Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Karl-Heinz Rummenigge kein Unvollendeter geblieben ist

Titelhamster als Spieler: Karl-Heinz Rummenigge 1981 mit der Meisterschale.
Titelhamster als Spieler: Karl-Heinz Rummenigge 1981 mit der Meisterschale.

Weltklasse-Stürmer, mächtiger Funktionär und Klubchef: Karl-Heinz Rummenigge wird am Donnerstag 70 Jahre alt. Ein Titel blieb ihm versagt. Oder doch nicht ganz?

Rummenigge hätte die Chance – jawoll! Ausgleich! Ausgleich durch Rummenigge. (Atempause). Aber ob das hinlangt? Das glaub’ ich nicht, das glaub’ ich nicht“ …
Livekommentar von Dieter Kürten im ZDF, aus dem Gedächtnisprotokoll nacherzählt.

Es gibt Menschen, für die der Fußballer Karl-Heinz Rummenigge ein Unvollendeter ist. Das scheint weder aus der Luft gegriffen noch despektierlich gemeint zu sein, betrachtet man den Zeitraum, als er auf seinem Leistungszenit war, als er einer der besten Stürmer und auch Spieler der Welt war. Und als es zum Beispiel eine monumentale Begegnung wie jene gab, die Dieter Kürten 1981 kommentierte.

Halbfinale des Europapokals der Landesmeister, der Vorgänger der Champions League; Rückspiel im Münchner Olympiastadion gegen den großen FC Liverpool. Hinspiel 0:0. Alles offen also, vielleicht sogar mit leichtem Vorteil für den FC Bayern. Ein zähes Ringen bis kurz vor Schluss der regelrecht um Verlängerung bettelnden normalen Spielzeit, als Ray Kennedy die „Reds“ uneinholbar (?) in Führung bringt – Stichwort Auswärtstorregel. Doch der Star der Bayern (neben dem kongenialen Paul Breitner) holt in der 88. Minute das Riesenstadion aus seiner Schockstarre. Ausgleich. Ausgleich durch Rummenigge.

Aber Kürten ahnt richtig: Es langt nicht. Eine große Chance auf einen sehr großen Titel vertan. So wie ein Jahr später, als Außenseiter Aston Villa die Bayern gar im Finale düpiert. Was noch viel mehr weh tat.

Den Henkelpott hatte er schon gewonnen

Was einige vergessen: Karl-Heinz Rummenigge war da schon längst Europapokalsieger der Landesmeister, 1975 und 1976. Als schüchternes, rotbäckiges Talent aus Lippstadt, das in München in seinem westfälischen „Landsmann“ Dettmar Cramer einen strengen Förderer gefunden hatte.

„Trainer, der Boden ist so hart.“ – „Der Boden ist nicht hart. Du bist weich.“
Dialog zwischen dem jungen Rummenigge, der wieder und wieder auf gefrorenem Boden Flugkopfbälle üben musste, und dem damaligen Bayern-Trainer Dettmar Cramer.

Und Karl-Heinz Rummenigge wurde hart. Dribbelstark, schnell, abschlussfreudig, mitunter eigennützig. Typisch Torjäger eben. Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger, dreimal Torschützenkönig der Bundesliga. Aber niemals Weltmeister. Das ist es wohl, was mit „unvollendet“ gemeint ist. Und wieder wird ein Titel leicht vergessen: Europameisterschaft 1980 in Italien, Finale gegen Belgien.

„Pass auf, jetzt machen wir ihn rein.“
Zuruf Rummenigges vor seinem Eckball an die Adresse von Horst Hrubesch. Der köpfte die Flanke zum späten 2:1-Siegtreffer ins Netz.

Der Titel, der fehlt

Aber damals hatte ein EM-Titel längst nicht den Stellenwert wie heute. Die WM-Krone war das Sehnsuchtsziel. 1982: Finale gegen Italien, 1:3, Rummenigge musste verletzt ausgewechselt werden. 1986: Finale gegen Argentinien, 2:3 nach Aufholjagd, Rummenigge beendete danach seine Länderspielkarriere, nach 95 Einsätzen. 1989 hörte er 33-jährig ganz mit dem Spielen auf. Letzte Station: Servette Genf. Zuvor war er bei Inter Mailand.

Im WM-Finale gegen Argentinien 1986: Rummenigge nimmt Maß.
Im WM-Finale gegen Argentinien 1986: Rummenigge nimmt Maß.

Startschuss für die zweite Karriere, die als mächtiger Macher und Strippenzieher hinter den Kulissen. „Die musste ich mir viel härter erarbeiten“, sagte er nun der Nachrichtenagentur dpa. Kurz vor seinem 70. Geburtstag am Donnerstag ist Rummenigge mit sich im Reinen: „Ich bin quasi wunschlos glücklich.“

Titelhamster als Klubchef: 2013 mit dem Henkelpott sowie Jupp Heynckes und Uli Hoeneß (re.).
Titelhamster als Klubchef: 2013 mit dem Henkelpott sowie Jupp Heynckes und Uli Hoeneß (re.).

Denn da ist ja noch „sein“ FC Bayern. 1991 wurde er erst Vizepräsident. Im Windschatten von Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß konnte er sich entwickeln, ein Netzwerk aufbauen. 2002 dann die Beförderung zum Vorstandsvorsitzenden. Der Umzug in die Allianz Arena, das Triple unter Jupp Heynckes und das Sechs-Titel-Jahr 2020 mit Hansi Flick krönten diese Karriere. 2021 war Schluss als Klubchef. Oder nicht? Viele finden, dass die Aufsichtsräte Rummenigge und Hoeneß heute den FC Bayern wieder aus dem Hintergrund steuern. Das Loslassen fällt schwer.

„Jaaaaaaaaa!“
Ach ja, von wegen unvollendet. Weltmeister wurde er ja irgendwie doch noch. Am ARD-Kommentatorenmikrofon 1990, als er und Gerd Rubenbauer synchron Andreas Brehmes 1:0 gegen Argentinien bejubelten.

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