Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Vielfalt und Toleranz: Wie sich Kanada bei der WM von Trumps USA absetzen will

Toronto (im Bild: der CN Tower) ist einer von zwei Austragungsorten in Kanada bei der WM 2026.
Toronto (im Bild: der CN Tower) ist einer von zwei Austragungsorten in Kanada bei der WM 2026.

Die Eishockey-Nation hofft auch auf einen Fußball-Boom und will zwischenmenschlich punkten.

Kanada gilt als das „Mutterland“ des Eishockeys, das hier nur „Hockey“ genannt wird. Angesichts dieser weltweit bekannten Liebe wird meist übersehen, dass in diesem Land eine andere Sportart die meisten aktiven Spielerinnen und Spieler hat: Fußball.

Der World Cup soll zu einem weiteren Aufschwung in Kanadas Fußball führen. Nationaltrainer Jesse Marsch, ein US-Amerikaner, ist überzeugt: „Wir haben eine Gruppe Spieler, die bereit ist, Kanada bei der Heimweltmeisterschaft zu repräsentieren“ und „das Land stolz zu machen“. Als Ausrichter war Kanada automatisch für die WM qualifiziert. Aus eigener Kraft war dem Team nur zweimal die Qualifikation gelungen – für die WM 1986 in Mexiko und für 2022 in Katar. In beiden Turnieren schied Kanada nach der Vorrunde aus – jeweils ohne einzigen Punkt. Das soll nun anders sein. Kanada tritt in der Gruppe B zunächst in Toronto gegen Bosnien-Herzegowina und dann in Vancouver gegen Katar sowie die Schweiz an.

Im Flüchtlingslager geboren

Im Juni 2018 hatte der Fifa-Kongress in Moskau dem „United Bid“ der USA, Mexikos und Kanadas den Zuschlag für die WM 2026 gegeben. Dass das „United Bid“ trotz des bereits damals in seiner ersten Amtszeit polternden und aggressiven, gegen Immigration hetzenden US-Präsidenten Donald Trump erfolgreich war, lag vielleicht auch an dem jungen Spieler, den Kanada zur Präsentation auf die Fifa-Bühne schickte: Alphonso Davies, damals 17 Jahre alt, ein Flüchtling aus Afrika und Spieler bei den Vancouver Whitecaps. „Als ich fünf Jahre alt war, hieß uns ein Land namens Kanada willkommen“, erzählte er. „Ich weiß, die Bevölkerung Nordamerikas wird euch willkommen heißen“, sagte er den Delegierten.

Seine Eltern hatten Liberia während des Bürgerkriegs verlassen, Davies wurde 2000 in einem Flüchtlingslager in Ghana geboren und kam 2005 als Fünfjähriger nach Kanada. Die Jungs in den Fußballteams hätten ihn aufgenommen, und jetzt sei er stolz darauf, Kanadier zu sein und fürs Nationalteam spielen zu können, sagte er damals. „Mein Traum ist, eines Tages beim Weltcup antreten zu können.“ Das hoffen nun auch Millionen Fußballfans in Kanada. Denn Alphonso Davies, der seit Januar 2019 bei Bayern München in der Bundesliga spielt, laboriert wieder einmal an einer Verletzung.

Mehr als 900.000 Kanadier spielen Fußball

Jesse Marsch hatte 2024 das Traineramt in Kanada übernommen. Unter Ralf Rangnick war er 2018 Assistenztrainer bei RB Leipzig. In seinem Team sind neben Davies weitere Spieler, die in europäischen Ligen wichtige Positionen einnehmen. Jonathan David, Kind haitianischer Eltern und in Ottawa aufgewachsen, spielt als Stürmer bei Juventus Turin. Alistair Johnston (Celtic Glasgow), Derek Cornelius (Glasgow Rangers), Ralph Priso (Vancouver Whitecaps) und Nathan Saliba (Anderlecht) sind weitere Spieler im Kader.

Dass so viele Spieler von Team Canada in Spitzenligen in Europa und in der Major League Soccer in Nordamerika spielen, zeigt die Entwicklung des kanadischen Fußballs. Bis vor wenigen Jahrzehnten fristete dieser Sport in Kanada ein Schattendasein. Im multikulturellen Land Kanada aber leben viele Millionen Menschen, die aus Ländern kommen, in denen Fußball der Nationalsport ist. Diese Begeisterung für Fußball haben sie nach Kanada mitgebracht. Fußball ist seit etwa 20 Jahren die Sportart mit den meisten registrierten Spielerinnen und Spielern. Mehr als 900.000 Kanadierinnen und Kanadier sind in Fußballvereinen registriert. Zum Vergleich: Der nationale Eishockey-Verband Hockey Canada gibt die Zahl der registrierten Spielerinnen und Spieler mit 603.000 an.

Drei kanadische Teams in der MLS

Im Amateur- und Juniorenbereich sowie an Schulen ist Fußball schon seit langer Zeit ganz groß. Aber auch der professionelle Fußball wächst. Drei kanadische Teams, CF Montreal, Toronto FC und Vancouver Whitecaps – Letztere mit Thomas Müller – spielen in der nordamerikanischen Major League Soccer neben 25 US-Teams. Seit einigen Jahren gibt es auch eine professionelle kanadische Liga. Und im April 2025 nahm eine professionelle Frauen-Liga, die Northern Super League, den Spielbetrieb auf. Denn Fußball ist in Kanada ein Sport mit starker Frauenbeteiligung. Nahezu die Hälfte der registrierten Aktiven sind Frauen und Mädchen. Die Frauen sind international bisher auch viel erfolgreicher als die Männer.

Nun hofft das Land, dass auch die Männer glänzen. Das Interesse an der WM steigerte sich nur langsam. Dass Kanada so deutlich nur eine Juniorrolle bei der WM spielt, war der Begeisterung nicht förderlich. Nur zehn Vorrundenspiele werden in Kanada ausgetragen, zudem drei Partien in Sechzehntel- und Achtelfinale, danach aber alle Spiele in den USA. Dass nur zwei Austragungsorte in dem riesigen Land Kanada liegen, die 3400 Kilometer voneinander entfernt sind, macht es ebenfalls schwer, flächendeckend Begeisterung aufkommen zu lassen. Hinzu kommen die Zerwürfnisse zwischen Kanada und den USA. Die Aversion gegen Trump ist groß. Die Zahl der Reisen von Kanada in die USA ist drastisch gesunken, viele Kanadierinnen und Kanadier boykottieren nach Möglichkeit den Kauf von US-Produkten.

Gegenentwurf zu den USA

Die kanadischen Spielorte Toronto und Vancouver setzen in ihrer Werbung auf einen Gegenentwurf zu Trumps USA und das brutale Vorgehen der Einwanderungspolizei ICE gegen Immigranten und Immigrantinnen. Die beiden Städte präsentieren sich als Beispiele für Diversität und Inklusion.

Alle Länder, die in Kanada spielen, werden dort von starken ethnischen Gemeinden angefeuert, in Vancouver treten zudem drei First Nations – so werden die Stämme der Ureinwohner genannt – aus dem Großraum als Mitgastgebernationen auf. Torontos Bürgermeisterin Olivia Chow erklärt die Weltoffenheit ihrer Stadt: „Mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung wurde außerhalb Kanadas geboren.“

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