Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum für Eulen-Trainer Michael Haaß ein Besuch des Betzenbergs nicht ansteht (mit Video)

Aufregende Tage: Eulen-Trainer Michael Haaß, neben ihm Teammanager Philipp Grimm.
Aufregende Tage: Eulen-Trainer Michael Haaß, neben ihm Teammanager Philipp Grimm.

Seit dem 3. Oktober ist Michael Haaß Trainer des Handball-Zweitligisten. Bei einem Besuch der RHEINPFALZ-Redaktion bilanzierte er seine ersten Wochen.

Herr Haaß, konnten Sie in den Ferien ein wenig entspannen?
Wir waren Ski fahren. Ich habe in der trainingsfreien Zeit die Hinrundenspiele analysiert. Was war gut, was war nicht gut, was kann man besser machen?

Ihr Start war turbulent: Sie verloren das erste Spiel mit ihrer Mannschaft mit zehn Toren Differenz, der beste Mann, Vincent Bülow, verletzte sich zudem. Sie verloren auch das zweite Spiel mit minus zehn Toren und dann kam die unglückliche Niederlage gegen Dresden. Haben Sie mal kurz gedacht: Wo bin ich denn gelandet?
Ich wusste, als ich den Vertrag bei den Eulen unterschrieben habe ganz genau, worauf ich mich einlasse. Ich wusste auch um das schwierige Startprogramm. Dass wir wahrscheinlich gegen die Spitzenmannschaft verlieren würden, war mir bewusst. Deswegen habe ich die Situation unabhängig vom Ergebnis zu bewerten versucht. Wir haben ein paar Sachen verändert, einiges umgestellt. Das braucht natürlich auch Zeit.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Diese Phase ist überwunden?
Kleinigkeiten bringen uns nicht mehr komplett aus dem Konzept. Das ist ein Fortschritt. Ich bewerte jedes Spiel für sich. Im Spiel in Hagen beispielsweise, da waren wir einfach überfordert. Hagen war zu dem Zeitpunkt zu stark für uns. Da ich nicht nur die Spiele sehe, sondern auch die Trainingsarbeit bewerte, bin ich zu keinem Zeitpunkt unruhig geworden.

Michael Haaß zu Gast in der Redaktion. Beim Gespräch dabei: Ressortleiter Wolfgang Pfeiffer, Sven Wenzel, Stefan Naumer, Steffen
Michael Haaß zu Gast in der Redaktion. Beim Gespräch dabei: Ressortleiter Wolfgang Pfeiffer, Sven Wenzel, Stefan Naumer, Steffen Gierescher und Udo Schöpfer (von rechts nach links).

Der Dezember mit sechs Punkten gibt Ruhe, Stabilität?
Genau. Das ist wichtig für uns. Die Jungs merken, es geht vorwärts. Wir entwickeln uns, wir können Spiele gewinnen. Wir haben Inhalte angepasst. Die Spieler merken: Es funktioniert.

Was fehlt noch, um solche Spiele wie in Hüttenberg zu gewinnen?
Um solche Spiele zu gewinnen, brauchen wir noch mehr Sicherheit in unseren Aktionen. Wir brauchen noch mehr Vertrauen in unser Leistungsvermögen, noch mehr Systemtreue, aber auch größere Kaltschnäuzigkeit, damit wir unseren Spielstil durchbringen.

Sie sind im Oktober eingestiegen, mitten in der Saison. Was war da die größte Herausforderung? Womit hatten Sie am Anfang am meisten zu kämpfen? War es die private Situation, war es die sportliche?


Ich war ja vor dem Engagement bei den Eulen relativ lange Zeit ohne Job. Es war neu für mich, mitten in der Saison bei einem Verein einzusteigen. Ich hatte keine Zeit, mich zu orientieren, keine Zeit, Leute kennenzulernen, keine Zeit, langsam zu starten. Es ging von 0 auf 100. Das war eine große Herausforderung. Ich kann sagen, dass ich von der Mannschaft, aber auch vom Verein, sehr positiv überrascht war. Ich bin mit offenen Armen aufgenommen worden. Die Bereitschaft war spürbar, lasst es uns zusammen anpacken.

Sie haben sich entschieden, in Esslingen wohnen zu bleiben. Warum?
Ich fahre morgens nach Ludwigshafen und abends wieder nach Hause. Das ist wie in einem normalen Job. Wenn Termine anstehen, habe ich immer die Möglichkeit, hier zu bleiben. Meine Frau kommt aus Esslingen. Ich bin ja, seit ich 20 Jahre alt war, in der Weltgeschichte rumgetourt, ich hatte einige Vereinswechsel. Und als dann die Kinder kamen, haben wir zusammen entschieden: Wir brauchen eine Basis.

Der Sportliche Leiter der Eulen, Christian Deller, hat gesagt, die Mannschaft werde wohl künftig um die Plätze zehn bis zwölf mitspielen. Wie kam das bei Ihnen an?
Platz zehn bis zwölf klingt immer so wie vom Ehrgeiz befreit. Da möchte ich aber widersprechen. Die erste Aufgabe ist es, in der Liga zu bleiben. Es ist ja bekannt, dass die wirtschaftliche Situation – wie bei fast allen Klubs – schwierig ist. Die Tendenz geht dahin, dass die Mannschaften jünger werden, dass junge Spieler kommen und früher Verantwortung übernehmen wollen. Wir werden keine Spieler verpflichten können, die uns garantieren, dass wir in der Spitzengruppe dabei sind. Und dennoch: Kürzlich haben wir gegen ein Spitzenteam wie Dresden mit nur einem Tor verloren, beim Bundesliga-Absteiger in Potsdam gepunktet.

Das heißt?
Wir wollen auf junge Spieler setzen und unser Gesicht verändern. Da muss man auch akzeptieren, dass man mal ein Heimspiel verliert. Im Spiel gegen Ferndorf hatten wir phasenweise einen Rückraum mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren auf dem Feld.

Michael Haaß war Spieler und Trainer in Erlangen.
Michael Haaß war Spieler und Trainer in Erlangen.

Scouting ist da natürlich ein Thema. Wie viele Spiele schauen Sie während der Woche?
Das ist auch vom Gegner abhängig. Vier, fünf, sechs. Dazu kommen noch Videos, wenn ich Spieler recherchiere. Manchmal schaue ich auch Spiele nur ausschnittsweise. Videoanalysen machen einen Großteil der täglichen Trainerarbeit neben der Arbeit mit der Mannschaft aus.

Haben Sie sich schon ein wenig in der Stadt umschauen können?
Ein wenig. Ich war schon im Ebert-Park. Ich fahre oft mit dem Fahrrad von Mannheim über die Brücke, da habe ich dieses Vogelgezwitscher gehört ... Ludwigshafen hat anscheinend nicht den besten Ruf. Ich bewerte vor allem, wie ich hier empfangen wurde, und das war äußerst herzlich.

Zum Vogelgezwitscher: Hier gibt es eine Papageiensiedlung.
Ach so. Die Pfalz ist bislang ein schwarzer Fleck für mich. Da gibt es Städtenamen, die habe ich noch nicht gehört. Als ich damals bei den Löwen spielte, habe ich in Walldorf gewohnt.

Bei den Eulen war im vergangenen Jahr viel Unruhe. Bekamen Sie das mit?
Klar, das kriege mit, auch was medial berichtet wird. Es ist wichtig, dass schnell Ruhe im Verein einkehrt. Die Mannschaft muss das ausblenden. Wir machen unseren Job. Aber natürlich werden auch die Jungs draußen angesprochen und gefragt: Was ist denn bei euch wieder los?

Was machen Sie außer Handballspiele angucken und Coaching?
Ich habe ja drei Kinder, die sind noch klein, vier, sechs und acht Jahre alt. Ihnen widme ich den Großteil meiner Freizeit.

Planen Sie mal einen Besuch auf dem Betzenberg?
Der ganze Fußball-Kelch ist an mir vorübergegangen, obwohl ich ein Kind des Ruhrgebiets bin und aus Essen komme. Fußball hat mich nie gepackt.

Mögen Sie noch einen anderen Sport?
Ja, ich habe im Urlaub mit Wassersport angefangen.

Wie werden Sie als Trainer besser? Was tun Sie da?
Das ist sehr spannend. Man denkt als Spieler, am Ende der Karriere, du hast alles gesehen. Du weißt alles über den Sport. Und dann wirst du Trainer. Und du guckst ja automatisch viel mehr Handball-Spiele. Und du lernst in zwei Jahren als Trainer so viel wie in zehn Jahren als Spieler. Da gehst du nur zum Training, machst dein Ding. Und denkst auch schon mal, ich weiß es eh besser als der Trainer. Da man als Trainer so intensiv analysiert, lernt man automatisch dazu. Ein Faktor ist auch der Austausch mit Kollegen.

Der junge Michael Haaß und der junge Patrick Groetzki (links).
Der junge Michael Haaß und der junge Patrick Groetzki (links).

Sie waren Nationalspieler. Ist ein guter Spieler später zwangsläufig auch ein guter Trainer?
Der Gedanke, dass man ein guter Spieler gewesen sein muss, um ein guter Trainer zu werden, ist Quatsch. Jemand, der mit 19 Jahren mit dem Handball aufhört, weil er verletzt ist, nicht mehr spielen kann, und Trainer wird, der hat zehn Jahre Vorsprung. Der hat in zehn Jahren viel mehr über Handball gelernt. Man baut als Trainer sehr schnell eine große Distanz zur Denkweise der Spieler auf.

Im Moment ist gerade Nationalmannschaftzeit. Kommen da bei Ihnen Erinnerungen hoch?
Absolut. Die Turniere sind eine unfassbar intensive Zeit. Alle zwei Tage wird gespielt, es geht um alles. Daran denke ich sehr gern zurück. Rückblickend ist es schade, dass es für uns als Nationalmannschaft nach 2007 nicht die allererfolgreichste Zeit war. Wir hatten schwierige Phasen. Ab und zu trifft man sich ja wieder. Ich wurde zum Abschiedsspiel von Patrick Groetzki im Sommer eingeladen. Wenn ich jetzt beim Training schon mal mitgespielt habe, hatte ich es hinterher ganz schön gemerkt ...

Zur Person

Michael Haaß (42) spielte 120 Mal für die deutsche Nationalmannschaft. 2007 war er dabei, als das Team Weltmeister wurde. Er spielte unter anderem für TuSEM Essen, Rhein-Neckar Löwen, Frisch Auf! Göppingen, SC Magdeburg und den HC Erlangen. In Erlangen war Haaß auch Trainer. Bis September 2024 trainierte er den TuS N-Lübbecke.

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