Formel 1
Stadtkurse für Verstappen und Co.: Hart, aber herrlich
Rennen auf der Straße sind nichts für Optimisten. Aber für Pessimisten eigentlich auch nicht. Max Verstappen mag den rasenden Stadtverkehr nicht wirklich, gleichwohl er zu den besten Artisten auf den temporären Formel-1-Pisten zählt. Ausgerechnet jetzt, in der vorentscheidenden Phase der WM, wo der Vorsprung des Niederländers auf Lando Norris nur noch 59 Punkte beträgt, hat er innerhalb einer Woche zwei Auftritte in Folge zwischen Randsteinen und Fußgängerüberwegen zu bewältigen. Nach Baku steht nun in Singapur sein Angstrennen an – den Grand Prix am Äquator konnte er noch nie gewinnen. Im vergangenen Jahr war die wilde Hatz um die Marina Bay gar das einzige Rennen des Jahres, das Red Bull Racing überhaupt verloren geben musste.
Es gibt zwar kein vorgeschriebenes Geschwindigkeitslimit, aber in den Innenstädten kommen die 1000 PS starken Autos schnell ans Limit. Jede Runde ist angesichts der nahen Mauern und Barrieren eine einzige Konzentrationsübung, 58 Schaltvorgänge pro Umlauf, mehr als 3500 im Rennen. Was, kombiniert mit der enormen Luftfeuchtigkeit für die Fahrer eine Tortur ist, erlebt das Publikum als ein einziges Spektakel. Zumal es in die tropische Nacht geht, mit der illuminierten Skyline als Hintergrund. Hart, aber herrlich.
Vorreiter Singapur
Stadtrennen sind im Trend, Singapur hat das Genre 2008 eröffnet. Jahrzehntelang war Monte Carlo die Ausnahme im Rennkalender, mittlerweile ist es in bester Gesellschaft. Acht der 24 Rennen werden auf Strecken ausgetragen, bei denen die Infrastruktur die Ideallinie vorgibt. Neunzig-Grad-Kurven und Tote Winkel eingeschlossen. Die drei letzten neuen Austragungsorte (Jeddah, Miami, Las Vegas) – allesamt City-Festivals. Und 2026 wird der spanische Grand Prix vom klassischen Kurs vor den Toren Barcelonas ins Messeviertel von Madrid verlagert. Auch die weitere Expansion innerhalb Asiens wird eher zur Angelegenheit für Stadtplaner. Bangkok? Südkorea? Fast kein Investor will sich auf der Suche nach dem Rennglück die enormen finanziellen Anstrengungen für eine permanente Piste antun: weit draußen, weg vom Schuss, siehe Nürburgring oder auch Hockenheim.
Das „Würfelspiel“
Von der Action her sind die Bodenwellen, die die Fahrer so hassen, weil sie bei Tempo 300 jede Vibration in ihrem Allerwertesten spüren, das telegenste überhaupt: Funkensprühend geraten die Autos bei ihrem Straßenkampf leicht aus der Spur. Straßenkurse haben so viele Schwächen, dass es hier mehr auf die Stärken der Fahrer ankommt. Lewis Hamilton beispielsweise hat in Singapur 2018 eine Qualifikationsrunde für die Ewigkeit in den Asphalt gebrannt. Trotzdem sagt er: „Hier zu fahren ist für mich wie ein Würfelspiel.“
Die 19 Kurven von Singapur mögen jede für sich betrachtet nicht besonders schwierig sein, aber in der Summe sind sie herausfordernd. Vor allem aber fehlen ausreichend lange Geraden, auf denen die Fahrer während der Vollgasphase etwas entspannen können. Es geht ähnlich um permanentes Reaktionsvermögen. Ständig besessen sein davon, möglichst nah an der Begrenzung die Kurve zu kratzen. Aber wie nah ist zu nah? Wer das herausfindet, ist dann meistens raus aus dem Rennen. „Du musst Dich was trauen“, sagt Fernando Alonso. Er hat den Skandal um seinen manipulierten Sieg von 2008 („Crashgate“) längst abgeschüttelt.
Fitness mitentscheidend
Schnell wird das Durchkommen zu einer Frage der Fitness, die meisten Piloten trainieren schon im Sommer für den Schwitzkasten Singapur, gehen mit Skikleidung joggen oder bauen das Ergometer in der Sauna auf. „Wenn man Singapur überlebt, ist man für alles weitere in der Formel 1 gerüstet“, sagt Ferrari-Pilot Carlos Sainz jr. Mit der aktuellen, besonders launischen Rennwagen-Generation gleicht jede Runde einem Rodeo, aber selbst eine zickige Lenkung lässt sich weit besser kontrollieren als Adrenalin und Aggressivität. Es braucht eine ganz eigene Einstellung, von Fahrern wie Fahrzeugen. Die vielen Unbekannten machen den eigentlichen Reiz aus. Am besten ist es wahrscheinlich, ein Straßenrennen als das zu nehmen, was es tatsächlich ist: ein rasender Zufallsgenerator.