Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzische Olympiasiegerin Ogunleye erreicht neue Sphären

In einem Jahr ohne WM und Olympia will Yemisi Ogunleye an ihrer Technik arbeiten.
In einem Jahr ohne WM und Olympia will Yemisi Ogunleye an ihrer Technik arbeiten.

Was möglich ist, zeigt Yemisi Ogunleye früher als erwartet. Um in Zukunft weiter zu stoßen, geht sie einen Schritt zurück. Das ist anstrengend – und doch notwendig.

Unzufriedenheit ist nichts, was man Yemisi Ogunleye im Gesicht ablesen könnte. Selbst wenn es für die Kugelstoß-Olympiasiegerin aus dem südpfälzischen Bellheim nicht gut läuft, lächelt sie. Freude bei dem, was sie tut, ist für die 27-Jährige ein Schlüssel zum Erfolg – gepaart mit Lockerheit. „Ich war nervös wie irgendwie noch nie zuvor, auch im Wettkampf“, sagt Ogunleye nach den deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund, „und bin dann auch durch die ersten vier Versuche ein bisschen zitternd gegangen“. Auch wenn sie die Anspannung weglächelte, an der Tonlage des Schreis bei ihren Versuchen war durchaus zu erkennen, dass es nicht so läuft, wie sich die Athletin das gewünscht hat: nicht wütend klang sie, sondern vielmehr gedämpfter, leiser, zurückhaltender als sonst. (Den Liveblog zur Hallen-DM zum Nachlesen finden Sie hier)

An der Technik wird gefeilt

„Oftmals ist es besser, wenn man frei in den Wettkampf geht“, sagt Ogunleye. Dass sie das in diesem Moment nicht ist, liegt daran, dass sie in den vergangenen Wochen einen Schritt zurück gemacht hat, um mit der Vier-Kilogramm-Kugel bald in neue Sphären vorstoßen zu können. „Wir versuchen aktuell, ein bisschen mehr an der Technik zu feilen“, sagt Ogunleye über die komplizierte Drehbewegung, bei der sie ihren Körper in Rotation versetzt und die Kugel beschleunigt. „Ich versuche es immer wieder zu visualisieren, aber es ist sehr anstrengend, im Wettkampf an die Technik zu denken“, sagt sie.

Das Spiel mit der Kamera beherrscht Yemisi Ogunleye.
Das Spiel mit der Kamera beherrscht Yemisi Ogunleye.

Der Sieg bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris kam für Ogunleye quasi aus dem Nichts. Auch wegen einer spontanen Gesangseinlage bei der Pressekonferenz im Anschluss wurde die gläubige Christin von jetzt auf gleich zur Strahlefrau der deutschen Leichtathletik. Ein Tsunami an Aufmerksamkeit brach über sie herein – und machte ihr durchaus zu schaffen. Die Erwartungshaltung stieg, bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft im vergangenen Herbst in Tokio wurde Ogunleye Sechste. Nur Sechste? „Ich habe natürlich international sehr, sehr starke Konkurrenz“, sagt sie nun, „die alle schon ein paar Jährchen länger das Drehstoßen beherrschen“.

Denn das ist der Fokus, den die Bellheimerin hat, die großen, die internationalen Wettkämpfe. Bei deutschen Meisterschaften tritt sie ambitioniert an, und doch sind es Wettkämpfe unter Trainingsbedingungen. Einzig Weitspringerin Malaika Mihambo ist auf nationaler Bühne ähnlich konkurrenzlos wie Ogunleye. Wobei sich die Athletin der LG Kurpfalz nun in Dortmund ebenfalls schwertut, ihren neunten Titel in der Halle hintereinander einzufahren. Mit 6,57 Metern legt sie deutlich weniger Zentimeter zwischen sich und die Konkurrenz als gewohnt. „Ich war in dieser Hallensaison körperlich nicht ganz da, wo ich es mir vorgestellt habe“, sagt sie.

Ogunleye jubelt nach dem persönlichen Rekord
Ogunleye jubelt nach dem persönlichen Rekord

Ogunleye will ein Jahr mit Europameisterschaft, aber ohne WM oder Olympia nutzen, um sportlich wieder komplett bei sich und ihrer Technik zu sein. Es ist keine Neuerfindung ihrer selbst, die die 27-Jährige anstrebt, sondern eher eine Feinjustierung. Aber gerade die Arbeit an den kleinen Stellschrauben kann zehrend sein. „Selbst wenn es nach hinten losgeht, haben wir nichts zu verlieren, weil wir einfach noch zwei Jahre haben bis zu den nächsten Spielen“, sagt sie. Mit ihren Trainern hat sie die Bewegungsabläufe von Ober- und Unterkörper, diese komplexe Verwringung, aufgelöst, um sie nun wieder zusammenzusetzen.

„Ob man es dann in dem Moment auch im Ring hinbekommt, ist halt eine andere Sache und einfach mental noch einmal eine andere Anforderung“, sagt sie. Was aber möglich ist, wenn alles passt, zeigt Ogunleye in ihrem fünften Versuch bei den Titelkämpfen in Dortmund: 20,37 Meter – persönlicher Rekord. Als sie die Weite auf der Anzeigetafel sieht, kann sie es selbst kaum glauben, die neuen Sphären bereits erreicht zu haben. „Das ist mehr, als ich mir für hier erhofft habe“, verrät Ogunleye. Die beiden weitesten Stöße ihrer Karriere gelingen ihr in Dortmund, vor einem Jahr wuchtete sie die Kugel auf 20,27 Meter. Der Jubelschrei ist nun nicht mehr gedämpft, sondern laut und ausgelassen. Vor lauter Freude schlägt sie ein Rad auf dem Boden. Das Gefühl dieses Versuchs will sie abspeichern, um es im richtigen Moment abzurufen. „Ich versuche, den Fokus bei mir zu halten, die Freude zu behalten, weiter so weit zu stoßen“, sagt sie – und begibt sich auf die Jagd nach dem nächsten 20-Meter-Stoß.

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