Formel 1
Warum es für Kimi Antonelli keinen Champagner gab
Die große PS-Party des Kimi Antonelli endet mit Adrenalin statt Promille im Blut. Nach seinem dritten Sieg in Serie, diesmal beim Großen Preis von Miami, verzichtete er jedoch nicht freiwillig auf Champagner: In Florida ist Alkohol für unter 21-Jährige verboten. Die Flasche Wasser, die ihm der Automobilverbandspräsident über den Kopf kippte, war für Antonelli (19) kein echter Trost. Cool ist der Mercedes-Pilot ja selbst, berauschend war seine Leistung auf der schwierigen Strecke. Antonelli hielt Titelverteidiger Lando Norris im wiedererstarkten McLaren konstant hinter sich, Dritter wurde Norris’Teamkollege Oscar Piastri.
Da lässt sich einer nicht beirren. Mit seinem neuerlichen Triumph schrieb der Mercedes-Pilot Formel-1-Geschichte. Als erster Fahrer überhaupt gewann er seine ersten drei Rennen jeweils von der Pole Position aus. „Ich habe es nach Hause gebracht, aber es war nicht einfach“, sagte Antonelli über seinen besonderen Hattrick. Und betonte: „Das ist erst der Anfang.“ Tatsächlich war seine abgeklärte Fahrweise, als ihm rundenlang Norris im Nacken saß, eine echte Reifeprüfung. Der Italiener hat sie bestanden, summa cum laude.
Unbändiger Angriffwillen
Wenn da nur nicht diese technisch bedingte Startschwäche beim Silberpfeil wäre. Wettgemacht hat Antonelli seine Platzverluste vom Anfang durch eine enorme Konzentration, eine Zauberrunde nach einem strategisch perfekt platzierten Boxenstopp und durch einen nicht nachlassenden Angriffswillen, der ihn mehrfach über die Streckenbegrenzung trieb, so sehr saß ihm Lando Norris im Nacken. Sein sportlicher Ziehvater Toto Wolff drückte angesichts der beeindruckenden Nervenstärke seines erst 19 Jahre alten Schützlings beide Augen zu: „Normalerweise finde ich immer etwas zu kritisieren, diesmal nicht. Kimi schiebt das Limit hinaus. Lieber fange ich so jemand dann wieder ein, wenn es notwendig ist.“
Antonelli führt die Gesamtwertung nun mit 100 Punkten an und hat 20 Zähler Vorsprung auf seinen Teamkollegen George Russell. Überhaupt nur einen Gedanken an den Titelgewinn zu verschwenden, hat ihm sein Renningenieur ausdrücklich verboten. Brav befolgt der rasende Mercedes-Zögling dies und spricht davon, dass er erst ganz am Anfang stehe. Lange wird er die Favoritenrolle nicht mehr leugnen können.
Ein Fahrt ins Ungewisse war dieser vierte WM-Lauf für die gesamte Königsklasse, nach fünf Wochen Pause und endlosen Diskussionen um Vor- und Nachteile des neuen Motorenreglements samt eiligen Anpassungen beim Energiemanagement zeigt sich die Formel 1 in besserer Verfassung als von den Kritikern gedacht. Die unterhaltsamen Duelle im Miami Autodrome mit fünf verschiedenen Spitzenreitern ergaben sich weniger durch Regeleingriffe und auch nicht durch die befürchteten Gewitterstürme, vielmehr haben viele Teams in ihren Fabriken das technische Entwicklungsrennen aufgenommen. „Diese Fähigkeit wird in diesem Jahr entscheidend sein“, glaubt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. Schon jetzt zeigt sich quer durch das Feld eine steile Lernkurve.
McLaren hat die Zwangspause genutzt
Das deutsch-britische Werksensemble bringt seine Upgrades erst beim nächsten Rennen in Montreal und büßte deshalb in Florida seine Überlegenheit ein ganzes Stück weit ein. Titelverteidiger McLaren hingegen hatte nach seinem desolaten Saisonstart seine Auto komplett überarbeitet. Champion Norris konnte sich durch einen Sieg im samstäglichen Sprintrennen vor seinem Teamkollegen Piastri bereits wieder einigermaßen mit den aktuellen Gegebenheiten versöhnen. Im Cockpit fühlten sich die Dinge jetzt wieder etwas natürlicher an, zumindest sei es ein Schritt in die richtige Richtung. Was dem Briten Mut macht, ist die Erinnerung an 2024, als McLaren schon einmal am Ende schien und dann in Miami eine technologische Trendwende schaffte, die zu zwei Konstrukteurstiteln und dem Triumph von Norris in der Fahrerwertung des Vorjahres führte. Dementsprechend soll der Rennwagen nun weiter optimiert werden.
Bestes Beispiel für eine Trendwende ist das Comeback von Max Verstappen, der artikuliert hatte, dass er langsam die Lust an der Formel 1 verliere. Davon war jedoch nichts mehr zu spüren, nachdem die Red-Bull-Techniker seinen Rennwagen nach Angaben von Teamchef Laurent Mekies um 360 Grad gedreht hatten. Plötzlich fand der Niederländer nicht nur wieder zu seinem gewohnten Fahrgefühl zurück, er gewann dadurch auch wieder Vertrauen in sein Tun: „Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.“ Die Fahrt in die erste Startreihe neben Antonelli hatte er nicht erwartet, der fünfte Platz war sein bislang bestes Saisonergebnis. Das führt, ähnlich wie bei Norris, zu einem wiederhergestellten Selbstbewusstsein.