Fußball
Schalke-Trainer Miron Muslic und die Kraft der Emotion
Bereits die ersten Eindrücke, die Miron Muslic hinterlassen hat, sind zweifellos vielversprechend, aber auch Skeptiker konnten Stoff finden. Übertreibt er nicht ein bisschen mit seiner Intensität? Kann so ein Typ ohne jede Zweitligaerfahrung in diesem Umfeld zurechtkommen? Abschließend ist keine der Fragen beantwortet, aber das mitreißende 2:1 der Schalker zum Auftakt gegen Hertha BSC hat die Zweifler vorerst verstummen lassen. „Wir haben Hertha in der ersten Halbzeit keine Luft zum Atmen gelassen“, sagt Muslic danach. „Wir wollten so eklig wie möglich spielen – das ist uns gelungen. Das ist das neue Schalke, diesen Weg wollen wir gehen.“
Geld für Transfers war zwar kaum vorhanden, aber die wenigen Neuzugänge Nikola Kati (Plymouth Argyle), Soufiane El-Faouzi (Alemannia Aachen) und Timo Becker (Holstein Kiel) überzeugten genauso wie die aus den Schalker Nachwuchsteams beförderten Peter Remmert sowie Vitaliae Becker. Die spannendste Figur war jedoch der Trainer. Weil er Schalke eine Riesenportion frischer Lebensenergie zugeführt hat. „Wir haben dem ganzen Stadion gezeigt, dass wir es ernst meinen“, sagt der in Bosnien geborene Österreicher, den in Deutschland bisher kaum jemand kannte.
Sein Vorbild: der polarisierende Mourinho
In England ist das anders. Dort hat er im Februar mit dem Zweitligaklub Plymouth Argyle den späteren Premier-League-Champion FC Liverpool aus dem FA-Cup geworfen und in einem weiteren Pokalspiel bei Manchester City gut mitgehalten. Anschließend saß er eine Stunde lang mit Pep Guardiola zusammen und hat jedes Wort „aufgesaugt wie ein Schwamm“, erzählt er. Sein Vorbild ist jedoch ein anderer Trainer, einer, der aufgrund seiner provokanten Art polarisiert: José Mourinho. „Mich inspiriert, dass seine Mannschaften immer bereit waren, alles für den Erfolg zu unternehmen.“ Zudem sei der Portugiese „ein geborener Gewinner“.
Schalke 04 hat einen Trainer gefunden, der eine kostbare Gabe besitzt. Gewissermaßen nebenbei entsteht eine hohe Intensität, was zumindest entfernt an Kollegen wie Christian Streich oder Thomas Tuchel erinnert. Er verfügt über ein Trainermerkmal, das sich nicht lernen lässt: dieses innere Glühen, das Menschen mitnimmt und das Mannschaften mit Energie versorgen kann. „Ich glaube, dass ich einen angeborenen Instinkt dafür habe, wie man gut mit Menschen umgeht. Wie man Menschen und eine Gruppe zusammenführt, zusammenhält und gemeinsam für das gleiche Ziel kämpfen lässt“, sagt er.
Der Trainer ist der Unterschiedsspieler
Die Idee des neuen Sportvorstandes Frank Baumann ist offenkundig: Das, was in der modernen Fußballsprache als Unterschiedsspieler bezeichnet wird, soll auf Schalke Muslic sein. „Der Trainer ist die wichtigste Person im Sport“, sagt Baumann und setzt auf einen Mann, dem zugetraut werden kann, dass er auf Schalke eine ungewöhnliche Trainerkarriere mit überraschenden Erfolgen fortsetzt. Denn Muslic ist ein Typ, für den eigentlich gar kein Platz ist im System.
Als Torjäger im gehobenen österreichischen Amateurfußball hatte er irgendwann angefangen, nebenher Jugendteams zu trainieren. Beruflich war der 42-Jährige längst anderswo unterwegs: Als Schulassistent kümmerte er sich um Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, gründete eine Familie, das Geld war knapp. Allerdings fiel das Talent während eines Lehrgangs einem Ausbilder auf, der die zweite Mannschaft des Bundesligaklubs SV Ried betreute und Muslic zu seinem Assistenten machte.
Stets klare Worte
Muslic bewährte sich, betreute anschließend Mannschaften in der Akademie in Ried. In dieser Position konnte er die Pro-Lizenz erwerben und landete schließlich bei Cercle Brügge, wo er 2022 vom Assistenztrainer zum Chefcoach wurde und das Team aus dem Abstiegskampf bis in den Europapokal führte. Mit einer sehr intensiven Art des Coachings.
Muslic sagt Spielern offen, was er von ihnen hält und was er von ihnen erwartet, sortiert aus und propagiert einen aggressiven, aktiven Spielstil. Noch wichtiger ist aber sein Umgang mit den Energien, die beim Fußball entstehen. „Mein Ansatz ist, diese Emotionen zu spüren, zu verstehen und einzuordnen“, sagt er. „So kann ich als Cheftrainer in die Situation kommen, die Emotionen zu lenken. Fußball ist ein Spiel der Emotionen, und ich lasse mich gerne in diese Welt der Emotionen fallen.“
Selbst zum Entscheider geworden
Auch seine von Brüchen geprägte Biografie könnte gut nach Gelsenkirchen passen, der Stadt mit der höchsten Armutsquote Deutschlands. Als der kleine Miron neun Jahre alt war, floh seine Familie 1992 in einer Nacht- und Nebelaktion aus der bosnischen Stadt Biha, rechtzeitig vor einer serbischen Belagerung, in deren Verlauf tausende Menschen ums Leben kamen. Seine Eltern schlugen sich in Österreich als Saisonarbeiter in Hotels durch. Muslic begann, Politikerbiografien zu lesen. „Ich wollte immer wissen: Warum?“, sagt er.
Nun ist er selbst in der Position, Antworten geben zu müssen. An einem Krisenherd, zum Glück nur im Fußball.
