Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer beim Giro d'Italia: Pascal Ackermann zwischen Wehmut und Vorfreude

Jetzt im Lila seines neuen Teams unterwegs: Pascal Ackermann.
Jetzt im Lila seines neuen Teams unterwegs: Pascal Ackermann.

Sein Leben als Papa noch mal eintauschen wollen – nein, das kann er sich nicht vorstellen. Aber die Pflicht ruft, am Freitag beginnt für den Pfälzer der Giro d’Italia .

„Ein riesen Act, alles für ein Wochenende nach Bulgarien zu bringen. Das Team ist schon ein paar Tage mit den Rädern und dem gesamten Material unterwegs, ich habe nur einen Koffer mit ein paar Kleidern und dem allerwichtigsten dabei“, erzählt Radprofi Pascal Ackermann auf der Bahnfahrt von Bregenz zum Flughafen Zürich. Von dort flog er am Montag nach Warschau und am Dienstag weiter nach Burgas – schweren Herzens weg von seinen Goldstücken Mara und Alma hin an die bulgarische Goldküste, wo der Giro diesmal startet: „Ich war jetzt zweieinhalb Wochen daheim, und es fiel mir verdammt schwer loszufahren.“

Der Vollzeitpapa wird nun wieder zum Vollzeitprofi, seine Frau muss den Laden daheim in Lauterach am Bodensee allein schmeißen, wie so oft in den fast sechs Monaten, in denen die kleine Alma auf der Welt ist. „Alma krabbelt noch nicht, aber sie dreht sich und ist total fit“, sprudelt’s aus dem stolzen Papa heraus, „und sie lacht viel“. Typisch Ackermann, möchte man meinen.

Fragezeichen hinter der Form

Bei aller Wehmut, die so eine zeitweilige Trennung mit sich bringt – der 32-Jährige spricht auch von „tierischer Vorfreude“. 2019 gewann er in Italien zwei Etappen und das Sprinttrikot (Maglia Ciclamino), 2023 holte er einen Tagessieg. „Der Giro ist ein verdammt schönes Rennen mit vielen Chancen für Sprinter, aber auch ein richtig hartes Rennen. Ich bin gespannt, was rauskommt“, sagt er vorsichtig. Seine Form könne er gerade nicht einschätzen, was ja manchmal auch gut sei. Zuletzt ist er beim Klassiker Eschborn - Frankfurt ausgestiegen: „Wir wussten vorher schon, dass die Streckenänderung den Sprintern nicht zugute kommt.“ Grinsend ergänzt Ackermann, so habe er während des Rennens ein bisschen Zeit gehabt, sich mit Niklas Märkl zu unterhalten. Den Patenonkel der kleinen Alma aus Queidersbach habe er aufgrund der verschiedenen Rennkalender zuletzt weniger in ihrer zweiten Heimat am Bodensee gesehen. Märkl wird den Giro nicht fahren, sondern setzt auf die Tour de France.

Die Tour lockt

3533 Kilometer in 24 Renntagen hat Pascal Ackermann seit Ende Januar in den Beinen, als beste Platzierung ließ er den zweiten Platz bei einem seiner Lieblingsrennen, den „Bredene Koksijde Classic“ anschreiben. Und nun liegen 3468 schwere Giro-Kilometer vor ihm. „Natürlich will ich auf den Flachetappen vorne dabei sein, aber ich sehe den Giro vor allem als Vorbereitung auf die Tour de France, um mir einen besseren Feinschliff zu erarbeiten“, verrät „Acki“ seine Saisonplanung.

Ob er seinen 41 Siegen als Radprofis einen weiteren hinzufügen, einen vierten Etappenerfolg beim Giro erringen kann? Er weiß, dass das Siegen sehr viel schwieriger geworden ist. Dafür gibt es mehrere Gründe. Möglicherweise das Alter, vielleicht das Risiko, bei 70 bis 75 km/h im Finale zu stürzen, schließlich hat er die ein oder andere miese Erfahrung gemacht. Ackermann nennt vor allem die extremen Rennsituationen und die unglaubliche Dichte im Fahrerfeld. „Es wird vom ersten Meter an Vollgas gefahren. Die Rennen sind so hart geworden, man kann sich das als Außenstehender gar nicht vorstellen. Man braucht so viel mehr Erholungszeit“, schildert er die Veränderungen im Rennzirkus. Schöner wäre es, ein, zwei Rennen zu fahren und dann wieder zu trainieren, „aber diese Priorität bleibt nur den ganz Großen vorbehalten“.

Das große Thema Überbeanspruchung

Die Folge: Seiner Beobachtung nach gebe es mehr Kranke und Verletzte im Fahrerfeld. Von Überbeanspruchung im Profisport ist ja auch in manch anderer Sportart die Rede. Vor dem Rennen in Frankfurt meinten eine Reihe von Teams, sie hätten eigentlich keine gesunden Fahrer mehr, die sie an den Start schicken könnten. Und das schon im Mai. Bekanntermaßen beginnt die Saison im Radsport schon Ende Januar und geht bis weit in den Oktober hinein.

Auch Ackermanns Team Jayco AlUla habe überlegt, ob es sich einen Start leisten könne. Seit Jahresbeginn fährt der Pfälzer für die australische Mannschaft, es ist nach Bora-hansgrohe, UAE und Israel-Premier Tech seine vierte Station seit 2017. „Wir haben nicht den großen Fahrer, um den alles aufgebaut ist. Im Team sind alle gleichgestellt, mit gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten. Und wir haben auch nicht das Riesenbudget, das macht alles ein bisschen entspannter“, betont Ackermann. Mehr Freiheit, mehr Flexibilität habe er, er könne eigene Wünsche äußern. Pascal Ackermann genießt das im harten Rennalltag.

Gute Erinnerungen an den Giro

Jetzt also steht der Giro d’Italia an, wo er in seiner besten Saison 2019 den Durchbruch als Radprofi schaffte. Wenn alles gut läuft, werden seine Eltern Ute und Thomas, vielleicht auch ein paar Freunde, am Ende der zweiten Woche an den Lago Maggiore und nach Mailand kommen. Die Eltern habe er vor kurzem bei Almas Taufe gesehen, zu Hause in der Pfalz war er zuletzt an Weihnachten. Aber nach dem Giro will er mit der jungen Familie mal wieder in Minfeld vorbeischauen.

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