Rhythmische Sportgymnastik
Psychischer Druck, Mobbing: Eltern erheben schwere Vorwürfe gegen TB Oppau
Im Hintergrund braut sich Unmut zusammen. Entsetzen breitet sich aus, als die Kinder ihre Erfahrungen schildern. Beim TB Oppau, einem alteingesessenen Verein im nördlichen Stadtteil von Ludwigshafen, fühlt sich der Nachwuchs von fünf Familien benachteiligt. Die Eltern der betroffenen sechs Kinder aus der Abteilung Rhythmische Sportgymnastik (RSG) schließen sich zusammen und dokumentieren die Missstände. Fünf Kinder gehören der Kindergruppe an, eines der Riege aus der Leistungsklasse. Diese umfasst um die 15 Kinder. Dann gibt es noch eine sogenannte Wettkampfgruppe mit etwa 20 Mädchen. Dort sind keine Fälle bekannt. Die Schreiben liegen dieser Zeitung vor. Die Vorwürfe wiegen schwer. Elf Punkte listen die Eltern auf. Es ist die Rede von unter anderem Mobbing, Demütigungen, psychischem Druck, schlechter Kommunikation, Intransparenz, sozialer Ausgrenzung, Isolation im Training, ungerechtfertigter Suspendierung oder Diskriminierung.
Komplott gegen Trainerin?
Der Psychokrieg beginnt im Februar 2024. Anonyme Schreiben erreichen den TB Oppau. Es findet ein Elternabend statt. Trainerin Sari Öholm, gegen die sich die Vorwürfe richten, sagt dieser Zeitung: „Die Schreiben waren anonym. Persönlich hat sich niemand bei uns gemeldet. Es fanden Elternabende statt, bei denen sich Eltern klar hinter das Trainerteam gestellt haben – im Beisein von Funktionären des Pfälzer Turnerbundes.“ Die anonymen Attacken gehen bis ins Jahr 2025 – unterschrieben mit: die Eltern der Abteilung. Die Anschuldigungen haben einen faden Beigeschmack: Die Kinder, deren Eltern sich beklagen, waren teilweise nicht in der Trainingsgruppe, die die in den Augen der Eltern umstrittene Trainer Sari Öholm betreut. Und: Sie sind auch nicht mehr im Verein.
Eine Familie bringt schließlich den Mut auf und schildert in einem Gespräch mit dieser Zeitung, was den Kindern widerfahren sein soll. So sollen die Kinder wiederholt mit abwertenden und verletzenden Aussagen wie „Du kannst nichts, Du bist zu dumm“ konfrontiert worden sein. Mehrere Mädchen sollen wegen ihres Gewichts diskriminiert worden sein. Andere wurden offenbar unter Druck gesetzt, trainieren zu müssen, obwohl sie krank gewesen seien.
Dann sollen Schmerzen und Verletzungen nicht ernst genommen worden sein, die Kinder hätten trainieren müssen – trotz Beschwerden. Dabei sollen die Eltern auf die Blessuren hingewiesen haben. Ärztliche Empfehlungen seien angeblich ignoriert worden. Kinder, so heißt es in den Briefen, die sich an den ärztlichen Rat hielten, seien daraufhin vom Training und Wettkämpfen ausgeschlossen worden. Das aber dementiert Öholm entschieden: „Wir haben immer gesagt, wenn ihr einen Attest habt, bleibt ihr zu Hause, es ist aber eure Entscheidung.“
Eltern dürfen nicht in die Trainingshalle
Die Eltern beklagen, sie seien machtlos gewesen. Denn: Ihnen sei der Zutritt zur Trainingshalle verboten worden. Die Kinder kamen unter anderem aus Heidelberg, Karlsruhe oder sogar Koblenz. Die Eltern warteten vor der Trainingshalle, während die Kinder mehrere Stunden trainierten. Bei Verstößen, heißt es, drohte dem Kind, vom Training suspendiert zu werden. Es sei vorgekommen, dass Kinder ohne sachlichen Grund vom Training ausgeschlossen worden seien, dass Kinder, die nicht die Erwartungen der Trainer erfüllten, isoliert worden seien und in gesonderten Gruppen hätten trainieren müssen. Die Kinder hätten demnach alleine und teilweise am Hallenrand üben müssen. Die Folge: Sie waren demotiviert, ihre Leistungen fielen ab. „Wenn sieben Kinder in der Mannschaft sind, aber nur die stärksten Fünf turnen dürfen, dann muss ich als Trainerin die schwere Entscheidung treffen. Die Kinder sind auf einem relativ ähnlichen Niveau. Wenn es nicht läuft, dann habe ich falsch entschieden. Wenn von diesen fünf Kindern eines krank ausfällt unter der Woche, dann kommt natürlich die Nummer sechs rein“, erläutert Öholm. Sie ist seit Sommer 2023 Landestrainerin. Manfred Zipper, Leiter des Turnzentrums Oppau und im Hauptberuf Strafrechtsanwalt, sagt: „Es ist falsch, dass Kinder aussortiert werden, sondern die anderen sind besser. Und die Besten müssen bei den deutschen Meisterschaften Erfolg haben. Das wird von der Landestrainerin erwartet.“
Die Anschuldigungen treffen die RSG des TB Oppau hart. 2010 war die Abteilung der Rhythmischen Sportgymnastik gegründet worden. Seit dieser Zeit zeigt die Kurve des Klubs in eine Richtung: nach oben. Vergangenes Jahr wurde der TB Oppau deutscher Meister und Vizemeister. Es war das erfolgreichste Jahr der RSG beim TB Oppau. Einige Athletinnen gelingt der Sprung in die Nationalmannschaft, Hannah Vester sogar ins Olympiateam. Sie ist das Aushängeschild des Klubs. Der Lohn für die Erfolge: Oppau wird 2025 Landesleistungszentrum. Rund 50 Mädchen im Alter von zwei bis 24 Jahren trainieren dort. „Es herrscht bei uns schon ein gewisser Druck. Wir wollen ja Leistung erzielen, ganz klar, aber der Spaß muss im Vordergrund stehen“, sagte Sari Öholm im Juni 2025: „Es sind Kinder, keine Roboter. Wenn Fehler passieren, geht die Welt nicht unter.“
Diese Sätze sind für manche Eltern der blanke Hohn. Denn der Konflikt spitzt sich zu. Anfang 2025 kommt es zu einem Gespräch in der Geschäftsstelle des Pfälzer Turnerbundes in Annweiler. Mit am Tisch sitzen Eltern, die Bundestrainer sowie Vertreter des Pfälzer Turnerbundes. Diese – erste – Unterredung findet bewusst ohne Trainerin Sari Öholm statt. Das Ergebnis stimmt die betroffenen Eltern nicht milde. Die Fronten zwischen Teilen unzufriedener und erboster Eltern auf der einen und dem TB Oppau auf der einen anderen Seite bleiben verhärtet, obwohl der Pfälzer Turnerbund versucht, die verfahrene Situation zu schlichten.
Mehrere Schlichtungsgespräche
Es kommt schließlich am 26. Mai zu einem zweiten Treffen an einem neutralen Ort in Ludwigshafen. Dieses Mal ist Öholm bewusst dabei. Sie hat eine Vertrauensperson mitgebracht. In dem Zwei-Stunden-Gespräch zeigt sich die hauptamtlich arbeitende Oppauer Übungsleiterin angeblich nicht einsichtig. Eine Grundlage für ein gedeihliches Miteinander gibt es nicht. Die Eltern vermissen eine Reaktion. Dabei findet im Juli 2025 ein Elternabend in der Trainingshalle der RSG in Edigheim statt. TBO-Vorsitzender Matthias Bog bietet dort den Eltern an, sich an ihn zu wenden – persönlich oder per E-Mail. „Ich warte bis heute auf eine Mail oder eine Anfrage“, sagt Bog dieser Zeitung. Er sagt auch: „Wo Menschen mit Menschen zusammenarbeiten, dort entstehen Fehler.“ Er habe den Eindruck, dass mehr die Eltern mit der Situation unzufrieden gewesen seien, als die Kinder. Öholm vermutet, dass die Eltern sie loswerden wollten. Ein Komplott also? Beweise dafür gibt es keine.
„Ich bin ein sehr emotionaler, aber auch ein sehr sensibler Mensch“, sagt Sari Öholm von sich: „Vielen sagen, ich bin so hart, und ich gucke so böse, aber eigentlich bin ich ein sehr, sehr weicher Kern. Am Anfang habe ich es sehr persönlich genommen, es hat mich sehr getroffen, trifft mich immer noch, weil ich vieles nicht nachvollziehen kann. Ich glaube eigentlich immer ans Gute im Menschen, uaber das hat mich jetzt ein bisschen zum Nachdenken gebracht.“ Öholm hat aus den Vorwürfen und der Art und Weise, wie alles abgelaufen ist, ihre Lehren gezogen: „Ich trenne es jetzt strikter. Was in der Halle ist, ist in der Halle, was draußen ist, ist draußen. Ich bin immer noch für den Sport, das ist immer noch mein Leben, ein Teil davon. Aber es ist nicht mehr so, dass meine innere Flamme so sehr brennt.“
Funktionäre beschreiben Öholm als fachlich sehr kompetent. Sie genieße beim Landessportbund ein hohes Ansehen. „Sie ist eine liebe Person, wirkt aber in ihrer Art streng, obwohl sie das nicht ist“, beteuert ein Funktionär gegenüber dieser Zeitung.
TB Oppau erarbeitet ein Schutzkonzept
Die RHEINPFALZ konfrontiert den Deutschen Turnerbund (DTB) und den Pfälzer Turnerbund (PTB) mit den Vorwürfen der Eltern. Der DTB nehme die Vorwürfe ernst und habe den Pfälzer Turnerbund aktiv in der Schlichtung unterstützt, antwortet der DTB. Auch habe der TB Oppau im Zuge der Lizenzierung als DTB-Turnzentrum zeitig zu den Vorwürfen Stellung bezogen, nachdem der DTB den Verein dazu aufgefordert habe. Ferner heißt es in dem DTB-Schreiben: Der TB Oppau habe „… die bisherigen umgesetzten Präventionsmaßnahmen im Verein dargelegt, Meldewege und Beschwerdemanagement im Verein aufgezeigt sowie dargestellt, welche Sensibilisierungsmaßnahmen und Aufklärung der Zielgruppen, insbesondere der Risikofaktoren im Leistungssport, ergriffen wurden und in Zukunft umgesetzt werden.“ Der DTB unterstütze proaktiv die Weiterentwicklung der Trainer und sei mit den Landestrainern sowie der Mentorin in Kontakt.
Der PTB betont ebenfalls, dass er die Fortbildung der TBO-Trainer fördert und sie unter anderem an die Trainerakademie in Köln geschickt habe, um sich dort bei einem „Coach-the-Coach-Projekt“ weiter zu qualifizieren. Auch habe der PTB im Zuge der Vorwürfe eine Stützpunktleitung in Oppau eingesetzt, die das Training und die Abläufe vor Ort begleite und koordiniere.
Dabei bleibt es nicht. Der DTB informiert in seinem Schreiben, dass der TB Oppau zugesichert habe, bis Ende 2025 ein Schutzkonzept zu erarbeiten. Das liegt vor. Unter anderem gibt es nun eine gewählte Eltern- und Athletenvertretung, erläutert Manfred Zipper, Leiter des Turnzentrums, der RHEINPFALZ. Diese Gremien sollen seinen Ausführungen zufolge für Transparenz und eine bessere Kommunikation zwischen allen Parteien sorgen – und für weniger Unmut bei allen Beteiligten.