Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Nach schwerer Verletzung: Wie sich die Südpfälzer Weitspringerin Mikaelle Assani zurückkämpft

Zwei Wochen vor ihrer Verletzung springt Mikaelle Assani zu Silber bei der Hallen-DM.
Zwei Wochen vor ihrer Verletzung springt Mikaelle Assani zu Silber bei der Hallen-DM.

Eine schwere Verletzung stoppte Weitspringerin Mikaelle Assani. In der Reha lernt die Südpfälzerin ihren Körper neu kennen – und spricht offen über ein Tabu im Sport.

Die Menschenschlange ist lang und windet sich durch den Fanshop. Zwischen den Verkaufsständern hat sich Mikaelle Assani an einen Stehtisch gestellt und unterschreibt alles, was ihr die Leichtathletik-Anhänger unter die Nase halten: T-Shirts, Autogrammkarten, Kalender. Die 23-Jährige legt den Arm um die Schulter eines Mädchen und lächelt. Der Vater macht mit dem Smartphone ein Foto. Ein paar Meter weiter in der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle suchen die Stabhochspringer zur gleichen Zeit ihren deutschen Meister. Sprinterin Sina Mayer vom LAZ Zweibrücken kämpft um die Halbfinal-Qualifikation über 60 Meter. Für Assani ist der Spitzensport ganz nah – und in diesem Moment doch recht weit weg.

„Natürlich bin ich eine Athletin. Ich bin ehrgeizig und ich liebe meinen Sport“, sagt Assani, „es ist immer cooler, am Anlauf zu stehen, das Publikum wahrzunehmen und das umzuwandeln in große Weiten.“ Doch das ist im Moment noch nicht möglich. Umso mehr freut sie sich über den Zuspruch der Zuschauer. Die Unterstützung, die sie spürt, tut ihr gut. Acht bis neun Trainingseinheiten absolviert sie pro Woche. Vormittags Leichtathletik, nachmittags Reha-Programm. „Es wird von Woche zu Woche immer schneller“, sagt die Wahl-Pfälzerin. „Ich kann immer mehr Bounce aufbauen.“ Sprich: das lädierte linke Bein mehr belasten, es mehr federn lassen, mehr Kraft in den Sprung legen.

Nicht nur eine Zerrung

Am 8. März 2025 läuft Assani bei der Hallen-EM im niederländischen Apeldoorn zu ihrem sechsten Versuch an. Ein paar Meter vor dem Absprungbrett knickt sie bei annähernder Höchstgeschwindigkeit weg und stürzt. Sofort fasst sich die Sportlerin an den linken Oberschenkel. Im Rollstuhl wird Assani aus der Halle gefahren, Tränen kullern ihr über das Gesicht. Sie fühlt in diesem Augenblick bereits: Es ist nicht nur eine Zerrung, sondern es ist deutlich schlimmer.

Als es passiert, fasst sich Mikaelle Assani direkt an den linken Oberschenkel.
Als es passiert, fasst sich Mikaelle Assani direkt an den linken Oberschenkel.

Ein paar Tage später liegt Assani auf dem OP-Tisch. In ihrem Oberschenkel-Beuger ist eine Sehne komplett gerissen, eine weitere zum Teil. Besonders zu Beginn stellt sie sich die Frage, die sich die meisten Sportler bei einer schweren Verletzung stellen: Warum? Was lief falsch? Nun, ziemlich genau ein Jahr später, sagt sie: „Ich habe das für mich einfach abgeschlossen. In meinem Kopf ist es eigentlich gar nicht mehr.“

Vielmehr ist sie überrascht, wie schnell die vergangenen Monate vorübergezogen sind – nicht nur, weil sie den Verein gewechselt hat. Vom LC Heel Baden-Baden ging es für sie in die Leichtathletik-Abteilung des Karlsruher SC. „In meinem Hinterkopf war es schon immer, für den KSC anzutreten“, sagt sie, „nun hat der Verein angefragt, die Verhandlungen gingen flott, und dann habe ich unterschrieben.“ Ihr Betreuer bleibt Erfolgstrainer Udo Metzler. Für Assani ist es eine Rückkehr in die badische Heimat: In Karlsruhe ist sie aufgewachsen, nach einem Abstecher in das südpfälzische Kuhardt wohnt sie inzwischen wieder in der Fächerstadt und studiert am KIT Bioingenieurswesen.

Mit jedem Lauf mehr Sicherheit

„Ich finde es verrückt, wie schnell dieses Jahr vergangen ist“, sagt Assani, „es ist so viel passiert und es ist immer noch ein langer Prozess.“ Ihre Reha absolviert sie in Frankfurt. Anfangs durfte sie das Bein nur mit bis zu 20 Kilogramm belasten. „Es ist total interessant, seinen Körper besser kennenzulernen und zu schauen, wie er auf eine solche Verletzung reagiert“, erzählt sie, „wie kann man ihn stärken, wie kann man ihn pflegen?“ Aktuell gewinnt sie mit jedem Schritt, mit jedem Lauf mehr und mehr Sicherheit. „Es ist ein Prozess. Man muss sich einfach die Zeit nehmen, die nötig ist“, sagt sie. Optimal wäre es zwar, wenn sie zur Freiluft-Saison wieder richtig einsteigen könnte. Aber Druck ist ein schlechter Begleiter. „Wenn es einen Monat länger dauert, dann ist es eben so“, sagt Assani. Ein Härtetest soll bald zeigen, wie der genaue Fahrplan zum Comeback aussieht.

Im Rollstuhl muss Assani aus der Halle in Apeldoorn gefahren werden – und weint.
Im Rollstuhl muss Assani aus der Halle in Apeldoorn gefahren werden – und weint.

Stets dabei sind ihre knapp 26.000 Follower auf Instagram. „Ich hatte das Gefühl, dass in der Leichtathletik kaum über Verletzungen gesprochen wird“, sagt sie. Bei Fußballspielern hingegen habe sie beobachtet, dass oft jeder Fortschritt dokumentiert und in die Öffentlichkeit getragen werde. Deshalb hat die 23-Jährige ein Format entwickelt, in dem sie ihre Fans mitnimmt in den oft unspektakulären Reha-Alltag – zu Sitzungen beim Physiotherapeuten, zu Kraftübungen, zum Stretching, aber auch zum Abendessen im Restaurant. „Faith forward – mein Weg zurück“, heißt die Serie. Das erste Video beginnt mit dem verhängnisvollen Anlauf von Apeldoorn.

Nachfolgerin von Malaika Mihambo?

„Man muss einfach offener sein und diese Kultur, alles verstecken zu wollen und im Geheimen zu arbeiten, durchbrechen“, sagt Assani. Sie ist überzeugt, dass sie ohne böse Erinnerungen und ohne Angst vor einer neuen Verletzung am Start stehen wird. „Wenn ich zu 100 Prozent gesund bin, wird der Unfall kein Problem mehr sein“, sagt sie.

Verstehen sich: Malaika Mihambo und Mikaelle Assani.
Verstehen sich: Malaika Mihambo und Mikaelle Assani.

Zwei Wochen zuvor hatte Assani die Silbermedaille bei den deutschen Hallenmeisterschaften hinter Malaika Mihambo gewonnen. Viele trauen ihr zu, irgendwann die Nachfolge der Olympiasiegerin von 2021 anzutreten. Nun ist sie in der Dortmunder Körnig-Halle zum Zuschauen gezwungen. Tags drauf steht die Weitsprung-Konkurrenz an. Assani ist bereits abgereist. Und Seriensiegerin Mihambo tut das, was die 23-Jährige auch bald wieder machen möchte: sich feiern lassen und Autogramme schreiben – aber nicht im Fanshop, sondern nach großen Weiten.

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