Triathlon
So erlebte der Neustadter Tim Hellwig den Triathlon in Paris
Tim Hellwig hat den Kopf gesenkt, als er sein Rennrad durch den Athletenbereich nahe der Brücke Pont Alexandre III schiebt. Auf diesem Sattel spürte er eineinhalb Stunden zuvor, dass die Beine heute nicht mitmachen würden. Zumindest nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. „Ich bin schon sehr enttäuscht. Das war echt bitter“, sagt der Triathlet aus Neustadt im Gespräch mit der RHEINPFALZ: „Das war leider weit weg von dem, was ich kann.“ Als 18. ist Hellwig zwar bester Deutscher beim olympischen Dreikampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen. Aber der Plan war ein anderer: „Ich wollte um eine Medaillen kämpfen“, sagt Hellwig mit leiser, leicht stockender Stimme. Das Potenzial dazu hat er, nur abrufen konnte er es diesmal nicht. Sein Blick ist leer, nun lehnt er an seinem Rennrad. „Es war nicht so, dass ich extrem aufgeregt war“, sagt der 25-Jährige: „Es waren im Endeffekt dieselben Jungs, die ich alle vier Wochen am Rennstart sehe.“
Gegen die Strömung
Um 10.45 Uhr springt Hellwig in das Wasser der Seine. Jenes Flusswasser, das in den vergangenen Tagen eines der großen Themen in Paris war. Es war zu dreckig, um darin zu schwimmen, die Messwerte für Verunreinigungen waren nach oben geschossen, über das erlaubte Maß hinaus. Niemand durfte ins Wasser, das Training fiel aus, der Wettkampf hätte ursprünglich schon am Dienstag über die Bühne gehen sollen und wurde verschoben. „Es wurde sich irgendwann auf Grenzwerte festgelegt, die Grenzwerte sind eingehalten worden“, sagt Bundestrainer Thomas Moeller. „Ich gehe nicht davon aus, dass demnächst Athleten über Magen-Darm-Problemen klagen. Wenn, dann wäre das nicht in Ordnung.“
Stattdessen hat der Trainer ein anderes Problem mit der spektakulären Wettkampfstätte: die Strömung des Flusses. In Gewässern, die sich nicht bewegen, schwimmen die Athleten mit bis zu 1,5 Metern pro Sekunden. „Wenn ich 1,1 Meter pro Sekunde Gegenströmung habe, bleiben nur noch 0,5 Meter zum Vorwärtskommen“, sagt Moeller. Auf dem Weg zur ersten Wende sind die Triathleten sehr schnell, auf dem dem Weg zurück extrem langsam. An der ersten Wende werden sie zehn, zwanzig Meter abgetrieben. Die 1,5 Kilometer in der Seine – eine Tortur.
Hellwig sind die extremen Bedingungen in diesem Moment egal. „Sie waren für alle gleich“, sagt er, „aber es war schon ruppig.“ Auf Position 13 verlässt er das Wasser, spurtet zu seinem Rad, 24 Sekunden liegt er hinter dem Führenden. 40 Kilometer geht es durch das Zentrum von Paris, die Organisatoren haben sich einen Rundkurs ausgedacht, sieben Runden müssen die Athleten absolvieren. Es geht vorbei an Prachtbauten, am Grand Palais und am Petit Palais zum Beispiel, entlang des Flusses, über die Prunkstraße Champs-Élysées. Zeit, all das zu genießen, hat Hellwig freilich nicht – wohl aber die Stimmung wahrzunehmen. Der Eintritt zum Triathlon ist frei, die Besucher an der Strecke jubeln laut, lauter als der Atem der Athleten, wie manche von ihnen erzählen. Hellwig schließt zum Feld auf, eine etwa 25-köpfige Spitzengruppe bildet sich – und es zeichnet sich schnell ab, dass die Entscheidung auf den abschließenden zehn Kilometern fallen wird. Hellwig allerdings beginnt da schon zu realisieren, dass er nicht dabei ist, wenn nachher der Brite Alex Lee, Hayden Wilde aus Neuseeland und der Franzose Leo Bergere auf dem Siegertreppchen stehen. „Ich habe leider auf dem Rad gemerkt, dass ich heute nicht die Beine habe“, sagt er.
Die Frische fehlt
Hellwig ist optimal vorbereitet nach Paris gekommen: Höhentrainingslager, Training in Kleidung, um Hitze zu simulieren – er kommt also auch mit dem tropischen Wetter, das an diesem Tag in Frankreichs Hauptstadt herrscht, bestens klar. Dennoch fehlt ihm die Frische – und das hat wiederum letztlich doch mit dem Wasser in der Seine zu tun. In der Nacht vor dem ursprünglich am Dienstag geplanten Rennen ist er um vier Uhr aufgestanden. Er ging in den Frühstücksraum des Hotels, hat ein Brot gegessen, erzählt er – ganz normales Prozedere vor einem Wettkampf. Nach einer Dreiviertelstunde schaute er auf sein Telefon. „Da habe ich gelesen, dass das Rennen abgesagt ist“ , sagt er. „Natürlich ist die Spannung schon da, der Körper ist hochgefahren, das Adrenalin ist da.“ Wieder einzuschlafen, das sei ihm nicht gelungen. „Diese zwei Nächte vorm Rennen sind sehr entscheidend“, sagt Hellwig, „wenn ich da nicht gut penne, ist es bei mir leider so, dass ein paar Körner fehlen.“
Trotzdem wechselt der Neustadter mit der Spitzengruppe vom Fahrrad in die Laufschuhe. Vier Runden à 2,5 Kilometer müssen die Triathleten absolvieren. Wieder geht es durch das Herz von Paris. Ein Atmosphäre, die auch die Athleten beeindruckt: „Was da auf der Laufstrecke los war, ich weiß nicht, ob ich es noch mal so erleben werde“, sagt Hellwig: „Es war schon sehr besonders.“ Mit jedem Schritt aber spürt Hellwig, wie die Beine schwer werden. „Diese letzte Frische braucht es, um wirklich dauerhaft in dieser Zone zu bleiben, wo es wehtut“, sagt der Neustadter. Hat man sie, überwindet man Grenzen. Hat man sie nicht, fällt man schließlich aus diesem Schmerzbereich heraus.
Nach zwei Runden ist Hellwig Achter, 31 Sekunden hinter dem Führenden. „Ich habe dann die Entscheidung getroffen, entweder die Lücke zu und vorne rein zu laufen – oder halt zu explodieren“, sagt er. Es wurde die Explosion. „Das hat brutal den Stecker gezogen, aber auch mental“, beschreibt der 25-Jährige die letzten fünf Kilometer. „Das war schon sehr bitter, die letzten zwei Runden.“
Mit dem Rennrad, auf dem er spürte, dass es heute schwer werden würden, will Hellwig später zurück zum Hotel fahren. Doch das Tor, das aus der abgesperrten Anlagen führt, ist verschlossen. Er muss es durch einen anderen Ausgang schieben. Dort warten Kinder, die von den Triathleten Autogramme wollen. Sie bitten auch Hellwig um Unterschriften und Selfies. Zumindest das entlockt dem Pfälzer an diesem Mittwoch ein kleines Lächeln.
