Meinung
Neue Landesregierung in Rheinland-Pfalz: Bekommt der Sport jetzt endlich mehr Gewicht?
Ein „Anhängsel“ sei der Sport für die Politik in Rheinland-Pfalz, kritisierte Rudolf Storck vor einigen Wochen, irgendwo im Innenministerium verortet, aber ohne richtige Heimat – was den Präsidenten des Landessportbunds (LSB) aufstöhnen ließ: „Genau so wird er auch behandelt.“ Kein zentraler Ansprechpartner, stattdessen müsse er von Pontius zu Pilatus rennen, vom Innen-, übers Bildungs- bis zum Forstministerium, um den Anliegen des Sports Gehör zu verschaffen.
Vor der Landtagswahl im März trommelte der Landessportbund selbstbewusst für seine Belange. Er klopfte nicht nur die Positionen der Parteien ab, sondern lud Politiker dorthin ein, wo die Menschen Sport treiben – und wo etwas im Argen liegt. In die Halle des LAZ Zweibrücken beispielsweise, in der das Dach undicht ist und die Heizung nicht mehr richtig funktioniert. Frieren beim Diskutieren, Schocktherapie als Lobbyismusformat.
Sport wird zur Chefsache
Nun, da sich die schwarz-rote Koalition in Mainz gefunden hat, zeigt sich, dass diese Idee Früchte trägt. Man solle „den Sport wählen“, sagte Storck und vermied eine Wahlempfehlung. Doch wer zwischen den Zeilen las (und in die verschiedenen Programme schaute), konnte erahnen, zu welcher Partei der Funktionär bei dieser Wahl geraten hatte. Die CDU versprach, die größte Forderung des Sports zu erfüllen: mehr Nähe zur Macht, mehr Einfluss.
Und so wird es nun auch kommen. Der Sport wechselt vom Innen- in die Zuständigkeit eines neuen Ministeriums unter CDU-Führung, das direkt an die Staatskanzlei angedockt sein wird. Für den LSB ist das mehr als nur ein Teilerfolg, denn der designierte CDU-Ministerpräsident Gordon Schnieder macht den Sport ab sofort zur Chefsache.
Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD ist der Wille erkennbar, den Sport in Rheinland-Pfalz voranzubringen – in der Spitze wie in der Breite. Die neuen Partner wollen Bürokratie abbauen, um Zuschüsse zu beschleunigen. Sie wollen die Sportförderung generell erhöhen und die Leistungssportstrategie weiterführen. Die deutsche Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele unterstützen CDU und SPD „ausdrücklich“ – bestenfalls mit Athleten aus Rheinland-Pfalz, die heute noch Kinder und Talente sind. Als Grundlage für all das haben die Koalitionäre eine moderne Infrastruktur erkannt.
Mit dem Gartenschlauch einen Waldbrand löschen
Marode Sportstätten sollen also auf Vordermann gebracht werden. Dazu will sich die künftige Landesregierung dafür einsetzen, dass Bundes- und Landesfördermittel grundsätzlich kombiniert werden können. Denn klar ist: Ein Topf wird nicht reichen, um die Sportstätten im Land zu sanieren. In der Pfalz werden bei der ersten 333-Millionen-Euro-Tranche der sogenannten „Sportmilliarde“ des Bundes drei Projekte bedacht. Für das städtische Stadion in Wörth, das Waldschwimmbad in Eisenberg und den Kunstrasenplatz des MTV 1873 Pirmasens fließen etwa 4,3 Millionen Euro. Das ist gut. Aber bei einem Sanierungsstau von rund 1,5 Milliarden Euro ist es ungefähr so, als wolle man mit einem Gartenschlauch einen Waldbrand löschen.
Die Baustellen sind groß und dringlich: Die LAZ-Halle in Zweibrücken, am Bundesstützpunkt in Kaiserslautern warten sie seit Jahrzehnten auf eine Radsporthalle. Und im ganzen Bundesland gibt es kein wettkampftaugliches Schwimmbad mit 50-Meter-Bahnen. Aber die beste Infrastruktur bringt nur wenig, wenn Stützpunkte nicht gut vernetzt sind, wenn Athleten viele Kilometer zum Training fahren müssen, wenn Trainer fehlen oder ins Ausland abwandern. Sportentwicklung muss ganzheitlich gedacht werden.
Während der Koalitionsverhandlungen hat der LSB eine Unterschriftenaktion zur Unterstützung seiner Forderungen organisiert. 461 Personen haben den offenen Brief unterzeichnet, 77 Prozent davon mit Namen, die Mehrheit sind Verantwortliche aus Vereinen und Dachverbänden. Der LSB sieht darin einen großen Rückhalt. Zugleich rühmt er sich, in Rheinland-Pfalz mehr Mitglieder als der ADAC (1,3 Millionen) zu haben. Bei seinen rund 5800 Vereinen mit etwa 1,4 Millionen Mitgliedern erscheinen 461 Unterschriften allerdings doch recht dürftig. Der Sport muss seine politische Relevanz nicht nur behaupten, sondern sichtbar machen. Sportpolitik ist wichtig, aber in der Öffentlichkeit wenig sexy. Marode Turnhallen gehen viele an – nur muss das Problem vielen erst noch bewusster werden.
Deshalb endet die Lobbyarbeit des LSB mit dem Auftakt der neuen Landesregierung noch lange nicht. Sie fängt gerade erst an. Nach RHEINPFALZ-Informationen wird der Dachverband der künftigen Landesregierung in den kommenden Tagen ein Sofortprogramm für das erste Regierungsjahr vorschlagen. Darin geht es unter anderem eben um einen Sportstättensanierungsplan. Aber auch um den Wunsch nach einem eigenen Staatssekretär. Denn neben Sport und Ehrenamt ist das neue Ministerium in der Mainzer Staatskanzlei auch für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Medien zuständig. Selbst im Zentrum der Macht besteht immer die Gefahr, zum „Anhängsel“ zu werden.



