittag von Santa Clara laufen andere zur Hochform auf. Im wichtigsten Spiel der Karriere fängt AJ Barner zum ersten Mal in einer K.o.-Partie einen Touchdown. Ebenfalls Premiere feiert Verteidiger Julian Love: Er fängt zum ersten Mal in einem entscheidenden Spiel einen Pass des gegnerischen Quarterbacks ab. „Eines der großartigen Merkmale unseres Teams ist, dass wir gemeinsam wachsen“, sagt Seahawks-Coach Macdonald. Auch wenn das bedeutet, dass ein kleiner Junge Angst haben muss.