Pferdesport RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Tod des pfälzischen Pferdes Diallo: Jetzt spricht Reitstar Jessica von Bredow-Werndl

Jessica von Bredow-Werndl und Diallo noch ganz am Anfang einer hoffnungsvollen gemeinsamen Karriere – im Sommer 2025 bei den deu
Jessica von Bredow-Werndl und Diallo noch ganz am Anfang einer hoffnungsvollen gemeinsamen Karriere – im Sommer 2025 bei den deutschen Meisterschaften in Balve.

Die Olympiasiegerin hatte mit Diallo durchstarten wollen. Doch es kam anders: Diallo starb im Januar völlig unerwartet. Die Reiterin spricht nun offen über ihre Gefühle.

Sechs Wochen ist es her, dass ihre große Zukunftshoffnung Diallo in einer Münchner Tierklinik starb. Doch Jessica von Bredow-Werndls Stimme ist immer noch brüchig, wenn sie nun – mit einigem Abstand – für die RHEINPFALZ einen Einblick in ihre damalige, aber auch heutige Gefühlswelt zulässt. „Ich konnte keinen Menschen sehen außer meiner Familie. Ich habe heftig gelitten, es war der größte Schmerz meines bisherigen Lebens“, erinnert sie sich.

Was war passiert? Ihr Pferd Diallo, das erst Anfang 2025 aus der Nordpfalz zu ihr auf Gut Aubenhausen in Bayern gewechselt war, starb an einen hämorrhagischen Infarkt im Bereich von Kleinhirn und Hirnstamm. Dabei handelt es sich um eine akute Hirnblutung, bei der ein Blutgefäß im Gehirn reißt. In der Folge tritt Blut ins Hirngewebe aus, was schwerwiegende neurologische Ausfälle verursacht – ein sehr seltenes medizinisches Ereignis. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiere, liege bei 1:20 Millionen, informierte Jessica von Bredow-Werndl damals. „Dass Diallo an einem Schlaganfall gestorben ist, ist entsetzlich, aber auch fast tröstlich – weil ich weiß, dass ich nichts dagegen hätte tun können. Und dass es einfach Schicksal war“, sagt sie heute. Ganz wichtig für sie: Diallo soll nicht gelitten haben. Die Ärzte hätten ihr gesagt, Pferde spürten bei einer Hirnblutung keine Schmerzen.

Mehr Nachrichten als bei Olympiasiegen

Noch am Tag von Diallos Tod, dem 6. Januar, war es die Nachricht in der Pferdeszene, bundes- und weltweit. „Die Anteilnahme war wirklich unfassbar groß, ich habe mehr Nachrichten bekommen als zu meinen Olympiasiegen“, sagt Jessica von Bredow-Werndl (40), die bei den Sommerspielen 2020 in Tokio und 2024 in Paris mit der inzwischen in den Sportruhestand verabschiedeten Stute Dalera zweimal Einzel- und zweimal Mannschaftsgold errang.

Die Tage nach Diallos Tod waren geprägt von Schock, Trauer – aber auch Anteilnahme und Empathie. „So viele haben mir wirklich das Gefühl gegeben haben, dass sie so mitfühlen. Viele haben geschrieben: Du bist nicht allein, und sie haben ihre Geschichten geteilt. Das war wirklich eine sehr tragende Energie. Wobei ich zugeben muss, dass ich die ersten drei Tage nicht in der Lage war, Nachrichten oder Kommentare zu lesen. Ich bin dann auch noch krank geworden und habe mich die ersten Tage wirklich verbarrikadiert“, berichtet Jessica von Bredow-Werndl.

Ein „grauer Schleier“

Sie wusste aber auch, „dass über ganz Aubenhausen ein grauer Schleier lag – und ich diejenige war, die nicht nur mir, sondern dem ganzen Team die Erlaubnis geben musste, sich wieder des Lebens zu erfreuen“. So habe sie sich schließlich gezwungen, wieder zurück ins Leben – auch jenes einer Profireiterin – zu finden. „Weil ich gemerkt habe, wie sehr mich meine Kinder, die Familie, die anderen Pferde und die Mitarbeitenden brauchen. Meine Energie ist einfach sehr entscheidend, nicht nur für mich, auch für mein Umfeld.“

Eine große Stütze seien ihr Mann, ihre Eltern und ihr Bruder Benjamin (41) gewesen. Der WM-Vierte 2022 von Herning hatte vor zwei Jahren selbst tragisch – Trümmerbruch nach Koppelunfall – Famoso, sein damals bestes Pferd, verloren. Er war vor über einem Jahr in der Pfalz, um den Wallach Quick Decision für sich selbst anzuschauen. „Quick“ und auch Diallo (im Besitz der Kaiserslauterer Rechtsanwältin Annette Göbelsmann-Schweitzer) waren von Uta Gräf sowie zuvor Jasmin Schaudt und Roxana Noack ausgebildet worden und hatten das Interesse der beiden Starreiter aus Bayern geweckt.

„Meine ganze Familie hat mit mir geweint. Es war heftig, intensiv, aber rückblickend war der Familienzusammenhalt auch schön. Es bringt einen noch näher zusammen, wenn man gemeinsam durch so etwas geht“, sagt die zweifache Mutter Jessica von Bredow-Werndl. Das stabile Umfeld habe enorm geholfen. Hilfe von außen holte sie sich nicht explizit: „Ich arbeite ja mit verschiedenen Coaches zusammen, aber speziell in diesem Fall hatte ich nicht das Gefühl, hier etwas zusätzlich tun zu wollen. Stattdessen habe ich mich selbst sehr intensiv mit mir und Diallo in Verbindung gesetzt.“

Der größte gemeinsame Erfolg: Weltcupsieg im November 2025 in Stuttgart.
Der größte gemeinsame Erfolg: Weltcupsieg im November 2025 in Stuttgart.

Wer den elfjährigen braunen Wallach noch aus der Pfalz kannte, erinnert sich an ein außerhalb des Reitplatzes ruhiges, beinahe introvertiertes und schüchternes Pferd. Jessica von Bredow-Werndl betonte aber stets, wie schnell sie auch eine emotionale Verbindung zu Diallo gefunden habe und wie schonend er von Uta Gräf bis zur Turnierklasse Grand Prix geführt worden sei. Im Dressurviereck wuchs sein Selbstbewusstsein spür- und sichtbar. Über die Stationen Balve (deutsche Meisterschaften) und Aachen (CHIO) – beide Male musste die erfahrenen Reiterin auch mit sportlichen Rückschlägen klarkommen und aus ihnen lernen – kam es im November zum Höhepunkt, der nur ein vorläufiger sein sollte: Weltcup-Premiere für Diallo – und auf Anhieb zwei Siege in der vollbesetzten Stuttgarter Schleyerhalle. Spätestens ab da war klar: Jessica von Bredow-Werndl ist eine Kandidatin für die WM im Spätsommer 2026 in Aachen. Ihre Fans und die Fachwelt waren begeistert, wie schon bei Dalera auch von der Harmonie zwischen Pferd und Sportlerin, dem feinen Reiten. „Diallo und ich hatten eine riesengroße Chance aufs Team“, weiß sie.

Ein neuer Karriereplan

Es kam anders. „Ich mache weiter“, versichert die 40-Jährige. Die Stute Kismet hat sie vor gut anderthalb Jahren von der britischen Olympiasiegerin Charlotte Dujardin übernommen. „Eine sehr große Nachwuchshoffnung, und jetzt habe ich auch das Gefühl, dass wir zusammen gewachsen sind“, sagt Jessica von Bredow-Werndl. Ihre Stimme bleibt hier und da brüchig. Der Schmerz und das Trauma sitzen tief. Auch bei einer Profireiterin, zumal jemandem wie Jessica von Bredow-Werndl, die vegan lebt und sich auch abseits der Pferde für den Tierschutz einsetzt. Aber auch ihr Berufsleben, der Dressursport, geht weiter.

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