Eiskunstlauf
Neue Berliner Paarläufer überzeugen in Oberstdorf
Die einen laufen zu Joan Jetts „I Love Rock’n’Roll“, die anderen zur R’n’B-Ballade „Stay“ von Rihanna: Die beiden deutschen Paarlaufpaare, die diese Saison auch um Medaillen auf europäischer Ebene laufen, haben jeweils einen ganz eigenen Charakter.
„Wir wollen einfach anders sein“, sagt die Berlinerin Annika Hocke, die mit Robert Kunkel bewusst peppigen Rock zur Kurzkür ausgesucht hat. „Klassisches Geplänkel“ interessiert sie nicht. In Zeiten von TikTok zählten die ersten Sekunden, um Eindruck zu hinterlassen, meint auch Kunkel: Das Paar, das 2022 EM-Bronze holte, will den Sport wieder populärer machen.
Und sie gehen auch in Sachen Finanzierung eigene Wege: Da sie am Berliner Paarlaufstützpunkt zu wenig Eiszeit hatten, waren sie im Vorjahr nach Bergamo zur Paarlaufschmiede um Erfolgstrainer Ondrej Hotarek gewechselt. Eine teure Angelegenheit, trotz Unterstützung durch die Bundeswehr. Denn die Deutsche Eislauf-Union zahlt keine Anreisen mehr zu Wettbewerben. Und so haben Hocke/Kunkel übers Internet Fans um Zuschüsse gebeten. Erfolgreich. Und beide sind harte Arbeiter, die neuen Programme sind schon weit gediehen, beim Saisondebüt vor zwei Wochen in Bergamo gab es gleich neue Bestleistung, in Oberstdorf Bronze.
Doch das neue Berliner Paar Minerva Fabienne Hase/Nikita Volodin sitzt ihnen im Nacken. Hase hatte sich nach der Olympiaenttäuschung 2022 von Partner Nolan Seegert getrennt: Der jetzt 31-Jährige war kurz vor Peking an Corona erkrankt, sie kamen nur auf Platz 16. „Ich habe mir danach eine Auszeit genommen“, sagt Hase. Doch bald wurde ihr der Russe Nikita Volodin als Partner vorgeschlagen. Der talentierte und umgängliche 24-Jährige aus St. Petersburg hat inzwischen die Freigabe des russischen Verbands und lernt Deutsch, sein bisheriges Lieblingswort: „genug“.
Bei ihrem Debüt in Bergamo schafften beide auf Anhieb 194 Punkte – so viel hatte die 24-Jährige mit Seegert nie erreicht. Hase/Volodin sind ein elegantes, modernes Paar, mit langen Linien. „Wir sind spritzige Typen“, betont die Berlinerin. Und räumt ein, noch sehr nervös zu sein. „Es ist ungewohnt, nach eineinhalb Jahren Pause wieder Wettkämpfe zu laufen.“ So verpatzte sie beim Debüt auf heimischem Boden den Salchow, er war einfach statt dreifach, dennoch reichte es zum Sieg in Oberstdorf. Dass die Preisrichter „großzügig“ waren, freut sie, wie sie überhaupt demütig beglückt darüber ist, dass die Juroren sie und Volodin, der 2,5 Jahre nicht lief, gleich oben einordnen. „Damit habe ich nicht gerechnet, das gibt uns einen weiteren Motivationsschub.“
„Vorn“ mit dabei zu sein, sei das Saisonziel, am liebsten auf dem EM-Podium. Der Weg dahin könnte aber verbaut werden: Die EM findet im Januar in Litauen statt, das angesichts des Krieges strikt gegenüber Russland auftritt. Und neben Volodin ist auch Trainer Dmitry Savin Russe, da müssen Visafragen früh geklärt werden. Bisher habe sie kein negatives Feedback bekommen, sagt Hase: „Es gab keine Probleme. Und ich finde, dass man unser Zusammenlaufen auch ein bisschen getrennt von der politischen Lage sehen sollte. Wir machen hier Sport, wir stehen nicht für Länder in dem Sinne. Ich bin sehr glücklich mit meiner Partnerwahl und habe da auch den Support von allen.“