Formel 1 RHEINPFALZ Plus Artikel Rekordweltmeister Lewis Hamilton: der gespaltene Champion

Seit nunmehr 50 Formel-1-Rennen ohne Sieg: der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton.
Seit nunmehr 50 Formel-1-Rennen ohne Sieg: der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton.

Es war das erste Beben in der Königsklasse des Motorsports, als Lewis Hamilton seinen Wechsel zu Ferrari bekanntgab. Nun mehren sich Stimmen, ob dem Rekordweltmeister bei Mercedes noch alles mitgeteilt wird. Oder hat gar schon eine Selbstdemontage begonnen?

Die erste Rennwoche des Jahres in den USA hat richtig spitzenmäßig angefangen für Lewis Hamilton. Höhenluft, das ist ein Gefühl, das der Rekordweltmeister bei Mercedes schon ein Weilchen lang nicht mehr schnuppern kann, seit 50 Formel-1-Rennen ist der Brite nun schon ohne Sieg. Bis zum Großen Preis von Miami am Wochenende war sein bestes Saisonresultat ein fünfter Platz, ein glatter Fehlstart also. Und jetzt steht er in New York auf dem Empire State Building, darf zusammen mit seinem Teamchef Toto Wolff den berühmten Lichtschalter umlegen, der Wolkenkratzer erstrahlt in den Farben von Hamiltons Rennstalls. Ergo nicht Ferrari-Rot, was man in diesen Tagen immer ausdrücklich dazu sagen muss.

Lieber übers Wetter sprechen

Lewis Hamilton ist eine gespaltene Persönlichkeit, seit er mit der Ankündigung seines Wechsels im kommenden Jahr nach Maranello das erste Beben in der Königsklasse ausgelöst hat. Er will sich die Diskrepanz nicht schönreden, wenn er sagt: „Ich finde die aktuelle Lage spannend, und ich finde die Zukunft spannend.“ Das klingt nach einem Rundum-Sorglos-Projekt für seine Psyche, aber ganz so ist es natürlich nicht. Um die Einschätzung der Situation bei Mercedes gebeten, wählt er seine Worte wohl: „Ich hoffe, es wird zum Jahresende hin besser. Denn ich möchte jetzt nicht sagen, dass es schlechter auch kaum geht.“ Seine persönliche Motivation sei immer die, an Wachstum und bessere Tage zu glauben. Die Blöße, jenes Team fallen zu lassen, dem er so ziemlich alles zu verdanken hat, gibt sich Hamilton nicht. Doch wenn es um die Gegenwart geht an der Strecke rund ums Hardrock Stadium, dann spricht er tatsächlich lieber übers Wetter, obwohl es neue Teile für den Silberpfeil geben soll.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff setzt auf die Fortsetzung der Bromance bis zum Saisonschluss Mitte Dezember: „Lewis ist ein Profi und hat sich bis jetzt auch so verhalten. Er versucht, die Moral der ganzen Mannschaft aufrecht zu erhalten, auch wenn die Ergebnisse nicht kommen. Ich habe keinen Zweifel, dass das so bleiben wird.“

Er will sich auch nichts nachsagen lassen, und er selbst braucht nach einem siebten Platz als bislang bestem Saisonergebnis wieder Erfolgserlebnisse, zumal sich Carlos Sainz jr, den er bei Ferrari verdrängen wird, so gesteigert hat, dass sich in Italien einige fragen, ob die Verpflichtung Hamiltons unbedingt nötig war. Umgekehrt hat der 103-fache Grand-Prix-Sieger keine Zweifel an seiner Entscheidung: „Es gab keinen Moment, in dem ich sie infrage gestellt hätte und ich lasse mich nicht von den Kommentaren anderer Leute beeinflussen. Ich glaube, ich weiß selbst, was für mich richtig ist, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich meine Entscheidung rechtfertigen muss.“

Es sind für alle, die die Formel 1 nicht als Mannschaftssport begreifen, durchaus berechtigte Zweifel, ob sie ihm bei Mercedes noch alles sagen, oder ob er noch alles gibt für das Team, ob er überhaupt noch das Zeug dazu hat. Aber für die Selbstdemontage ist er mit 39 definitiv zu jung – und zu clever. Lewis Hamilton wird zwar gerade unter Wert geschlagen, aber er ist ein Stehaufmännchen. Spurwechsel hin oder her, es ist für ihn auch eine Frage der Ehre: „Ich sehe mich noch nicht auf dem Weg nach draußen. Das ist nicht meine Art!“

In Miami Gardens wird Hamilton als Neu-Ferraristi ausführlich um Auskünfte gebeten, ob der geniale Red-Bull-Designer Adrian Newey für die neue Saison ebenfalls in Maranello anheuern wird, und so eine Neuauflage des einstigen Dreamteams mit Jean Todt, Ross Brawn und Michael Schumacher möglich wird. Hamilton grinst meistens nur breit. Wie sehr er sich wünschen würde, dass er künftig bei Ferrari mit Adrian Newey zusammenarbeiten könnte? „Sehr.“ Ein Wechsel des erfolgreichsten Rennwagenkonstrukteurs der Grand-Prix-Geschichte zu den Italienern wäre nach Hamiltons Einschätzung „eine großartige Ergänzung„ für Ferrari, und für ihn selbst „ein Privileg, mit ihm zu arbeiten.“ Wie lange sich die Beteiligten noch im Konjunktiv winden müssen, hängt sehr vom Ausgang eines Abendessens ab, dass Ferrari-Teamchef Fred Vasseur und der bei Red Bull Racing vom Formel-1-Projekt bereits weitgehend freigestellte Newey im Vorfeld des sechsten WM-Laufs gehabt haben. Möglicherweise gibt es bald etwas zu verkünden, auch wenn noch andere Rennställe um Newey mitbieten.

Der alleinige Rekord als Ziel

Ob der Name Newey schon Teil der Vertragsverhandlungen zwischen Hamilton und dem Ferrari-Machthaber John Elkann waren, der persönlich den spektakulärsten Wechsel der jüngeren Formel-1-Geschichte eingeleitet hatte, wollte der siebenfache Weltmeister nicht sagen. So etwas sei Geheimsache. Aber wenn er eine Wunschliste hätte abgeben dürfen, „dann hätte Adrian ganz oben darauf gestanden.“ Auf die Nachfrage, wie sehr er glaube, dass der Wunsch in Erfüllung gehen könne, wieder dieses Grinsen im Breitformat: „Warten wir's ab.“ Wie es auch ausgeht, natürlich weiß Hamilton Bescheid.

Eine Neuorientierung des 65-Jährigen hin zum italienischen Nationalheiligtum würde für Hamilton die Chancen erhöhen, im hohen Rennfahreralter doch noch den achten Titel und damit den alleinigen Rekord einzufahren. Bislang hatte er den Ausnahme-Designer Newey immer nur zum Gegner gehabt, bei seinem Karrierebeginn mit McLaren durfte er immerhin ein Auto fahren, dass auf Neweys Konzept basierte. Damals schon empfand er Stolz. Daher weiß er auch, wie sehr ein Newey-Transfer das Wettbewerbsgefüge in der Formel 1 verändern würde. Nicht nur, dass sich der ohnehin im Aufschwung befindliche Ferrari-Rennstall deutlich verbessern könnte, zugleich würde Red Bull entscheidend geschwächt. Die Sehnsucht nach einer ganz neuen Realität.

x